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Die Geschichte vom tiefgläubigen Markus und von Stephan, dem Atheist

#liebegewinnt: Warum ein schwules Paar sich nicht segnen lässt

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Als Reaktion auf das Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Paare laden viele Kirchen am oder um den 10. Mai bewusst zu Segnungsgottesdiensten ein - besonders, aber nicht ausschließlich gleichgeschlechtliche Paare. Markus und Stephan sind ein schwules Paar, und zumindest Markus bedeutet sein Glaube viel. Dass sie sich dennoch nicht segnen lassen wollen, hat seine Gründe. Schmerzliche Gründe.

Am 18. Mai sind sie 25 Jahre zusammen: Markus Adolph-Falzewski (54) und Stephan Falzewski (50) aus Alpen am Niederrhein. Ihre Nachnamen zeigen unmissverständlich, dass die beiden Männer nicht einfach nur zusammen leben. Seit zehn Jahren sind sie verpartnert, seit drei Jahren verheiratet. „Als das im Bundestag durch war“, erzählt Markus lachend, „hat Stephan direkt im Standesamt angefragt, wann das bei uns in Alpen möglich ist. Da hatten die auf dem Amt noch gar keine Ahnung.“

Die beiden wissen sehr genau, was sie aneinander haben, obwohl oder weil sie so unterschiedlich sind. Stephan (wir sollen die beiden hier ruhig nur mit Vornamen nennen, sagen sie) ist Naturwissenschaftler und Programmierer, ein Verstandesmensch mit klaren Positionen. Markus war 20 Jahre lang Krankenpfleger, begleitet seit zehn Jahren als Wund- und Stoma-Therapeut schwerkranke Menschen und sammelt leidenschaftlich gern Weihnachtskrippen. „40 gibt es bei uns im Haus, aufgebaut werden dürfen aber maximal 15“, erzählt Markus und verdreht die Augen.

Stephan: Religion ist Spökenkiekerei

Anders gesagt: Mehr würde Stephan nicht mitmachen. Schließlich kommen noch diverse Heiligenfiguren und Kreuze in ihrem Haus mit Garten nahe der Alpener Kirche dazu, sogar im Schlafzimmer. „Wenn es um Glaube und Kirche geht, ist unser Tischtuch eindeutig zerschnitten“, sagt Markus. Sein Mann glaubt an nichts Höheres: „In meinem Weltbild gibt es da oben nichts, Religion ist für mich Spökenkiekerei“, erklärt Stephan und erzählt von seinen Eltern.

Die seien sehr katholisch gewesen, hätten zugleich aber abfällig über Ausländer und über Juden und Muslime hergezogen: „Sowas von scheinheilig! Über die vielen Türken im Duisburger Norden schimpfen und dann zum All-inclusive-Urlaub in die Türkei fliegen.“ Stephan schimpft. „Und sonntags natürlich in die Kirche! Da kann ich gar nicht drauf.“

Stephan: Kirche ist homophob

Mit seinem Schwulsein konnten Vater und Mutter nichts anfangen. Mit Anfang 20 trat Stephan aus der Kirche aus. Der Kontakt zu seinen Eltern ist völlig abgebrochen, „seit 14 Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen“.

Diese Erfahrungen prägen Stephan bis heute: „Ich konnte diese Pseudowerte nicht akzeptieren. Ich wollte anders sein als meine Eltern, liberal und weltoffen“, erzählt er. Das hat auch Konsequenzen für seine Meinung über die Kirche: „Ich halte sie für sehr homophob, reaktionär und in großen Teilen lebensfeindlich.“ Aber er unterscheidet: „Das Katholisch-Sein einzelner Menschen ist etwas anderes. Wenn sie es ehrlich meinen.“

Markus: Das war ein Erwachen

Das ist gut so, denn sein Mann Markus ist ein durch und durch gläubiger Mensch. Er wuchs evangelisch-reformiert auf. „Fast schon calvinistisch“, erzählt er: „Kein Bild, keine Kerze, nichts gab es in unserer Kirche.“ Beim Gespräch über Homosexualität mit seinem damaligen Pfarrer sei er „völlig vor die Wand gelaufen“, berichtet Markus. „Das war ein Erwachen.“ Als er sich mit Mitte 20 bei seinen Eltern outete, brach seine Mutter in Tränen aus. Und der Vater holte sich Argumentationsstoff bei der kurz zuvor verstorbenen Großmutter: „Oma würde sich im Grabe umdrehen!“

Später haben sie sich versöhnt, seine Eltern zogen zu ihnen nach Alpen, und die beiden Männer haben den Vater bis zuletzt gepflegt. „Als wir ihn gemeinsam in den Sarg legten, war das schon etwas sehr Besonderes“, erzählt Markus bewegt. Stephan nickt.

