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Lexikon des Judentums (13)

Die Synagoge ist viel mehr als nur ein religiöser Raum

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Katrin Kogman-Appel, Professorin für Jüdische Studien an der Universität Münster. Zuvor lehrte sie nach längerem Aufenthalt in den USA an der Ben-Gurion University of the Negev in Beer Sheva, Israel.

„Synagoge“ heißt wörtlich „Gemeinde“ und bezieht sich erst im übertragenen Sinn auf eine Institution. Die Wurzeln der Synagoge als religiöser Raum liegen im Dunkeln, aber spätestens seit dem dritten Jahrhundert v.u.Z. gibt es Belege für jüdische Versammlungsorte in Ägypten. Aus einer in der Nähe des Jerusalemer Tempels entdeckten Inschrift geht hervor, dass die antike Synagoge außer dem Gebet eine ganze Reihe von Gemeindefunktionen erfüllte.

Das Gebet: Es ist in erster Linie Sache der Gemeinde. Eine Gemeinde besteht aus mindestens zehn Betenden, zehn Männern (in nicht-orthodoxen Gemeinden auch Frauen), dem „Minyan“. Ein ordinierter Rabbiner ist für das Gemeindegebet nicht notwendig.

Vorbeter leitet das Gebet

Das Gebet wird von einem Vorbeter geleitet, einem Kantor oder „Hazan“, der als „Gesandter der Gemeinde (vor Gott)“ verstanden wird. Er „erfüllt die Gebetspflicht der Gemeindemitglieder“, wie es in den Quellen heißt. Es genügt also die Anwesenheit beim Gebet, und der Vorbeter vertritt besonders jene Beter, die nicht lesen konnten, des Hebräischen nicht kundig oder einfach mit der Liturgie nicht vertraut sind.

Wesentlicher Bestandteil der Liturgie ist die Lesung aus der Torah (fünf Bücher Mose) am Schabbat, montags und donnerstags beim Morgengebet. Diese wird abschnittweise von mehreren Teilnehmern am Gottesdienst vorgenommen. Da die meisten Gemeindemitglieder jedoch mit dem Lesen der unvokalisierten Torahrolle, sowie den beim Lesen üblichen Akzenten nicht vertraut sind, werden sie zwar aufgerufen, sprechen den passenden Segen, bei der Lesung selbst werden sie jedoch von jemandem vertreten, der mit diesen Aufgaben vertraut ist. Für den Ablauf all dieser Vorgänge ist der „Gabbai“, der Vorsteher, verantwortlich.

Wie sieht es in der Synagoge aus?

Im Gebet wendet man sich nach Jerusalem. Die entsprechende Wand der Synagoge ist daher auch mit dem Torahschrein ausgestattet. Für die Lesung wird die Torahrolle auf ein Pult, die sogenannte „Bimah“, gelegt; diese ist meist dem Schrein vorgelagert in Richtung Gebäudemitte. Die Sitzgelegenheiten für die Beter sollen so arrangiert sein, dass das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gemeinde betont wird.

Seit wann es eigene Teile für Frauen gab, ist umstritten. Fakt ist, dass diese erst seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar existierten. Was diese Änderung herbeiführte, ist unklar: Gab es zuvor eigene Synagogen für Frauen? Beteten Frauen gemeinsam mit Männern? Gab es andere Formen der Trennung? In reformierten und liberalen Gemeinden wurde die Trennung von Männern und Frauen im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgehoben. Heute gibt es in Israel vereinzelt auch orthodoxe, sogenannte egalitäre Synagogen.

Die Synagoge ist also viel mehr als einfach nur ein religiöser Raum. Sie ist Zentrum der Gemeinde und im modernen Stadtleben außerhalb Israels meist in eine größere Gemeinde­institution integriert, wie dies auch in Münster in der Klosterstraße der Fall ist. Hier gibt es ein Zentrum mit einer Synagoge, einem Versammlungsraum, einer Küche, Unterrichtsräumen und Büros.

Die Autorin
Katrin Kogman-Appel
Katrin Kogman-Appel ist seit 2015 Professorin für Jüdische Studien an der WWU in Münster und auf mittelalterliche jüdische Materialkultur, besonders die Buchkultur und die jüdische Kunstgeschichte spezialisiert. Zuvor lehrte sie nach einem längeren Aufenthalt in den USA 20 Jahre lang an der Ben-Gurion University of the Negev in Beer Sheva, Israel.

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