Gnadenkapelle bei Cloppenburg wurde vor 350 Jahren geweiht

Wallfahrtsort Bethen: Das Lourdes des hohen Nordens

Dirk Költgen war schon zwei Mal in Lourdes. Er kehrte tief berührt von der Wallfahrt in den südfranzösischen Marien-Wallfahrtsort zurück. Beeindruckt auch von der Selbstverständlichkeit, mit der dort kranke und behinderte Menschen zu den Pilgern gehören.

Nach der Rückkehr fragte er sich: Warum sollte es eine ähnlich Wallfahrt für Kranke und Behinderte nicht auch in Bethen geben?

Bethen wie in Lourdes

Költgen stellte sich diese Frage nicht ohne Grund. Seit 2006 arbeitet er als Wallfahrtsrektor und Pfarrer in Bethen, dem oldenburgischen Marien-Wallfahrtsort bei Cloppenburg. Sein Anliegen war schon damals: Bethen noch mehr in das Bewusstsein der Menschen zu heben. Hier nun in das Bewusstsein kranker und behinderter Menschen.

Költgen sprach mit den oldenburgischen Maltesern, organisierte mit ihnen den Transport und lud zur ersten derartigen Wallfahrt ein. Mit großem Zuspruch. Was Költgen nicht wundert. „Nicht jeder kann nach Lourdes fahren, nicht jeder schafft die Strapazen der Reise oder hat das Geld dafür.“

Wallfahrt auch allein

Zur „Mutter der sieben Schmerzen“ pilgern, in die kleine Gnadenkapelle – das liege vielen Menschen in Not sehr nahe, sagt Költgen. Er erlebt das bei jedem Gang über den Wallfahrtsplatz: Schülerinnen steigen vom Fahrrad – und gehen in die Kapelle. Handwerker im Blaumann klettern aus dem Kleinlaster – und gehen in die Kapelle. Wanderer mit Walking-Stöcken biegen auf den Platz ab – und gehen in die Kapelle.

„Die Kapelle ist nie auch nur drei Minuten leer“, versichert Költgen. „Das ist bei weitem der größte Pilgerstrom: Menschen, die mit ihren Anliegen in Stille allein sein wollen“.
Sicher sei Bethen auch von den Wallfahrten großer Verbände geprägt, wenn Kolpinger oder Schützen kommen oder die Frauengemeinschaften. Költgen aber sieht eines als typisch an für Bethen: „Die stille Atmosphäre. Man kann zur Ruhe kommen.“ Költgen zählt über‘s Jahr gut 100 000 Pilger – aber den Charakter, als ruhiger, als besinnlicher Ort habe sich Bethen immer bewahrt.

Politische Wallfahrten

Die Wallfahrt nach Bethen konnte aber auch schon zu regelrechten politischen Demonstrationen werden, wie Historiker berichten. In der Nazi-Zeit strömten manchmal Tausende auf den Wallfahrtsplatz. 1934 etwa, als Bischof Clemens August von Galen in einer Predigt die Ideen des Nationalsozialismus für unchristlich erklärte.

Oder 1936, als Kaplan Franz Uptmoor dort zum Widerstand aufrief gegen die Regierung; die hatte gefordert, Kreuze aus den Schulen zu nehmen. Der Widerstand war erfolgreich („Oldenburger Kreuzkampf“); bei so genannten „Bekenntnistagen“ wurde in Bethen immer wieder daran erinnert.

Viel Wandel in 350 Jahren

Heute habe die Wallfahrt nach Bethen eben einen anderen Charakter, sagt Költgen. Sie verändere sich natürlich von Generation zu Generation. Wallfahrten zu Fuß etwa – die gebe es kaum noch.

Der Pfarrer erinnert sich noch gut an seine Jugend am Niederrhein; „da sind wir am frühen Morgen 28 Kilometer nach Kevelaer gelaufen.“ Mit dem Gefühl, „nach dem anstrengenden Weg etwas geschafft zu haben.“ Auch das gehöre zur Wallfahrt – wie man bei den Pilgern auf dem Jakobsweg sehen könne.

Wallfahrt auch im Krieg

Bethen verliere mit der Zeit sicher auch seinen Charakter als Krieger-Gedächtnisstätte; die Wallfahrt nach Bethen war im Ersten Weltkrieg aufgelebt, mit dem Gebet für Soldaten. In der Krypta der neu gebauten Wallfahrtsbasilika sind die Namen aller Soldaten des Großherzogtums Oldenburg verzeichnet, die in diesem Krieg gefallen sind.

Die direkt betroffenen Angehörigen leben nicht mehr; die Krypta habe aber ihren geistlichen Charakter  bewahrt, berichtet Pfarrer Költgen. „Als Ort, Leid aller Art gemeinsam zu bewältigen.“

Pilgern auch für Jüngere

Jüngere Menschen fänden heute schwerer einen Zugang zur gemeinsamen Wallfahrt, glaubt Költgen. Kein Wunder in einer Zeit, wo viele Menschen eher allein und für sich lebten, so glaubt er. Zum Jubiläum in dieser Woche hat der Wallfahrtsrektor  gerade für Jugendliche jedoch einen besonderen Akzent gesetzt: Den Graffiti-Künstler Mika Springwald bat er, in einer Unterführung auf dem Wallfahrtsweg ein Kunstwerk zu sprühen: die sieben Schmerzen Mariens. „Ich wollte zum Jubiläum einfach mal einen Hingucker haben.“

Aber Költgen erlebt immer wieder auch Anderes. Am Ende einer Abendmesse strömten einmal drei Dutzend junge Leute zwischen 18 und 25 in die Kirche, blieben nach der Messe in den hinteren Bänken sitzen. Költgen sprach sie an, erfuhr, dass sie nicht fertig wurden mit dem schweren Unfall eines Freundes. Der Pfarrer betete mit ihnen, auch den Rosenkranz.
Dirk Költgen findet das im Rückblick ganz typisch: „Ihre Heimatkirche im Ort war der Gruppe eigentlich viel näher. Aber in der tiefsten Not sagen sich hier eben auch die jungen Menschen: Lasst uns nach Bethen gehen.“