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Wie der neue US-Präsident Kraft aus seinem Glauben zieht

Joe Biden – tief katholisch trotz schwerer Schicksalsschläge

  • Joe Biden ist der zweite katholische Präsident der US-Geschichte.
  • Sein tiefer Glaube überstand mehrere Schicksalsschläge.
  • Dennoch fragen Konservative: Ist er „katholisch genug“?
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Zum Ende seiner Siegesrede am 7. November spricht Joe Biden aus dem Herzen. „In den letzten Tagen des Wahlkampfs dachte ich oft über ein Kirchenlied nach, das meiner Familie und mir, insbesondere meinem verstorbenen Sohn Beau, viel bedeutet hat“, sagt Biden. Er hoffe, dass es den Angehörigen der Opfer des Coronavirus „denselben Trost spendet“. Dann zitiert der gewählte Präsident aus dem Lied „On Eagle's Wings“, das der katholische Priester Michael Jones 1976 zu Papier brachte.

Es basiert auf Psalm 91 und beschreibt Gott als Beschützer, der die Menschen auf den Schwingen des Adlers erhebt und „dich in seiner Hand trägt“. Biden sang die Hymne während der Austeilung der Kommunion bei der Beisetzung Beaus, der 2015 einem Gehirntumor erlag; schon das zweite Kind, das der damalige Stellvertreter Barack Obamas zu Grabe tragen musste.

Wurzeln seines Glaubens

Zu Beginn seiner politischen Laufbahn, wenige Tage nach seiner Wahl zum mit 29 Jahren jüngsten US-Senator in der Geschichte, kam 1971 seine einjährige Tochter Naomi zusammen mit Bidens erster Frau auf der Rückfahrt vom Holen des Weihnachtsbaums bei einem Unfall ums Leben. Freunde überredeten ihn, nicht aufzugeben. Was ihn damals - wie während des eigenen Ringens mit einem Aneurysma oder seinen politischen Niederlagen - gehalten hat, war nach eigenem Zeugnis sein Glaube.

Der hat seine Wurzeln in Scranton im US-Bundesstaat Pennsylvania, wo „Joey“ als Kind irischer Einwanderer aufwuchs. Dort und später im benachbarten Delaware erlebte er den Katholizismus in der Nachbarschaft, in den Schulen und Kirchen, die er besuchte. Das Mitglied der „St. Joseph on the Brandywine“-Gemeinde geht dort bis heute zur Messe, wenn er in Wilmington ist.

Als Bidens Sohn stirbt, tröstet der Politiker den Priester beim Requiem

„Meine Religion gibt mir enormen Trost“, vertraute Biden dem Satiriker Stephen Colbert nach dem Tod Beaus an. Dass dies nicht einfach nur so gesagt ist, bezeugt der Jesuit Leo O'Donovan, der in Münster studierte und lebte und als enger Freund Bidens bei dessen Amtseinführung auf den Stufen des Kapitols ein Gebet sprechen wird.

Der heute 86-jährige Priester leitete auch die Totenmesse für Beau. Seine Predigt begann mit den Worten, „Joe, es tut mir so leid.“ Dann brach er in Tränen aus. O'Donovan hat oft erzählt, wie ihn Biden dann tröstete. „Er war in diesem Moment mein Pastor.“

„Die verletzte Seele der Nation heilen“

Es ist dieser gelebte Glaube, der den neuen US-Präsidenten nach Angaben vieler Menschen auszeichnet, die ihn kennen. Biden hält keine theologischen Vorträge, verliert sich nicht in Doktrinärem oder macht Politik mit seiner Religion. Für den in seinem Leben oft von Schicksalsschlägen heimgesuchten Katholiken ist er eine stete Quelle der Erneuerung.

Genau das verspricht er in diesen Tagen einer tief gespaltenen Gesellschaft, die mit den Folgen der Krawalle fanatisierter Anhänger Donald Trumps und mit täglich mehr Corona-Toten ringt, als es Opfer am 11. September 2001 gab. Er bietet sich bei der Amtseinführung als Tröster an, der, wie er selbst sagt „die verletzte Seele der Nation heilen will“.

Einige fordern, Biden die Kommunion zu verweigern

Eine gewaltige Aufgabe, deren Ausmaß sich an dem Misstrauen ablesen lässt, das ihm in der eigenen Kirche entgegenschlägt. Katholiken haben Biden laut Nachwahl-Untersuchungen mit nur 52 zu 48 Prozent Trump vorgezogen. Viele katholische Trump-Anhänger stellen Bidens Glauben wegen dessen Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen, „Homo-Ehe“ und anderen kulturellen Streitthemen infrage.

Jayd Henricks, der bis 2017 für die US-Bischofskonferenz die politische Lobby-Arbeit in Washington leitete, fordert in einem Beitrag für das katholische Magazin „First Things“, die Bischöfe sollten Biden die Kommunion verweigern, „um ihm klare Führung zu geben“.

Die Position zu Abtreibung

Der Washingtoner Kardinal Wilton Gregory hat dieser Forderung eine Absage geteilt. Doch es gibt nicht wenige in der Bischofskonferenz, die sich auf harte Auseinandersetzungen mit Biden einstellen.

Der künftige Präsident lehnt Abtreibungen persönlich ab, will dies aber anderen nicht vorschreiben. Die US-Bischöfe gründeten nach den Wahlen eine Arbeitsgruppe, die mit der „schwierigen und komplexen Situation“ umgehen soll.

„Glaube sieht in der Dunkelheit am besten“

Während es bei John F. Kennedy, dem ersten Katholiken im Weißen Haus, Skepsis gab, ob er dem säkularen Staat gegenüber genügend loyal sei, steht diesmal eine andere Frage im Zentrum: Ist Biden katholisch genug? Eine kuriose Ausgangslage für den tiefgläubigen Präsidenten, der jeden Sonntag zur Messe geht, selbstverständlich aus der Bibel zitiert und seine Reden mit religiösen Referenzen versieht.

„Für mich hat Glaube vor allem mit Hoffnung, Zweck und Stärke zu tun“, sagt Biden in einem Video, mit dem er sich vor den Wahlen an die Katholiken wandte. Nach dem gescheiterten Aufstand der Trumpisten gegen die Demokratie, einer außer Kontrolle geratenen Pandemie und wachsender wirtschaftlicher Not spendet solches Verständnis Trost. Oder wie der 46. Präsident der Vereinigten Staaten sagt: „Glaube sieht in der Dunkelheit am besten.“

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