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Für Bernard Haja ging es erst in Quarantäne dann in den Schnee

Freiwilligendienst: Aus Madagaskar in die verschneiten Baumberge

  • Bernard Haja ist für einen Bundesfreiwilligendienst aus Madagaskar ins Stift Tilbeck bei Havixbeck gekommen.
  • Erst nach zweiwöchiger Quarantäne kann er seinen Dienst antreten.
  • In seinem Einsatzort erwarte ihn viel Neues und, zum ersten Mal in seinem Leben, Schnee.
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Dort: Madagaskar, Sonne, tropisches Klima, 30 Grad Celsius. Hier: Münsterland, wechselhaft, Temperaturen um den Gefrierpunkt. Für Bernard Haja liegen dazwischen nur wenige Flugstunden. Als der 35-Jährige in Frankfurt landet, friert er nicht nur. Er bemerkt noch einen deutlichen Unterschied: „Die problematische Corona-Situation.“ Im afrikanischen Inselstaat ist die Pandemie durchaus auch ein Thema. Aber sie verändert den Alltag der Menschen in seiner Heimat nur wenig: „Keine Quarantänen, keine Ausganssperren, kein Lockdown.“ Lediglich Masken tragen die Menschen in seinem Wohnort Antananarivo.

Dass das in Deutschland anders ist, spürt er unmittelbar, in seiner eigenen Situation. Und das intensiv: In Münster angekommen, muss er in Quarantäne. Das bedeutet zwei Wochen lang keinen Kontakt zu anderen Menschen. Er ist traurig und hat Heimweh. „Aber es geht ja nicht anders, es muss sein.“ Augen zu und durch. Er trägt es mit Fassung, weil er ein Ziel hat. Haja ist hierhergekommen, um einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) zu absolvieren. Eine Alten- und Pflegeeinrichtung im Stift Tilbeck bei Havixbeck wird sein Arbeitsplatz sein. Mit dieser Aussicht sitzt er in der Wohnung in Münster und wartet, dass die Zeit rumgeht.

Gutes W-LAN gegen das Heimweh

Völlig neu: Haja hatte zuvor noch nie Schnee gesehen, als das Münsterland tief verschneite. | Foto: Michael Bönte
Völlig neu: Haja hatte zuvor noch nie Schnee gesehen, als das Münsterland tief verschneite. | Foto: Michael Bönte

Die Betreuer von den Freiwilligen Sozialen Diensten (FSD) im Bistum Münster, die seinen Einsatz in Deutschland organisiert haben, kümmern sich um ihn. Sie haben für gutes W-LAN gesorgt. Auch weil es keinen Fernseher gibt. Haja nimmt per Zoom oft Kontakt zur Heimat auf, zu Freunden, zur Familie. „Mit meiner Mutter kann ich aber nur telefonieren, sie hat keine Internetverbindung.“ Die Anrufe dosiert er, weil sie viel Geld kosten.

Für das Zubereiten des Essens lässt er sich viel Zeit. Auch das verhindert Langeweile und Heimweh. Er bestellt Reis, weil ihn der Geschmack an daheim erinnert. Die Helfer vom FSD stellen ihm die Lebensmitteltüten vor die Tür und klingeln. Dann sind sie wieder weg – Corona fordert das ein. Es sind viele Dinge in den Tüten, die er kaum kennt. Die Kartoffel dreht er lange in der Hand, bis der damit etwas anzufangen weiß. „In meiner Heimat kennen wir sie nur in Streifen und frittiert.“

Die Quarantäne endet, der Schnee kommt

Dann endlich endet die Isolation, der Corona-Test ist negativ, er kann mit seinen Unterstützern vom FSD von Angesicht zu Angesicht sprechen. „Ein schönes Gefühl.“ Ihm helfen die wenigen Worte Deutsch, die er in den vergangenen Tagen quasi im Home-Office gelernt hat. Seine Heimatsprache Malagasy ist keine Option für die Gespräche mit seinen Gastgebern. Wohl ein paar Brocken Französisch und Englisch. Der Rest gelingt mit Händen und Füßen. „Und mit der wenigen Mimik, die hinter der Maske möglich ist.“

So gelingt das auch im Stift Tilbeck, wo Menschen mit Behinderung wohnen und arbeiten. Er bekommt ein kleines Appartement auf dem Gelände. Und ein Fahrrad. Das Fahren muss er nicht lernen. „Ich kenne das aus meiner Heimat.“ Und er ist sportlich, hat er daheim doch als Sportlehrer gearbeitet. Die Wege um sein neues Zuhause wären sofort zu seinem Trainingsgelände geworden, wenn nicht der Schnee gekommen wäre.

Zum ersten Mal ein „Schnee-Engel“

Katharina Hetmann begleitet Haja bei der Arbeit und hilft ihm, in der neuen Situation zurecht zu kommen. | Foto: Michael Bönte
Katharina Hetmann begleitet Haja bei der Arbeit und hilft ihm, in der neuen Situation zurecht zu kommen. | Foto: Michael Bönte

„Ich sehe das zum ersten Mal.“ Erst vorsichtig aus dem Fenster, dann immer mutiger im direkten Kontakt. Die Baumberge sind gleich nebenan. Er geht viel Spazieren, wühlt sich durch dicke Verwehungen. Er friert, aber genießt die ungewohnte Kulisse. Irgendwann liegt er auf dem Rücken im Schnee und zeichnet mit Armen und Beinen einen „Engel“. „Meine Kollegen haben mir das gezeigt.“ Unzählige Fotos wandern von seinem Handy nach Madagaskar.

