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Lexikon des Judentums (21)

Tora, Talmud, Halacha: Grundlagen jüdischen Glaubens

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Lutz Doering, Professor für Neues Testament und antikes Judentum und Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

Die Tora – verstanden als die fünf Bücher Mose, der „Pentateuch“ – ist der erste und gewichtigste Teil der Hebräischen Bibel. An jedem Sabbat wird in der Synagoge ein Tora-Abschnitt auf Hebräisch verlesen, im Lauf eines Jahres die ganze Tora einmal. Am Fest der Tora-Freude (Simchat Tora) wird der Lesezyklus zu Ende gebracht und mit dem Buch Genesis neu begonnen.

Für die Lesung werden Tora-Rollen verwendet, die von einem Tora-Schreiber (Sofer) von Hand ohne Vokale oder Gesangs-Zeichen geschrieben worden sind. Jede Rolle wird zur Verlesung aus dem Tora-Schrein herausgeholt, des sie schmückenden Tora-Mantels entledigt und auf dem Lesepult ausgerollt. Die Vortragenden müssen wissen, wie man den Text ausspricht und ihn singend vorträgt. Das bedarf großer Übung.

 

Tora als verpflichtende Bundesurkunde

 

Das hebräische Wort „Tora“ lässt sich mit „Weisung“ übersetzen; nicht ganz so treffend, aber häufig anzutreffen ist die Übersetzung mit „Gesetz“. In der Tat enthält die Tora Gebote Gottes – darunter natürlich die Zehn Gebote, aber auch noch viele andere. In diesem Sinn ist die Tora die verpflichtende Bundesurkunde Israels.

Sie wurde dem Volk Israel von Gott durch Mose am Sinai geoffenbart. Jüdinnen und Juden halten die Tora – nicht, um sich ihr Heil zu verdienen, wie man häufig unterstellt hat, sondern als Antwort auf die gnädige Erwählung Israels durch Gott.

 

Halacha regelt Lebenswelten

 

Die schriftliche Tora enthält jedoch nur unzureichende Hinweise zur praktischen Befolgung. Neben ihr steht die mündliche Tora, die nach rabbinischer Theorie auch dem Mose am Sinai mitgeteilt wurde und die Tora mit Blick auf konkrete Lebens­situationen aktualisiert. Sie wird auch als Halacha (von halach, „gehen“) bezeichnet.

Die rabbinische Halacha wurde im frühen dritten Jahrhundert zunächst in der Mischna (von schana „wiederholen“) zusammengestellt, die 63 Traktate in sechs Ordnungen umfasst, welche die Lebenswelt nach einer eigenen Systematik abdecken: 1) „Saaten“ (landwirtschaftliche Abgaben), 2) „Festzeiten“ (Sabbat, Feste und Fasttage), 3) „Frauen“ (Ehe- und Familienrecht), 4) „Schädigungen“ (Straf- und Zivilrecht), 5) „heilige Dinge“ (Opfer- und Speisevorschriften) und 6) „Reinigungen“ (Vorschriften zu rein und unrein).

 

Studium des Talmuds

 

Die Mischna ist sodann im Talmud (von lamad, „lernen“) abschnittweise diskutiert und kommentiert worden. Wichtiger als der Jerusalemer Talmud wurde dabei für jüdisches Leben und jüdische Praxis der Babylonische Talmud, der vom 5. bis 8. Jahrhundert in den Gelehrtenschulen Babyloniens abgeschlossen und anschließend in den verschiedenen Regionen, in denen Juden lebten, so auch in Europa, als verbindlich akzeptiert wurde.

Nicht alle Traktate der Mischna sind im Babylonischen Talmud behandelt. Seit dem Mittelalter wurden wichtige Kommentare verfasst, die in den üblichen Ausgaben um den Text des Talmuds herum gesetzt sind. Das meist gemeinschaftliche Studium des Talmuds ist ein wichtiger Bestandteil jüdischen Lernens.

Der Autor:
Lutz Doering ist Professor für Neues Testament und antikes Judentum und Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.
Lutz Doering ist Professor für Neues Testament und antikes Judentum und Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. | Foto: privat

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