Messdiener, ohne katholisch zu sein

Während seiner Zeit als Krankenpfleger arbeitete Markus in einem katholischen Haus der Mauritzer Franziskanerinnen, damals noch mit vielen Schwestern. „Ich war sogar Messdiener in der Krankenhauskapelle, obwohl ich gar nicht katholisch war.“ Er war trotzdem mit der Kolpingsfamilie unterwegs und ist Mitglied im Krippenbauverein.

Jeden Sonntag fuhr er zur Abendmesse in den Xantener Dom – „das war immer ein guter Auftakt in die neue Woche“. Und zunehmend wurde ihm klar, dass er konvertieren, dass er katholisch werden wollte. Und dass er darüber mit seinem Mann sprechen musste.

„Rosinenpicker-Katholik“

„Wenn das für ihn wichtig ist“, sagt Stephan, „dann muss er das tun. Ich habe mich für meinen Markus mit all seinen Macken entschieden, auch mit dieser katholischen Facette.“ Markus sitzt daneben und verdrückt ein Tränchen. „Aber mein Mann ist ein Rosinenpicker-Katholik“, fährt Stephan fort. „Er pickt sich die Dinge raus, die ihm gefallen, die anderen blendet er aus.“

Markus erzählt vom damaligen Xantener Kaplan Karsten Weidisch, den er aus den Abendmessen im Dom kannte. „Er hat immer gedacht, ich wäre selbstverständlich katholisch. Und hat meine Konversion gern begleitet.“ Als es soweit war, hat auch Stephan an der Feier teilgenommen. Wie immer, wenn er merkt, dass ein Mensch es ehrlich meint mit seinem Glauben. „Aber wo die Kirche nur als Deko herhält, da bin ich raus“, erzählt er. Dafür ist Markus mit Stephan zur Jahrestagung des Verbandes konfessionsloser Atheisten gereist.

Dogmen im Straßencafé

Ohnehin sind Glaube, Religion und Kirche durchaus ein Thema bei dem Paar. Beide beschäftigen sich intensiv damit, lesen, diskutieren, streiten, lernen. Weil Markus den „Rosinenpicker“ nicht auf sich sitzen lassen will. Und weil Stephan einfach Bescheid wissen will: „Ich habe viel Wissen angehäuft über Religionen, damit wir miteinander diskutieren können.“

Die Studiererei betreiben sie sogar im Urlaub: „Gleich nach meiner Konversion haben wir uns ein Dogma nach dem anderen vorgenommen – sogar im Straßencafé!“ Da müssen sie dann beide lachen. In Assisi waren sie, im Heiligen Land, sogar in Rom. „Das habe ich ihm hoch angerechnet“, bekennt Markus. Und Stephan ergänzt: „Dafür habe ich mich aber auch bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz umgedreht. Angucken muss ich den Papst nun wirklich nicht.“

„Scheinheilige Hardcore-Katholiken“

Zuhause haben die beiden einen ganz guten Draht zur Kirchengemeinde in Alpen. Markus ist Lektor im Gottesdienst, und der Pfarrer war schon zum Abendessen da. „Da ist alles gut“, erzählt er. Auch zu Segnungsgottesdiensten am Valentinstag seien sie schon öfter eingeladen worden. Hingegangen sind sie dennoch nicht.

Als dann das Nein aus Rom zu Segnungsfeiern für homosexuelle Paare kam, „hat mich das wahnsinnig gemacht“, sagt Markus. „Dazu die fundamentalistischen Äußerungen von Hardcore-Katholiken, die einem die Bibel um die Ohren klatschen, obwohl wir alle wissen, dass diese Stellen Spiegel ihrer Zeit sind – das ist echt schwer erträglich. Solche Menschen schweben dann scheinheilig während der Messe durch die Kirche, und anschließend gehen Tratsch und Hass weiter.“

Ein Segen für das Paar?

Für Stephan ist die Sache ohnehin klar: „Für mich sind diese Segnungsfeiern ohne Belang. Weder der Pfarrer noch die Organisation kann mir irgendwas erlauben. Diese Institution hat mir nicht in mein Leben hineinzupfuschen.“

Markus hingegen findet es schön, dass es ein solches Angebot gibt und auch homosexuelle Paare ihre Partnerschaft unter den Segen Gottes stellen wollen. „Aber ganz ehrlich“, sagt er, „mir fehlt da nichts. Unsere gemeinsamen 25 Jahre sind auch so ein Segen. Da muss es wohl doch jemanden geben, der uns wohlgesonnen ist.“

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