Der neue Dokumentarfilm von Christoph Röhl

Film „Verteidiger des Glaubens“: Benedikt XVI. als Gescheiterter

„Joseph Ratzinger ist eine tragische Figur: Er hat das Gegenteil dessen erreicht, was er erreichen wollte.“ Diese These hat Regisseur Christoph Röhl bei der Vorpremiere seines Films „Verteidiger des Glaubens“ im „Cinema“ in Münster vertreten.

Er habe gespürt, dass Benedikt XVI. etwas Paradigmatisches an sich habe und eine Symbolfigur darstelle, so der Regisseur. „Er hat den Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen und leugnet deshalb andere Wahrheiten und Wirklichkeiten.“

Zeitzeugen kommen zu Wort

Er sei zunächst fasziniert von Ratzinger gewesen, sagte der Regisseur. „Aber dann änderte diese Geschichte sich fortwährend.“ Röhl zeigte sich erstaunt, dass niemand anderer auf die Idee gekommen sei, die Lebensgeschichte Benedikts zu verfilmen: „Da tritt zum ersten Mal ein Papst seit Hunderten von Jahren zurück, dazu noch ein deutscher Papst, und niemand macht einen Film darüber.“

Zeitzeugen, Wegbegleiter und Kirchenkenner wie der Jesuit Pater Klaus Mertes, Ratzinger-Assistent Wolfgang Beinert, der Theologe Hermann Häring und Privatsekretär Georg Gänswein kommen zu Wort. Der Film dokumentiert auch die Zeit Ratzingers als reformorientierter Theologe beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Haltung zum Konzil habe sich aber in den 1960er Jahren geändert, weil er – nicht zuletzt angesichts der Studentenbewegung von 1968 – aufkommende Anarchie fürchtet.

Warum Ratzinger Papst wurde

Ging es ihm als Präfekt der Glaubenskongregation vor allem darum, die Kirche in einer immer pluraleren Welt zusammenzuhalten (das Beispiel Befreiungstheologie spielt im Film eine große Rolle), so warnte er in seiner letzte Rede als Kardinal am 18. April 2005 mit Nachdruck vor der „Diktatur des Relativismus“ – und wurde vermutlich gerade wegen dieser Rede zum Papst gewählt. „Er war sicher nicht der Richtige für das Papstamt, aber das Papstamt war das Richtige für ihn“, urteilt die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner. Benedikt habe sich regelrecht in die Welt seines Amtes „eingepackt“ und die Probleme der Kirche ungelöst gelassen.

Kritisch bewerteten auch Jesuitenpater Mertes und der Theologe Häring die Pontifikate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Sie sprachen von einem System der Kontrolle, der Angst und der Vorsicht.  Aber diese Ära des wohlkontrollierten Anspruchs, alles im Griff zu haben, ging laut Mertes mit Benedikts Rücktritt zu Ende.

Der Vatikan und der Missbrauch

Christoph Röhl (links) und Moderator Matthias Brender von den „Nordwalder Biografietagen“. | Foto: Gerd Felder
Christoph Röhl (links) und Moderator Matthias Brender von den „Nordwalder Biografietagen“. | Foto: Gerd Felder.

Im letzten Teil rückt der Film den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, vor allem in den USA und Irland, in den Mittelpunkt. Mit eindringlichen Aufnahmen wird deutlich, wie Benedikt dem immer größere Kreise ziehenden Skandal ein „Jahr des Priesters“ entgegenstellte, mit dem die Heiligkeit des Priesteramtes gefördert werden sollte.

Röhls Vorwurf lautet, der Vatikan, darunter auch Ratzinger, habe seit Jahrzehnten von den Machenschaften und Verbrechen der „Legionäre Christi“ und ihres Gründers Marcial Maciel gewusst, aber nichts unternommen. Maciel sei lange sogar noch öffentlich gefeiert worden.

Die Stärke des Films ist auch seine Schwäche

Die größte Stärke des neuen Films, seine Fokussierung auf das Scheitern Benedikts und seines Kirchenbilds, ist zugleich seine Schwäche: Den Anspruch, ein Ratzinger-Porträt abzuliefern, wird der teilweise mit großartigen Aufnahmen und erhellenden Beobachtungen glänzende Film nicht gerecht. So fehlen wichtige Ereignisse aus Benedikts Amtszeit, wie sein Deutschland-Besuch mit der umstrittenen Regensburger Rede und die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Auch Ratzingers herausragende theologische Leistung, seine ausgefeilte Redekunst und gedankliche Präzision kommen eindeutig zu kurz.

Ernst nehmen aber muss die Kirche die Botschaft Röhls, der nach eigener Einschätzung zuvor „kein Verhältnis zur Kirche“ hatte: „Mich berührt am meisten, dass die Kirche nicht die Größe hat, zu den Opfern zu gehen und ihnen zu sagen: Wir haben euch Unrecht getan.“ Die Vertrauenskrise habe nicht in erster Linie mit dem Missbrauch, sondern mit der Vertuschung zu tun.

„Verteidiger des Glaubens“ läuft am 31. Oktober in den deutschen Kinos, darunter im „Cinema“ in Münster.