Queergemeinde ruft zu Teilnahme an Gedenk-Kundgebung auf

25-jähriges Opfer von Gewalttat beim CSD Münster ist gestorben

  • Der 25-Jährige Trans*mann, der bei einer Gewalttat am Rande des Christopher-Street-Days in Münster schwer verletzt wurde, ist tot.
  • Am heutigen Freitag um 18 Uhr gibt es eine Kundgebung zum Gedenken auf dem Münsteraner Prinzipalmarkt.
  • Die Queergemeinde ruft zur Teilnahme daran auf, Bischof Felix Genn äußert sich bestürzt über den Tod.

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Der 25-jährige Trans*mann, der bei einer Gewalttat am Rande des Christopher-Street-Days (CSD) in Münster schwer verletzt wurde, ist tot. Die Polizei bestätigte, der Mann sei am Freitagmorgen seinen Verletzungen erlegen. Am Abend gibt es um 18 Uhr eine Kundgebung zum Gedenken auf Münsters Prinzipalmarkt.

Am späten Nachmittag wurde bekannt, dass die Polizei einen 20-jährigen Tatverdächtigen festgenommen hat. Im Rahmen der Fahndung habe eine Ermittlerin der Mordkommission den Tatverdächtigen am Hauptbahnhof erkannt und ihn festgenommen, heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei.

Für die Queergemeinde Münster rief Jan Baumann gegenüber „Kirche-und-Leben.de“ zur Teilnahme daran auf. Er sei „bestürzt und fassungslos“, dass die schlimme Gewalttat nun doch ein tödliches Ende genommen habe. Einen solchen Angriff in Münster mit seiner offenen Stadtgesellschaft hätten nicht viele Menschen für denkbar gehalten.

Kundgebung am Abend auf dem Prinzipalmarkt

Baumann sagte, er selbst sei zwar nicht verängstigt, könne sich aber vorstellen, dass es anderen Menschen nun anders gehe. Für die Gesellschaft sei es ein schlimmes Zeichen, dass „man als queerer Mensch wieder Angst haben muss, für die eigenen Rechte auf die Straße zu gehen“. Zugleich zeigte sich Baumann überzeugt, dass die Community und die Stadtgesellschaft zusammenstehen.

Für 18 Uhr hat der CSD-Verein zu einer Kundgebung auf dem Prinzipalmarkt eingeladen. Baumann sagte, er werde dort Klavier spielen, ein Trans*mann werde singen. Auch würden Mitglieder der Queergemeinde erwartet, die aber als Institution voraussichtlich nicht auftrete. Bereits am Wochenende der Tat hatte die Gemeinde in einem Gottesdienst für den 25-Jährigen gebetet.

Baumann wünschte den Angehörigen und Freunden des Toten Kraft und Trost – „vielleicht auch aus einem spirituellen oder einem Glaubenshintergrund“. Der Verstorbene sei nun „hoffentlich an einem Ort, wo es keine Ausgrenzung und keinen Hass gibt“.

Bischof Genn: Wir müssen gegen Intoleranz kämpfen

Auch Münsters Bischof Felix Genn äußerte sich „zutiefst erschüttert“ über den Tod des Trans*manns: „Was für eine barbarische, was für eine irrsinnige Tat“, sagte Genn laut seiner Pressestelle. Der Bischof betonte, seine Gedanken und Gebete seien bei dem Verstorbenen und allen Trauernden.

Bei der Erschütterung dürfe man aber nicht stehen bleiben: „Wir müssen laut unsere Stimme erheben gegen alle, die andere wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geschlechtlichen Identität, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religionszugehörigkeit nicht tolerieren, beschimpfen, verbal oder tätlich angreifen. Intoleranz, Ausgrenzung und Hass dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Wir müssen und werden uns mit allen friedlichen Mitteln gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen.“

Stadtdechant Jörg Hagemann rief dazu auf, an der Kundgebung auf dem Prinzipalmarkt teilzunehmen, auch er werde das tun. In seiner Pfarrei St. Nikolaus Münster läuten am Abend die Totenglocken für den Verstorbenen, ebenso in anderen Gemeinden. Die Lambertikirche am Prinzipalmarkt werde unmittelbar vor Beginn der Kundgebung läuten.

