Verein „Vamos Juntos“ plant wechselseitigen Freiwilligendienst

Warum Schuhputzer aus Bolivien nach Bocholt kommen

Ab Sommer möchte der Verein „Vamos Juntos – Freundeskreis Deutschland-Bolivien“ zum ersten Mal einen Freiwilligendienst zwischen diesen Ländern anbieten. Vier Schuhputzer beziehungsweise die Kinder von Schuhputzern aus Bolivien sollen in Deutschland einen einjährigen Freiwilligendienst in sozialen Einrichtungen absolvieren, genauer gesagt in Bocholt.

„Wir hoffen, dass die Einreise - und auch die Ausreise unserer Nord-Süd-Freiwilligen - Ende August möglich sein wird“, sagt Ruth Overbeck de Sumi. Die Freiwilligen aus Bolivien werden nach jetzigem Stand in karitativen Einrichtungen wie in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Rhede (Büngern Technik) und in der integrativen Kindergarten-Arbeit in Bocholt arbeiten.

Freiwilliges Soziales Jahr prägte Bewusstsein

Dona Rosa und Ruth Overbeck de Sumi.
Die Schuhputzerin Dona Rosa und die Bocholterin Ruth Overbeck de Sumi. | Foto: privat

Ruth Overbeck de Sumi gründete nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien im Jahr 2000 den Verein „Vamos Juntos“. Ziel des Vereins ist es, die Lebensbedingungen der Schuhputzer und ihrer Familien in den bolivianischen Hauptstadt La Paz zu verbessern.

„Wir fördern Bildung und Gesundheit, aber auch die gesellschaftliche Anerkennung der Schuhputzer“, sagt die Bocholterin. Grundlage der Vereinsarbeit sei das Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe und die persönliche Begegnung und Begleitung. „Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe“, sagt Overbeck de Sumi, die im Lauf der Jahre viele persönliche Kontakte aufgebaut hat.

Unterstützung durch die Pfarrei St. Georg

Die von „Vamos Juntos“ unterstützte Gruppe der Schuhputzer einschließlich ihrer Familienangehörigen umfasst mittlerweile mehr als 2500 Menschen. „Das können wir, weil wir von vielen Bocholtern unterstützt werden“, sagt Overbeck de Sumi. Dazu gehöre die Pfarrei St. Georg und vor allem die Gemeinde in Liedern bei Bocholt.

Als die Bocholterin vor 20 Jahren in La Paz lebte, bekam sie die Diskriminierung der Schuhputzer hautnah mit: „Aufgrund ihrer indigenen Herkunft und ihres niedrigen sozialen Status stehen die Schuhputzer am Rand der Gesellschaft“, sagt Overbeck de Sumi. Die Arbeit stehe für den Klassenunterschied: „Saubere Schuhe stehen in Bolivien für eine gute Herkunft. Diejenigen, die sie zum Glänzen bringen, gelten dagegen als vermeintlich alkoholabhängig, drogensüchtig, kriminell und allgemein als minderwertig. Ihre gesellschaftliche Position entspricht sozusagen ihrer Arbeitsposition – zu Füßen der Menschen, für die sie arbeiten. Mit Masken schützen sie sich vor den abschätzigen Blicken ihrer Kunden.“

Lernförderung für Kinder in La Paz

Für Overbeck de Sumi war schnell klar, dass sie helfen wollte. Mit der Vereinsgründung begann eine soziale Arbeit, die mehr als ein ehrenamtliches Engagement geworden ist. Mittlerweile arbeitet Overbeck de Sumi halbtags für „Vamos Juntos“, um die soziale Arbeit weiter auszubauen.

Seit einigen Jahren bietet der Verein Kindern von Schuhputzern in den Ferien mehrtägige Seminare an, die regelmäßig von mehr als 200 Kindern und Jugendlichen besucht werden. „Wir fördern in den Kursen Lesen, Rechnen und das Schreiben, aber auch die Kreativität der Kinder“, sagt Overbeck de Sumi.

Schuhe für die Schuhputzer

Frauengruppe
Eine Frauengruppe trifft sich regelmäßig, um Postkarten und Kunsthandwerk herzustellen. | Foto: privat

Um den Schulbesuch zu garantieren, unterstützt „Vamos Juntos“ jedes Jahr rund 300 Kinder, die in den Ferien als Schuhputzer arbeiten müssen, mit Schulmaterialien und mehr als 200 Kinder, so eine Ironie der Geschichte, mit Schuhen. „Durch unsere Hilfen ist es uns gelungen, dass heute im Vergleich zu früher während der Schulzeit kein Kind mehr als Schuhputzer arbeiten muss“, sagt die Bocholterin.

Zu den weiteren Hilfen gehören Bildungsprogramme für Frauen, die Unterstützung alkoholkranker Menschen, medizinische Behandlungen und Freizeitprogramme für die alten Schuhputzer. Regelmäßig treffen sich Frauen, um kunsthandwerkliche Techniken zu erlernen. Sie stellen zum Beispiel Postkarten her, die in Deutschland und Bolivien verkauft werden.

Berufsverbot in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise hat die Lage der Schuhputzer dramatisch verschlechtert: „In Bolivien ist das öffentliche Leben zurzeit stark eingeschränkt, stärker als bei uns. Dadurch, dass die Schuhputzer seit Wochen nicht mehr arbeiten können, geraten sie in existentielle Nöte. Die Lebensmittel werden knapp“, weiß Overbeck de Sumi. Aus diesem Grund verteile der Verein in diesen Wochen viele Lebensmittelpakete in La Paz.

Das 20-jährige Bestehen wird „Vamos Juntos“ in der Zeit der Corona-Krise weitgehend Online begehen. „Unsere Jahreshauptversammlung wird an Christi Himmelfahrt online stattfinden und nicht wie geplant gemeinsam mit dem bolivianischen Team, das eigentlich im Mai zu einer Partnerkonferenz nach Bocholt gekommen wäre“, sagt Overbeck de Sumi.

Freiwillige freuen sich auf Bocholt

Mit den vier bolivianischen Freiwilligen, die sich auf die Zeit in Bocholt freuen, wird Kontakt über die Online-Plattform „Zoom“ gehalten. „Das neue Format hat gut funktioniert. Wenn der Besuch klappt, wäre es für die Partnerschaftsarbeit wertvoll.“