Themenwoche "Kinderarmut nebenan" (1)

Viele arme Kinder, viele gute Lösungen - in Herten arbeiten alle zusammen

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Kinderarmut ist erschreckend und beschämend für ein verhältnismäßig reiches Land wie Deutschland. Sie lähmt Entfaltungsmöglichkeiten für Familien und Zukunftschancen für junge Leute. Deshalb kümmert sich "Kirche-und-Leben.de" in einer Themenwoche darum. Dass es gelingen kann, gemeinsam gegen Kinderarmut anzugehen, stellt die Stadt Herten im ersten Teil unter Beweis: Hier arbeiten Kommune, Wohlfahrt und Bürgerschaft zusammen.

Ein guter Monat war der April 2023 für Herten: Mit der Familien-Informationsstelle „FaminGo“ und einer Jugendberufsagentur wurden zwei neue Anlaufstellen eröffnet, die Kindern aus armen Familien einen guten Start ins Leben und Jugendlichen aus bildungsfernen Milieus einen Weg in den Beruf bahnen sollen. Möglich ist das, weil in der kleinen Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets die Behördenwege kurz sind und der Wille groß, als Kommune, Wohlfahrt und Bürgerschaft an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.

Herten mit seinen 63.000 Einwohnern arbeitet am Aufschwung: Bislang war der Gesundheits- und Sozialbereich stärkster Arbeitgeber, nun soll der Tourismus in Europas größter Haldenlandschaft seine Chance bekommen. Vor allem aber siedeln auf vier ehemaligen Zechengeländen neue Unternehmen an, auf „Ewald“ zum Beispiel ein Wasserstoffkompetenzzentrum mit hochkomplexen Arbeitsplätzen.

Guter Schulabschluss – bessere Berufschancen

Wer später hier oder in einem ähnlich anspruchsvollen Beruf arbeiten will, braucht zunächst einen qualifizierten Schulabschluss. Die Chancen dafür stehen aller Erfahrung nach schlechter, wenn die Eltern im Niedriglohnsektor beschäftigt oder arbeitslos sind und sich nicht selbst um den Schulerfolg ihrer Kinder kümmern können.

Die Arbeitslosenquote in Herten liegt mit 9,5 Prozent um 2 Prozentpunkte über der NRW-Quote. Ein Viertel aller Hertener Kinder lebt an der Armutsgrenze, jedes zweite stammt aus einer Zuwandererfamilie.

Armut heißt nicht allein: Es fehlt Geld

Eine „komplexe Gemengelage“ nennt Hertens Caritas-Vorstand Jan Hindrichs die prekären Lebensumstände vieler Kinder. Armut durch Arbeitslosigkeit sei zwar ein Riesen-Thema. Ein wesentlicher Hinderungsgrund für frühe Bildung der Kinder seien jedoch Sprachbarrieren. Die vermutet man in Zuwandererfamilien, in denen zu Hause die Muttersprache gesprochen wird, es gibt sie aber auch im bildungsfernen deutschen Milieu.

Daneben fielen gesundheitliche und psychische Einschränkungen vieler Eltern ins Gewicht sowie eine hohe Verschuldung. „Trotzdem!“, sagt der Caritas-Vorstand unverdrossen: „Wir können einen Unterschied machen.“

Caritas-Chef wird Bürgermeister

Mit Hindrichs Vorgänger, dem langjährigen Chef des Caritasverbandes Matthias Müller (65), hat Herten sich 2020 einen erwiesenen Sozialexperten zum Bürgermeister gewählt. Der Sozialarbeiter hätte sich auch einfach auf seinen Ruhestand freuen können. Stattdessen hat er noch fünf Jahre Kommunalverwaltung drangehängt – mit dem persönlichen Anspruch, „das Evangelium da zu leben, wo man ist“.

Jugendamtsleiterin Kirsten Wietoska hat die beiden jüngst eröffneten neuen Beratungsstellen für Familien und Jugendliche mit auf den Weg gebracht. Das „FaminGo“, eine „Familien-Information to go“, dient als ers­ter Wegweiser für alle, die nicht wissen, wo sie Hilfe und Beratung bekommen können. Außerdem gibt es hier – ganz wichtig – Rat beim Ausfüllen von Anträgen. Denn rund 70 Prozent der Familien an der Armutsgrenze, die einen monatlichen Kinderzuschuss beantragen könnten, gehen bislang leer aus, weil sie ihre Rechte nicht kennen oder mit den Formularen überfordert sind. Einen Kaffee und eine Kinderspielecke gibt es im „FaminGo“ auch, damit niemand den Eindruck bekommt, er gehe hier „aufs Amt“, versichert Wietoska.

Berufsberatung auf kurzem Behördenweg

Die neue Jugendberufsagentur ist im Parterre einer Hochhaussiedlung. Sie bietet Sofa, Kicker und eine einfach zugängliche Berufsberatung. Verantwortlich dafür zeichnen Jobcenter, Agentur für Arbeit und kommunales Jugendamt. Im Kreis Recklinghausen, zu dem Herten gehört, verlassen sechs Prozent der Jugendlichen, die keinen deutschen Pass besitzen, ihre Schule ohne Hauptschulabschluss, mit deutschem Pass sind es zwei Prozent. Für sie alle ist der Übergang von der Schule in den Beruf eine hochkritische Zeit.

„Vorausgesetzt, der Jugendliche hat Vertrauen in die Beratung und entbindet deshalb die beteiligten Dienststellen von der gegeneinander bestehenden Schweigepflicht, wird dann gemeinsam überlegt, was ihm auf den Weg in ein eigenverantwortliches Leben weiterhelfen könnte“, so Wietoska.

Hertens Bürger helfen beim Schulstart

Die Stadtgesellschaft ergänzt das Bemühen der Behörden. Die Hertener Bürgerstiftung und die Caritas-nahe Hermann-Schäfers-Stiftung setzen sich für Grundschulkinder ein. Die Projekte „Ein Quadratkilometer Bildung“ und „Förderscout“ begleiten Eltern und Kinder bei der Einschulung.

Es geht ums Geld – pädagogische Honorarkräfte müssen aus Stiftungsmitteln und Spenden bezahlt werden –, aber auch ums Ehrenamt. Denn für die Hausaufgabenhilfe oder beim Lesetraining wird jede Menge Hilfe benötigt.

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