Oberbürgermeister: Stadtgesellschaft ist und bleibt weltoffen

Ebenso erschüttert äußerte sich Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU); er sprach den Angehörigen des Verstorbenen seine Nähe zu. Zugleich betonte Lewe, der Angriff gehe alle an: „Unsere Stadtgesellschaft ist weltoffen und tolerant und wird weiter dafür kämpfen, ein sicherer Ort für marginalisierte Menschen zu sein.“

Laut Stadtverwaltung werden die Flaggen an allen städtischen Gebäuden auf Halbmast gesetzt, in der Bürgerhalle des Rathauses liege ein Kondolenzbuch aus. Lewe werde auch bei der Kundgebung am Abend sprechen.

Die Tat vom Wochenende

Laut Polizei hatte sich der Trans*mann am vergangenen Samstag schützend vor zwei Frauen gestellt, die von einem Unbekannten beleidigt worden waren. Daraufhin habe der bislang unbekannte Täter ihn angegriffen und zu Boden geschlagen. Die Schlichtungsbemühungen des jungen Mannes sollen Auslöser für die Attacke gewesen sein. Der 25-Jährige war danach mit schwersten Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden, wo er unter anderem wegen einer Hirnblutung mehrfach operiert werden musste.

Stadtdechant Hagemann hatte die Tat verurteilt und sich „fassungslos“ darüber gezeigt, „dass auch 50 Jahre nach der ersten ,Schwulendemo' in Münster eine solche Gewalttat geschieht“. Gott liebe die Menschen in all ihrer Buntheit. Er rief dazu auf, „gegen jede Gewalt und Diskriminierung queerer Menschen“ einzutreten.

Polizei bittet um Hinweise

Die Polizei hatte eine Ermittlungskommission in dem Fall eingesetzt. Hinweise zur Ermittlung des Täters seien eingegangen, ohne bislang zum Erfolg geführt zu haben. Zeugen beschreiben den Tatverdächtigen laut Polizei als 1,70 bis 1,80 Meter großen, 18 bis 20 Jahre alten Heranwachsenden mit schmächtiger Statur und Bart. Er sei mit einer Jeans mit breit ausgestellten Beinen, einem T-Shirt und einem Anglerhut bekleidet gewesen. Sein Begleiter soll gleichen Alters, ebenfalls männlich und mit einem weißen T-Shirt bekleidet gewesen sein.

Die Ermittler fragen: Gibt es weitere Personen, die Hinweise zur Identifizierung des Täters, seines Begleiters, zum Tatverlauf oder zu den Tatumständen geben können? Hinweise nimmt die Polizei unter Tel. 0251/275-0 entgegen.

Reaktionen aus der Bundespolitik
Die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, und die Linken-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler äußerten auf Twitter ihr Mitgefühl mit Familie und Freunden des in Münster verstorbenen Trans*mannes. Lang sagte, ihre Gedanken seien auch bei "allen queeren Menschen, die sich unsicher und bedroht fühlen".
Der queerpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Jürgen Lenders, betonte, Gewalt gegen homosexuelle oder intergeschlechtliche Menschen habe deutlich zugenommen. Die Hassgewalt sei real und müsse von Staat und Gesellschaft entschlossen bekämpft werden. | epd

Updates: 12.40 Uhr Reaktion Queergemeinde und Aufruf zur Teilnahme an der Kundgebung, 13.10 Uhr Reaktion Bischof Genn, 13.30 Uhr Reaktion Oberbürgermeister Lewe, 16.10 Uhr Reaktionen Bundespolitik. 20:40 Info über Verhaftung eines Tatverdächtigen.