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Interview mit dem Bonner Ritual-Forscher und Liturgiewissenschaftler zu einer Umfrage in NRW

Warum wollen viele Katholiken keine katholische Beerdigung, Herr Odenthal?

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Immer mehr Katholiken verzichten auf eine katholische Beerdigung. Dabei hätte man denken können, gerade in der Trauer sei christliche Begleitung noch gefragt. Welche Rolle die Kirchenkrise dabei spielt, warum Ritual-Design heute gefragter ist und was das für katholische Trauer-Liturgie bedeuten müsste, sagt Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal im Interview mit „Kirche-und-Leben.de“.

Bis zu einem Drittel der verstorbenen Katholiken in Nordrhein-Westfalen haben sich nicht mehr kirchlich beerdigen lassen. Wie bewerten Sie diese Zahl?

Die hohe Zahl ist erschreckend, keine Frage. Aber sie wundert mich überhaupt nicht.

Warum nicht?

Das gemeindliche Milieu, in das bis vor wenigen Jahrzehnten Bestattungen eingebunden waren, existiert nicht mehr. Dazu kommen zunehmend problematische Erfahrungen, die ihre Gründe wiederum in der kirchlichen Situation haben.

Woran denken Sie konkret?

Andreas Odenthal ist Priester des Erzbistums Köln und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist neben der Liturgiegeschichte des Mittelalters die „rituelle Erfahrung“ im Dialog von Theologie und Psychoanalyse.

Da fallen mir aus der jüngsten Zeit einige Erlebnisse ein – und bitte verstehen Sie das nicht als Vorwurf, sondern schlicht als Beobachtung. Zum Beispiel: Ein Pries­ter nennt während der ganzen Trauerfeier ständig einen falschen Namen des Verstorbenen, geht aber an keiner Stelle auf dessen Lebenslauf ein. Oder: Bei einer Beerdigung auf dem Friedhof fehlt Weihwasser, weil alle Folgedienste wie etwa der Küster weggekürzt sind. Oder: Ein Geistlicher watscht die Trauernden ab, weil sie nicht mehr wissen, wann sie stehen oder sitzen sollen. Dazu kommt ein völlig ambivalenzfreies Auferstehungsgerede, so als wäre Sterben ein Sonntags-Nachmittags-Spaziergang und nicht die radikale Anfrage an uns selbst. Da ist doch manches nur belanglos, was zudem keinen Raum für Trauer zulässt. Klar ist auch: Als ich selber Kaplan war, gab es vier bis sechs Beerdigungen in der Woche. Da konnte ich noch Hausbesuche machen, individuelle Ansprachen vorbereiten. Meine damalige Stelle ist ersatzlos gestrichen. Wir haben es also auch mit einer maßlosen Überforderung des Seelsorgepersonals zu tun.

Bislang dachte man, bei den großen Themen Leben, Liebe und Tod – also Taufe, Hochzeit und Beerdigung – sind die Kirchen mit ihren Riten, Räumen und Bräuchen noch gefragt. Was bedeutet da dieser Rückgang gerade bei kirchlichen Beerdigungen?

Die Menschen suchen besonders bei den Lebenswenden authentische Rituale, deren Design sie mitbestimmen können: Sie wollen, dass sie selber darin vorkommen, auch indem sie sie nach ihrem Geschmack mitgestalten. Da hat die Kirche in ihren derzeitigen Krisen und mit ihren rituellen Vorgaben einen schlechten Stand.

Inwiefern?

Die Krisen beeinträchtigen ihre Authentizität. Man traut ihr nicht mehr zu, an diesen Punkten authentisch zu sein. Und die rituellen Vorgaben ziehen immer den Vorwurf auf sich, starr zu sein, sodass kein Platz für ein Ritual-Design ist. Doch ich möchte als Hinterbliebener ja selber gestalten können, und sei es ein besonderes Lied. Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich gibt es ganz großartige Beispiele von Seelsorgenden, die sich genau dabei große Mühe geben. Für uns muss doch wichtig sein: Es gibt ein Bedürfnis nach Ritual-Design im besten Sinn: Ich will für den Verstorbenen noch etwas tun. Da muss Kirche beweglicher sein – und sie kann es sein, ohne ihr Ureigentliches aufzugeben.

Trotzdem gibt es eine Bestattungspflicht. Also wird irgendjemand das anstelle der Kirche übernehmen. Was haben diese Menschen, das wir nicht haben?

Es gibt hochspezialisierte und kompetente Bestattungsinstitute und freie Trauerrednerinnen und -redner, die seit Jahrzehnten in die Lücke gesprungen sind. Der große Unterschied: Sie können sich Zeit nehmen, können individuell auf die Situationen eingehen. Davon könnten wir lernen, aber bitte nicht zur Gänze. Zudem lassen sie sich ihren Service natürlich auch einiges kosten.

Welche Chance sehen Sie, dass sich am Negativ-Trend bei Bestattungen wieder etwas ändert?

Wie wäre eine Rückbesinnung auf den eigenen Schatz – und ihn ins Konzert aller anderen Möglichkeiten einer Bestattung einzufügen? Keine Frage: Die Bilder von Auferstehung, Erlösung, Vollendung bergen – so stark sie sind – eine Zumutung in sich. Weil sie gerade nicht den Wünschen nach Authentizität entsprechen, weil sie meinen Wunsch nach persönlicher Gestaltung etwas gänzlich anderes, womöglich auch Fremdes gegenüberstellen. Doch eben das ist die Chance der Liturgie, gerade in der Trauerfeier: Der Mensch tritt aus seinem eigenen Gedankenkreis heraus und vertraut sich einem größeren Horizont von Glaubenserfahrungen an.

Noch einmal: Das ist eine Herausforderung für die Trauernden und Hinterbliebenen – und für uns alle. Doch das wäre der typisch christliche Beitrag – es nicht beim Ritual-Design mit Blick auf Authentizität zu belassen, sondern es noch einmal anders einzuformen. Das kann die Kirche leis­ten. Das ist anspruchsvoll, denn christliche Liturgie gibt es nicht billiger. Und all das macht die beschriebenen Schwierigkeiten aus.

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