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Lexikon des Judentums (17)

Das Laubhüttenfest – in die Freiheit durch die Wüste

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Clemens Leonhard, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

Das richtig große Fest am Tempel in Jerusalem war bis zu dessen Zerstörung Sukkot, das Laubhüttenfest. Alle Bewohnerinnen und Bewohner des Landes sollten eine Wallfahrt nach Jerusalem unternehmen und sieben Tage lang feiern (Dtn 16,13–15). Die spätere jüdische Liturgie knüpft sparsam an Traditionen des Tempels an. Zum Laubhüttenfest haben die rabbinischen Gelehrten der Antike jedoch Bräuche aus dem Tempel übernommen, wie das Schwenken des Feststraußes aus den „Vier Arten“ – Palmblätter, Zweige der Bachweide und der Myrte und eine Zitrone (der Etrog, Lev 23,40; Neh 8,15) – beim Gottesdienst oder den Brauch, Mahlzeiten in den Laubhütten einzunehmen.

Wie zu Pesach und zum Wochenfest schlägt die Bibel eine Erinnerungsbrücke zwischen dem Fest und dem Auszug Israels aus Ägypten: „… damit eure kommenden Generationen wissen, dass ich die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten herausführte“ (Lev 23,43). Historisch ist das Wohnen in Laubhütten auf einer Wüstenwanderung nicht wahrscheinlich. Die Laubhütten knüpfen aber an Schattendächer der Pilgerinnen und Pilger im Tempel in Jerusalem an. Eine Laubhütte konnte dem Klima nördlich der Alpen entsprechend eine kunstvoll bemalte Holzhütte sein – mit einem zusätzlichen Dach, das sich bei Regen schließen ließ.

 

Fest mit landwirtschaftlichem Charakter

 

Zu Sukkot (15./16. Tischri 5782, ab dem Abend des 20. September 2021) tritt ähnlich wie bei Pesach eine Festwoche und ein achter Tag als Ruhetag, Schmini Atseret. Von diesem Tag bis Pesach wird im Achtzehngebet um Regen gebetet (ab Pesach wieder um Tau). Daran zeigt sich der in der Bibel betonte, landwirtschaftliche Charakter des Festes. Es geht neben der Feier der abgeschlossenen Ernte um die Bitte für das Gedeihen der Früchte förderliches Wetter im folgenden Jahr.

Das Buch Sacharja (14,8) spricht vom „lebendigen Wasser“, das in der Zukunft von Jerusalem ausgehen wird. In den rabbinischen Texten der Antike wird von einem festlichen Wasserritual am Tempel berichtet: Wer die Freude des Festes des Wasserschöpfens nicht gesehen habe, „habe zu seinen oder ihren Lebzeiten keine Freude gesehen“ (Mischna, Sukka 5.1).

 

Besonderer Segen für die Kinder

 

Seit dem Mittelalter folgt auf Schmini Atseret (als zusätzlicher Tag in der Diaspora) Simchat Tora, das Fest der Freude über die Tora. In der jüdischen Liturgie wird im Lauf eines Jahres die gesamte Tora gelesen. Zum Fest Simchat Tora endet die Lektüre mit dem letzten Kapitel des Deuteronomiums (34) und beginnt sofort wieder mit Genesis 1. In der Antike, als der Tempel noch stand, sollte alle sieben Jahre dem Volk beim Laubhüttenfest das gesamte Gesetz vorgelesen werden (Dtn 31,10–12). Das öffentliche Lesen des Gesetzes ist bei Nehemia (8,13–18) zur Wiederbesiedlung Jerusalems nach dem babylonischen Exil ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Festes.

Heute werden alle Torarollen der jeweiligen Gemeinde aus dem Toraschrein gehoben und in Prozessionen in der Synagoge und wenn möglich zum Tanzen auf die Straße getragen. Über die Kinder wird ein besonderer Segen gesprochen und sie erhalten Süßigkeiten.

Der Autor:
Clemens Leonhard ist Professor für Liturgiewissenschaft
Clemens Leonhard ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderm die Liturgie des Judentums.

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