Allmächtige Schwerverdiener mit Zölibatsproblemen?

Sieben Vorurteile gegen Priester: Was ist da dran?

Abgestempelt, in Schublanden gesteckt: das ist bequem, schadet aber dem Miteinander. In unserer Serie gehen wir gängigen Vorurteilen auf den Grund und konfrotieren Betroffene damit. Heute mit Pfarrer Meinolf Winzeler.

Vorurteil 1: Alle Priester sind Schwerverdiener.

Gewiss haben wir Priester keinen Grund zur Klage, denn wir gehören zu den gut verdienenden Zeitgenossen der gehobenen Mittelschicht. Unser Grundbezug ist mit dem von Gymnasiallehrern vergleichbar, für uns Singles mit der Steuerklasse 1 belegt.

Drei Prozent werden automatisch für das Diaspora-Priesterhilfswerk einbehalten. Wir gehören verpflichtend zu einer privaten Kranken- und Pflegeversicherung im kirchlichen Raum, die markt­entsprechenden Einsatz verlangt.

Der Grundbezug aller Bistumspriester ist im Sinne einer Solidargemeinschaft unabhängig vom Einsatzfeld gleich, gestaffelt nach Dienstalter. Für Dechanten gibt es eine Zulage von 60 Euro und für leitende Pfarrer von 500 Euro, um den Mehraufwand an Verantwortung und Stress zu honorieren.

Unterm Strich bleibt am Monatsende genug übrig, um Gastfreundschaft zu üben, hilfreiche Bücher zu kaufen und etwas zurückzulegen für einen schönen Jahresurlaub, ein geplantes E-Bike oder den irgendwann fälligen Autokauf. Darüber hinaus ist jeder natürlich entsprechend der eigenen Predigt angehalten, einen angemessenen Anteil für sinnvolle Projekte zu spenden. Dies gehört wie insgesamt die Glaubwürdigkeit des eigenen Lebensstils in die gewissenhafte Verantwortung des Einzelnen.

Vorurteil 2: Pfarreirat und Kirchenvorstand können beschließen, was sie wollen. Letztendlich hat der Pfarrer das Sagen in der Pfarrei.

Das stimmt definitiv nicht. Im Kirchenvorstand habe ich auch als Vorsitzender nur eine Stimme. Es gilt der Mehrheitsbeschluss, der vielfältigen weltlichen und kirchlichen Vorgaben entsprechen muss und strengen Kontrollen der jeweiligen Instanzen im Land und im Bistum unterliegt. Meine Leitungskompetenz kann ich am besten in einem kooperativen Leitungsstil, der Kunst des richtigen Delegierens und in einem wirklichen Teilen von Leitung mit kompetenten Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen der jeweiligen Sachfelder unter Beweis stellen.

Die gleiche Leitungskompetenz ist im pastoralen Feld des Pfarreirats gefordert. Hier kommen die beratende Funktion des kirchenrechtlichen Pastoralrats und die Selbstständigkeit des Laienapostolats zusammen. Darum hat der Pfarrer auch nicht den Vorsitz. In St. Antonius Rheine machen wir sehr gute Erfahrungen damit, Leitung grundsätzlich durch alle Ebenen zu teilen bis hin zu den basiskirchlichen Strukturen vor Ort.

Es stimmt, dass ich als Pfarrer viel Einfluss und Macht habe, zu verhindern oder zu ermöglichen. In meiner Verantwortung liegt es, meine Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit zu schulen und in den Dienst der Vielfalt in Einheit zu stellen.

Pfarrer Meinolf WinzelerPfarrer Meinolf Winzeler.

Vorurteil 3: Priester bekommen Wohnung, Haushälterin und Auto vom Bistum oder der Pfarrei gestellt.

Solange wir im hauptamtlichen Einsatz sind, steht uns eine Dienstwohnung zu, für deren Mietwert wir Steuern zahlen.

Wer eine Haushälterin beschäftigt und die Abrechnung nach allen gesetzlichen Vorgaben über die Abrechnungsstelle des Bistums erledigen lässt, bekommt einen großzügigen Zuschuss des Bistums, der steuerpflichtig ist. Das Bistum will durch diese Regelung einerseits eine gesetzmäßige Vergütung der Haushälterinnen gewährleisten und andererseits die Priester zugunsten ihres seelsorglichen Dienstes von Hausarbeiten entlasten und vor Verwahrlosung bewahren. Für Minijobs gibt es keinen Zuschuss. Gleichwohl müssen diese gesetzmäßig angemeldet werden.

Für Autokauf und -unterhaltung bin ich persönlich zuständig. Das Bistum gewährt für die dienstliche Nutzung des privaten Pkw einen jährlichen Zuschuss, der nach gefahrenen Dienstkilometern gestaffelt wird. Diese Zuwendung ist zu versteuern.

Vorurteil 4: Priester sind an jedem Tag der Woche 24 Studen im Dienst, müssen also immer erreichbar sein.

Natürlich ist unser Dienst ein existenzielles, personales Angebot, das nicht wie ein Aktenordner abgelegt werden kann. Dass der Mensch aber des ausreichenden Schlafs bedarf, des angemessenen Verhältnisses von Anspannung und Entspannung und in diesem speziellen Dienst der fortwährenden geistlichen Erneuerung im Gebet, liegt auf der Hand. Dafür den rechten Weg zu finden, erlebe ich persönlich als lebenslanges Abenteuer.

Vorurteil 5: Priester müssen alles tun, was der Bischof von ihnen verlangt.

Als Priester habe ich dem Bischof und seinen Nachfolgern Gehorsam versprochen. Dieser beruht auf der Kunst, aufeinander zu hören und im Geist Jesu zu guten geistlichen Entscheidungen zu finden. Diese Qualität ist meilenweit entfernt von dem, was jenes Vorurteil unterstellt.

Vorurteil 6: Priestern kann nicht gekündigt werden.

Es gibt kirchenrechtlich streng geregelte Dienstenthebungs- und Laisierungsverfahren. Die Schwelle dazu ist sehr hoch.

Vorurteil 7: Die meisten Priester haben Probleme mit dem Zölibat.

Ich gehe davon aus, dass es nichts gibt, was es nicht gibt – genauso wie bei den Eheleuten. Menschliche Reifung durch alle Lebensalter hindurch, weise Begleitung, tragfähige familiäre und freundschaftliche Netzwerke und eine ebenso durch alle Lebensalter hindurch reifende lebendige Spiritualität sind gute Voraussetzungen, dass ein authentisches und fruchtbares Leben im Zölibat gelingen kann. Ich habe mich dafür entschieden und ringe beständig darum. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass auch Verheiratete gute Priester sein können.