„Die Menschen hier sind toll“, sagt er. Haja meint damit beide Seiten: „Die Kollegen und die Bewohner.“ Er hat immer jemanden an seiner Seite, der ihn anleitet. Oft ist das Katharina Hetmann. Sie ist Heilerziehungspflegerin und zeigt ihm die unterschiedlichen Betreuungsbereiche. Er reicht Essen, macht Spaziergänge mit den alten Menschen, spielt und musiziert mit ihnen. „Auf der Ocean-Drum habe ich für sie auch schon musiziert.“ Die kleine Trommel ist mit Kügelchen gefüllt. Wird sie gedreht, rauscht sie wie Wellen. „Ein wenig Heimatgefühl.“

Blicke brauchen keine Übersetzung

Wenngleich er sich auch in Tilbeck immer mehr zuhause fühlt, nicht zuletzt durch die familiäre Stimmung in den Wohnbereichen, in denen er arbeitet. Die Bewohner haben ihn bereits ins Herz geschlossen. „Juchhuh, Bernard!“, hört er manchmal zum Beginn des Arbeitstages schon früh am Morgen über den Flur hallen. „Ich bin ein fröhlicher Mensch – die Freude steckt mich an“, sagt er. Das geschieht über sprachliche Hindernisse hinweg. Zumal die Verständigung durch die Maske ohnehin erschwert wird. Seine dunklen Augen verdeckt sie aber nicht. Und sein freundlicher Blick braucht keine Übersetzung.

Es tut ihm gut, für die alten und behinderten Menschen dasein zu können, sagt Haja. Für ihn ist das eine wohltuend gewohnte Normalität aus seinem Alltag in dem afrikanischen Staat. Wer auf Madagaskar alt und krank wird, bleibt in der Familie. Die Fürsorge für die Schwächeren ist dort verortet. „Ich kenne die Situation eines Pflegeheims aus meiner Heimat nicht.“ Einen Vorwurf an deutsche Verhältnisse will er daraus nicht formulieren. „Das System hier funktioniert anders, hier müssen alle Menschen arbeiten – dann ist es gut, wenn es solche Möglichkeiten wie dieses hier gibt.“

Mit dem Fahrrad durch die Baumberge

Mittlerweile ist auch der Schnee geschmolzen. Die Landschaft um Stift Tilbeck kleidet sich langsam einladend grün, die Temperaturen sind nicht mehr ganz so beißend für einen Afrikaner. Die Pättkes der Umgebung werden immer mehr zum täglichen Freizeitgelände für Haja – zu Fuß und auf dem Fahrrad. Mal kreuz und quer durch die Baumberge, mal für ein paar Besorgungen ins benachbarte Havixbeck. Ein Monatsticket für den Überlandbus hat er auch schon. In den nächsten Wochen beginnt der Deutschunterricht im zehn Kilometer entfernten Münster. Wenn die Corona-Maßnahmen es zulassen.

Haja wünscht sich den direkten Kontakt zu den anderen Schülern. Die Einschränkungen bei der Arbeit und in der Freizeit setzen ihm zu. Denn neben den Erfahrungen in der Pflege und Betreuung der alten Menschen sind genau sie es, die ihn nach Deutschland aufbrechen ließen. „Ich will das Land, das Leben und die Kultur kennenlernen.“ Viel hat er in der Schule nicht darüber gelernt. „Adolf Hitler und die Berliner Mauer waren Themen im Geschichtsunterricht.“ Er will in den kommenden Monaten unbedingt einmal nach Berlin. Das es bis dorthin 500 Kilometer sind, war ihm nicht bewusst. „Vielleicht klappt es ja trotzdem irgendwann.“

Hoffnung auf mehr Freiheiten

Auch bei den Fortbildungskursen der FSD in Münster wird er auf den Kontakt zu den anderen jungen Menschen vorerst verzichten müssen. Sie werden online stattfinden. Der weite Horizont, den Haja in Deutschland sucht, hat somit noch viele Grenzen. Klima, Sprache, Essen – die kleinen davon hat er bislang problemlos überwunden. Bei den großen muss er darauf hoffen, dass die Pandemie-Situation in Deutschland das zulässt. Vielleicht wird er seine Zeit in Deutschland dafür verlängern. Eine Ausbildung in einem Pflegeberuf ist eine Option für ihn. In Tilbeck legt er gerade den Grundstein dafür.

Die Freiwilligen Sozialen Dienste (FSD) Bistum Münster sind der katholische Träger für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) und das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums Münster. Derzeit hat er etwa 1.000 Freiwillige in 800 Einsatzstellen vermittelt. Darunter sind auch 90 zumeist junge Menschen, die aus dem Ausland kommen. Für den Kontakt zu ihnen gibt es zum Teil feste Strukturen, etwa über das Partnerbistum Tula in Mexiko. Viele Bewerber erfahren aber auch über das Internet oder über Mund-zu-Mund-Propaganda vom Angebot in Deutschland. Die FSD begleiten die Freiwilligen, bieten Fortbildungen und organisieren unter anderem den Deutsch-Unterricht. www.fsd-muenster.de

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