Christlich-Islamisch-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Marl will Religionsdialog vertiefen

Drei Religionen einig: Terror der Hamas trifft alle Religionen

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Entsetzen über die Terroranschläge der Hamas herrscht in der Christlich-Islamisch-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Marl im Kreis Recklinghausen, kurz CIJ-AG. Die Anschläge auf Israel verurteilen die dortigen Religionsvertreter scharf.

Der Überfall von Hamas-Terroristen auf Israel sorgt auch in der Christlich-Islamisch-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft in Marl für Entsetzen und Hilfslosigkeit ebenso wie die Eskalation in Gaza und im Westjordanland. „Diesen Terror, diesen Überfall, dieses Morden an Kindern, Alten und hilflosen Menschen verurteile ich und sage auch: Die Hamas ist nicht der Islam. Sie hat nichts mit der Religion zu tun“, sagt Nazifa Güner.

Die 56-Jährige gehört der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Marl an und repräsentiert die islamischen Gemeinden der Stadt in der CIJ-AG. Sie findet deutliche Worte für das, wofür der Islam steht und für was nicht: „Die Hamas missbraucht die Religion. Der Koran verurteilt das Töten unschuldiger Menschen. Der Islam steht für Frieden und will ein friedliches Zusammenleben der Menschen. Ich möchte, dass Juden, Christen und Muslime in gegenseitigem Respekt und respektvoller Anerkennung der anderen Religion gemeinsam an einer friedvollen Welt arbeiten.“

Gegenseitiger Respekt

Die türkischstämmige Nazifa Güner engagiert sich seit 35 Jahren für den Christlich-Islamischen Dialog im nördlichen Ruhrgebiet, der im Kreis Recklinghausen lange unter dem Kürzel CIAG (Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft) bekannt war. Im April 2020 erweiterte der Vorstand den Namen CIAG Marl zu dem neuen, gewissermaßen „abrahamitisch inklusiven“ Namen CIJ-AG Marl. So sollen mit den drei großen Buchstaben C, I und J vor dem Kürzel AG die in den Jahren gewachsene Zusammenarbeit als Christlich-Islamisch-Jüdische Arbeitsgemeinschaft im Kreis Recklinghausen dokumentiert werden.

Neben Nazifa Güner repräsentieren Beatrix Ries für die christlichen Gemeinden und Lilia Vishnevetska für die Jüdischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen die Arbeit der CIJ-AG nach außen. Mit zahlreichen Projekten und Veranstaltungen fördert die Arbeitsgemeinschaft Respekt und Toleranz, Verständigung und Akzeptanz, Begegnung und Frieden zwischen den Religionen und im Gemeinwesen.

Schwierige Suche nach Frieden

Die Anschläge auf Israel und die ungewisse Zukunft in der Region macht Lilia Vishnevetska ratlos und hilflos: „Alle jüdischen Gemeinden auch hier in Deutschland stehen unter Schock. Es darf keinen Krieg geben. Wir müssen Wege der Verständigung suchen und finden“, sagt sie.

Vor etwa 35 Jahren kam sie aus der Ukraine nach Deutschland. Viele Verwandte von ihr leben in Israel. In ihrer weit verzweigten Familie in Deutschland, USA und Israel leben Juden, Christen und Muslime zusammen. „Ein friedliches Zusammenleben ist möglich. Der Hass darf nicht siegen“, sagt sie.

Rechte der Palästinenser

Das empfindet auch Beatrix Ries. Die Katholikin engagiert sich seit vielen Jahren für den Religionsdialog und bereitet derzeit das Abrahamsfest der CIJ-AG vor, das in diesem Herbst wieder mit zahlreichen Veranstaltungen, Festen und einem gemeinsamen Gastmahl zum 23. Mal begangen wird. „Die Sicherheit Israels steht außer Frage. Und doch müssen wir Antworten finden, wie die Palästinenser ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können. Die Situation ist zum Verzweifeln.“

Vor 45 Jahren ist Beatrix Ries als junge Studentin das erste Mal nach Israel gereist und hat die religiösen Stätten wie den Felsendom besucht. Heute ist der der Zutritt zum Felsendom nicht möglich. „Der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinenser stockt seit vielen Jahren und ist immer schwieriger geworden. Die Lage scheint ausweglos zu sein“, meint Ries, die mehrmals das Heilige Land besucht hat.

Missbrauch der Religion

Auch wenn die CIJ-AG nicht der Ort für politische Debatten sei, verfolgten die Religionsvertreter in Marl die Entwicklung in Israel, in den Palästinenser-Gebieten und im ganzen Nahen Osten. „Wir verfolgen die Politik und besprechen die Einstellungen der radikalen jüdischen Siedler und der islamistischen Gruppen. Wenn die Religion missbraucht wird, müssen wir es benennen“, sagt Ries.

Sie setzt ebenso wie Lilia Vishnevetska und Nazifa Güner auf einen vertieften interreligiösen Dialog. In Marl werden Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsenen-Gruppen der verschiedenen Konfessionen und Religionen zum Besuch des Abraham-Hauses in Marl eingeladen. In mehreren Räumen werden dort mit Informationentafeln und Gegenständen anschaulich die religiösen Riten im Judentum, im Christentum und im Islam erklärt. 

Besuche der Gotteshäuser und Gebetsstätten

Wichtig ist dem Frauen-Team der CIJ-AG, dass Kinder und Jugendliche Respekt vor anderen Kulturen bekommen und diese auch kennen lernen. Schulklassen haben regelmäßig die Möglichkeit, die Marler Kirchen und Moscheen zu besichtigen und die Synagoge in Recklinghausen zu besuchen. 

Vor einigen Jahren ist Beatrix Riese mit einer Gruppe arabisch-stämmiger Jugendlicher in das Jüdische Jugendheim nach Recklinghausen gefahren, um sich bei einer gemeinsamen Begegnung den Film „Alles für meinen Vater“ anzuschauen. Der Film zeigt die Radikalisierung eines arabischen Jugendlichen, der sich zu einem Selbstmordattentäter ausbilden lässt, in Tel Aviv das Attentat plant, dann aber, als die Selbstzündung misslingt, erkennt, wie wertvoll sein Leben und das Leben anderer ist. 

Friedensgebete und Israel-Reise

Inwieweit die CIJ-AG während des aktuell laufenden Abrahamsfestes auf die aktuellen Geschehnisse in Israel eingehen wird, ist noch ungewiss. „Friedensgebete wird es mit Sicherheit geben“, sagen sie drei Frauen. Juden, Christen und Muslime müssten gemeinsam ein Zeichen des Friedens setzen.

Ob im nächsten Jahr die ursprünglich geplante Israel-Fahrt der CIJ-AG durchgeführt werden kann, ist derzeit ungewiss. „Ich würde gern nach Israel reisen, um dort die heiligen Stätten der drei Religionen aufzusuchen und mehr über diese zu erfahren“, sagt Nazife Güner.

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