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Lexikon des Judentums (12)

Auch eine schlichte Stube kann Synagoge sein

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Jesaja Michael Wiegard. Der politisch engagierte Christ und Theologe hat ein gutes Jahrzehnt als Benediktiner gelebt.

Neunundfünfzigmal beschreibt das griechische Neue Testament, dass Verantwortliche, Würdenträger, das Volk in Massen, versammelt werden – zur Beratung, zur Belehrung, um Entscheidungen zu treffen, im Gebet, zum Gericht. Sechsundfünfzigmal steht das Wort „Synagoge“ für den Ort, an dem dies geschieht. Das Wort beschreibt das „Zusammenkommen“ als ganz elementaren Zug des Lebens in der biblischen Tradition. In der Zusammenkunft wussten sich die Glaubenden immer auch mit ihrem Gott verbunden, der ja einer war, der im Zelt mit dem wandernden Gottesvolk auf dem Weg gewesen war.

Neben der Konzentration auf den Tempel in Jerusalem gab es im Judentum spätestens nach der Erfahrung des Exils und der Zerstreuung einen lebendigen Strang der „alltagsintegrierten Gottverbundenheit“: Es konnte nur den einen Tempel geben. Aber jeder Ort, an dem Gottes Volk glaubend zusammenkam, konnte eben der Ort sein, der berechtigt Gottes Volk versammelt.

Synagoge kann ein offener Platz sein

So ist die Synagoge bis heute kein „Heiliger Ort“, der sich sakral von der Welt um ihn herum abgrenzt. Die Synagoge war immer ein Ort des Gebetes, aber immer auch ein Ort der Lehre, der Diskussion, der Frage, was denn das Beste für die Gemeinde sei, in der man lebt. Die Synagoge kann so wie vor der Tempelmauer in Jerusalem ein offener Platz sein, sie kann ein prachtvoller Bau sein, wenn die Gemeinde dies wünscht und finanzieren kann, kann eine schlichte Stube sein, die den Zweck erfüllt, der versammelten Gemeinde Raum zu bieten.

Diese Vielfalt der äußeren Formen macht es schwierig, „die“ Synagoge zu definieren oder auch „die erste“ Synagoge zu verorten. Die Texte sprechen von Synagoge in der griechisch-römischen Zeit, es sind Häuser des Gebets und eben der Versammlung – kein Wunder, dass als Variante von „Synagoge“ die „Ekklesia“ als „Ort der Zusammenrufung“ auftritt. Die neue christliche Bewegung hat dieses Wort bald exklusiv für sich beansprucht – auch, um sich von der „Synagoge“ abzugrenzen.

Jesus ist ein Mann der Synagoge

Und wenn es auch an den Orten der Versammlung, in den Synagogen und mit den „Schriftgelehrten“ und den „Pharisäern“, zu harten Auseinandersetzungen kommt – der „Rabbi“ aus Nazareth ist ein Mann der Synagoge: Kaum erreicht ihn der Sabbat, versammelt sich Jesus mit den anderen Juden in der Synagoge. Er liest die Schrift, er deutet, er streitet um ihre Auslegung. Für den Tempel hat er vor allem den Vorwurf übrig, dass er seine Funktion als Bethaus für alle Völker nicht erfülle, die ihm von den Propheten zugedacht sei.

Den Konflikt mit dem von Rom kontrollierten Tempel als Machtzentrum in Palästina hat Jesus nicht überlebt – der Aufstand des jüdischen Volkes gegen die römische Herrschaft hat das Ende der Stadt Jerusalem und des Tempels, die damals scheinbar endgültige Zerstreuung unter alle Völker gebracht. Aber in jedem Land gab und gibt es Orte, oft deutlich geprägt durch die Vorlieben der Zeit und der Menschen, die dort leben, die als Synagogen immer Orte der Versammlung, des Gedenkens, der Schulung, des Gebetes und des geteilten Lebens sind.

Der Autor
Jesaja Michael Wiegard | Foto: Georg Sehrbrock (pd)
Jesaja Michael Wiegard (geb. 1967) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.

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