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Weihbischof Dieter Geerlings als Ehrengast bei Veranstaltung zum Christopher-Street-Day

Transsexualität und Kirche: Queergemeinde und Bistum Münster diskutieren

  • Mit einer Diskussion über Transsexualität hat sich die Queergemeinde Münster an der Prideweek zum Christopher-Street-Day in Münster beteiligt.
  • Beteiligt waren ein Transmann, ein Mediziner, eine Theologin und die Diversitäts-Beauftragte des Bistums Münster.
  • Weihbischof Dieter Geerlings war Ehrengast der Veranstaltung.

 

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Mit einer Podiumsdiskussion „Zwischen zwei Stühlen – Gott kann mehr als nur binär!“ hat sich die Queergemeinde Münster an der sogenannten "Prideweek" zum Christopher-Street-Day am 27. August in Münster beteiligt. Die Veranstaltung im Pfarrheim der Pfarrei St. Joseph Münster-Süd wurde live vom Bistum Münster im Netz gestreamt. Der emeritierte Weihbischof Dieter Geerlings nahm als Ehrengast teil.

Als Gesprächspartner waren dabei: Felix Adrian Schäper, Transmann und Vorstandsmitglied der Trans-Beratung "T-I-MS" und der Trans-Beratung NRW, der Transsexualitäts-Experte Dr. Michael Szukaj, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Judith Könemann, Professorin für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster sowie Beauftragte für Bildungs- und Genderforschung, und Iris Horstmann, seit 2021 Diversitäts-Beauftragte des Bistums Münster. Die Moderation übernahm Jan Baumann von der Queergemeinde.

Transmann: Der einzige Junge auf dem Mädchengymnasium

Judith Könemann (links) und Felix Adrian SchäperEindringlich schilderte Transmann Felix Adrian Schäper (rechts) seine Geschichte. Neben ihm Theologie-Professorin Judith Könemann. | Foto: Ann-Christin Ladermann

Wie es ist, ein Transmann zu sein, erzählte Schäper. Für ihn, erzählt er, sei schon als Kind klar gewesen, dass er im falschen Körper geboren wurde. „Auf der Marienschule, dem Mädchengymnasium in Münster, war ich aus meiner Sicht der einzige Junge“, erinnerte er sich. Nach Depressionen und Suizidgedanken entschied er sich erst mit 43 Jahren für die Geschlechtsangleichung.

Engagierte er sich früher in der katholischen Kirche, geprägt durch sein Elternhaus, änderte sich seine Einstellung, als er seine Trans- und Homosexualität benennen konnte. „Für die Kirche war ich damit gleich doppelt nicht-existent“, bedauerte Schäper, „dabei wäre es nur barmherzig, wenn die Kirche jeden Mensch so annehmen würde, wie er ist.“

Mediziner: Bei uns finden sie ihren Glauben wieder

Szukaj ordnete Transsexualität zunächst aus medizinischer Sicht ein. Jahrhundertelang habe Transsexualität als psychische Störung gegolten. Man glaubte, das Geschlecht werde allein durch die äußeren Geschlechtsmerkmale festgelegt. Die Neurowissenschaft sei längst weiter, erklärte Szukaj: „Das eigene Geschlecht wird heute weniger von den äußeren Merkmalen als vielmehr vom eigenen Denken und Fühlen bestimmt“, verdeutlichte er.

Der Leidensdruck der Betroffenen, sich zu outen und entsprechende Schritte zu gehen, sei immens. „Glaubensfragen spielen in meiner Arbeit mit Betroffenen eine große Rolle, nicht zuletzt, weil sie bei uns buchstäblich ihren Glauben wiederfinden“, sagte Szukaj.

Theologin: Die Kirche kennt nur Mann und Frau  

Iris Horstmann und Michael SzukajIris Horstmann, Diverstitäs-Beauftragte des Bistums Münster (links), und Mediziner Michael Szukaj. | Foto: Ann-Christin Ladermann

Die offizielle kirchliche Position zur Transsexualität schilderte Judith Könemann. So gehe die Kirche in ihrer Lehre von einem binären Verständnis von Geschlechtlichkeit aus - also von zwei Geschlechtern des Menschen: Frau und Mann. Dies durchziehe sämtliche Bereiche der Theologie bis zur Sakramentenlehre: So sei beispielsweise für die Ehe wie für den Zugang zur Weihe das Geschlecht entscheidend - nämlich als Mann oder Frau.

Dass transsexuelle Menschen oft einen schwierigen Weg hinter sich haben und sich in der katholischen Kirche nur wenig willkommen, berichtete Iris Horstmann, die im Generalvikariat arbeitet. „Betroffene, die sich mit der Kirche verbunden fühlen oder eine Berufung in sich tragen, ringen sehr mit sich und werden nicht selten psychisch krank“. „Sie wünschen sich einfach, dass die Kirche anerkennt, dass sie so von Gott gewollt sind, wie sie sich empfinden.“ 

Theologin: Gottesdienst zur Transition?

Gemeinsam diskutierten die Experten die Frage, welchen Wert das Geschlecht hat, wie Identität bestimmt werden kann und ob es Transitionsgottesdienste oder eine Tauferneuerung für Transmenschen braucht. „Das Gefühl von ‚Ich komme nicht vor‘ kann nicht durch seelsorgliche Angebote geändert werden“, war sich Judith Könemann sicher, „das kann nur durch veränderte Rechtsverhältnisse geschehen.“

Iris Horstmann wollte unabhängig von der Rechtsfrage die Idee einer möglichen liturgischen Form nicht ausschließen. „Damit könnte eine Art Anerkennung zum Ausdruck gebracht werden nach dem Motto ‚Wir sehen, welche Schmerzen, welches Leid du erlebt hast, wir nehmen dich bewusst in die christliche Gemeinschaft auf und feiern dies auch“, regte sie zum Nachdenken an.

Bistum: Feuerwerk an Beratungsbedarf

Dass der Beratungsbedarf für transgeschlechtliche Menschen zunimmt, darin waren sich alle einig. Sowohl Szukaj als Mediziner als auch Schäper als Betroffener werden immer öfter angefragt, und auch Horstmann berichtete von zahlreichen Anfragen: „Es findet seit der Einrichtung meiner Stelle im Bistum ein Feuerwerk in diesem Bereich statt, ich versuche derzeit ein Beraternetzwerk aufzubauen.“ Sie berichtete auch von einem Fall einer Geschlechtsangleichung während der Ausbildung im pastoralen Dienst.

Für die Diversitätsbeauftragte ist Kommunikation bei diesem Thema das A und O: „Wir müssen unsere Sprachfähigkeit in der Kirche erweitern, denn wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft und es steht uns an, eine vielfältige Kirche nach außen darzustellen“, betonte Iris Horstmann.

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