Gemeinde St. Gertrud lädt Friedhofsbesucher zum „Treffpunkt Friedhof“ ein

Kaffeetrinken zwischen Gräbern - in Lohne ganz normal

Kaffee trinken auf dem Friedhof? Das gab es damals noch nirgendwo im Bistum Münster. So konnten sich Pastoralreferentin Christine Gerdes und die anderen Frauen im Team wie Pionierinnen vorkommen – als sie 2011 erstmals blaue Stehtische auf dem Kirchhof der St.-Gertrud-Gemeinde im oldenburgischen Lohne aufstellten. Ein Experiment zwischen Einzel- und Familiengräbern, mit Thermoskanne und ein paar Tassen darauf.

Christine Gerdes hatte damals von einer ähnlichen Aktion in Köln gelesen: Gespräche zwischen Gräbern sollten Trauernden zum Beispiel helfen, aus ihrer gefühlten Einsamkeit herauszufinden oder ihrem Herzen und ihren Gefühlen Luft zu machen. „Warum sollten wir das nicht auch in Lohne ausprobieren?“, dachte sich die Pastoralreferentin.

Zeit für Gespräche auf dem Friedhof

In der St.-Gertrud-Pfarrei fand sie schnell Mitstreiterinnen. Gemeinsam organisierten die Frauen ein regelmäßiges Angebot. Dabei hatten sie für verschiedenste Friedhofsbesucher vor Augen: den langjährigen Witwer zum Beispiel, der seit Jahren regelmäßig das Grab seiner Frau pflegt, die erwachsenen Kinder, die gerade erst ihren Vater zu Grabe getragen haben, Menschen, die auf dem Friedhof Ruhe suchen.

„Es ist wichtig, zu den Menschen in Not zu gehen“, sagt Christine Gerdes. Schon in den ersten Begegnungen wurde ihr und den anderen im Team der Bedarf deutlich. „Trauernde sind ja oft noch dabei, den Tod ihres Angehörigen zu verarbeiten“, erklärt sie. „Sie sind voll von Geschichten und wollen davon erzählen.“

Der Friedhof macht Menschen offener

Ein Problem dabei: Zu Hause mag die oft keiner mehr hören. Mangelndes Verständnis im privaten Umfeld belaste Trauernde. „Stattdessen fallen schon nach wenigen Wochen Sätze wie: „Jetzt ist es aber auch mal gut mit deiner Trauer. Du musst endlich mal wieder nach vorne gucken.“

Christine Gerdes hält dagegen: „Manche Menschen brauchen einfach mehr Zeit.“ Gerade ihnen könnten die Gespräche auf dem Friedhof helfen,  die oft mehr sind als nur lockerer Klön­schnack. Der besondere Ort macht viele Menschen offener, die Hemmschwelle sinkt. Auch das haben die Helferinnen erlebt. „Alle, die hier hinkommen, haben ein ähnliches Problem. Da findet man schneller ins Gespräch.“ sagt Steffi Kathmann, die als Ehrenamtliche von Beginn bis heute mitmacht.

Trauernde entwickeln besondere Vertrautheit untereinander

Trauernde untereinander entwickelten dabei häufig eine besondere Vertrautheit. „Auch, wenn sie sich gar nicht kennen.“ Christine Gerdes denkt zum Beispiel an einen Mann, der von seiner demenzkranken Frau erzählte, wie er sie bis zu ihrem Tod begleitet habe und wie schwierig das war. Für einige Besucher ist auch Einsamkeit ein Problem. Ihnen würden die Kontakte auf dem Friedhof helfen.

Manchmal fließen auch Tränen. Aber es gibt nicht nur traurige Gespräche, sondern auch Begegnungen wie die mit einer älteren Dame. Sie habe einfach angefangen, zu erzählen: wie sie das mit dem Grab ihres Mannes alles organisiert habe, dass er alles Blühende so mochte und dass sie deshalb immer für frische Blumen auf seinem Grab sorge.

Sie stehen an jedem 2. Donnerstag zwischen den Gräbern

Mittlerweile gehört das Projekt mit dem Namen „Treffpunkt Friedhof“ fest in das Angebot der Pfarrei. Jeweils am zweiten Donnerstag im Monat warten Helferinnen aus dem Kreis von mittlerweile einem halben Dutzend Ehrenamtlicher an Stehtischen in den Gängen zwischen den Gräbern. Bis auf den Ständigen Diakon Franz-Josef Kröger zählen bisher ausschließlich Frauen zum Team.

Wenn jemand reden möchte, ist dafür Gelegenheit von etwa 16 bis 18 Uhr. Die Zeit ist bewusst so gewählt.Zum einen liegt  sie außerhalb der in Lohne üblichen Beerdigungszeiten, zum anderen nach Feierabend der meisten Berufstätigen. Dann kommen viele zum Blumengießen. Von Allerheiligen bis März pausiert der Treffpunkt auf dem Friedhof. „In der kalten Jahreszeit ist es dort ja deutlich ruhiger dort“, sagt Christine Gerdes. Auch, weil niemand mehr Blumen gießen muss.

Auch in Oldenburg, Garrel und Visbek gibt es Friedhofstreffs

An den Stehtischen, den Tassen mit dem Logo von St. Gertrud und Thermoskannen sollen die Besucher erkennen: Hier ist niemand in Eile. Die Gespräche helfen Trauernden, davon ist Christine Gerdes überzeugt. „Ich spüre das an der Dankbarkeit vieler Gesprächspartner“, sagt die Seelsorgerin. Aber auch sie selbst und die anderen im Team bedanken sich oft und aus vollem Herzen bei den Trauernden. „Weil sie uns Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben anvertrauen.“

Mittlerweile haben sich auch andere Gemeinden von dem Lohner Projekt anregen lassen. Auf dem katholischen Friedhof der Stadt Oldenburg zum Beispiel stellen Helfer seit 2013 regelmäßig Campingtisch und Klappstühle auf und laden ein zum „Café der Erinnerung“ bei Plätzchen und Kaffee. Und Ehrenamtliche in Garrel und Visbek arbeiten seit 2017 nach dem Lohner Muster.