Themenwoche „25 Jahre Queergemeinde Münster“ (4)

Wie glaubwürdig kann queersensible Seelsorge sein, Herr Trescher?

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Was ist „queersensible Pastoral“? Geht das in der katholischen Kirche überhaupt? Kirche+Leben hat Stephan Trescher von der Fachstelle für Pastorale Bildung und Begleitung im Oldenburger Land in Cloppenburg-Stapelfeld gefragt, zu deren Aufgaben das Thema „queersensible Pastoral“ gehört.

Herr Trescher, was ist queersensible Pastoral?

Es geht um Seelsorge in Pfarreien und an kirchlichen Orten wie Krankenhäusern oder Schulen, die Bedürfnisse queerer Menschen im Blick hat. Schon die Abkürzung LGBTIQ+ zeigt, dass wir es mit ganz unterschiedlichen Menschen und Bedürfnissen zu tun haben: homosexuelle, inter- und transgeschlechtliche und viele mehr. In unserem Workshop schauen wir, wie man Interessierten in der Kirche Infos vermitteln und eine queersensible Haltung einüben kann.

Wie kann sich diese Haltung zeigen?

Zum Beispiel im Gottesdienst nicht nur „Liebe Schwestern und Brüder“ sagen. Da fühlen sich Menschen ausgegrenzt, die sich nicht einem eindeutig weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen. Sondern besser „Liebe Geschwister“. Oder in der Predigt mal ein Beispiel aus einer Regenbogen-Familie verwenden, Erfahrungen queerer Menschen wertschätzend einbeziehen. Überhaupt queere Menschen vor Ort kennen und nicht nur über sie, sondern mit ihnen sprechen.

Für wen ist die Fortbildung gedacht?

Für Haupt- und Ehrenamtliche, queere und nicht-queere Menschen. Letztlich für Multiplikator*innen. Die Idee ist bei unserem Queer-Stammtisch entstanden. Wir überlegen, mit interessierten Gruppen in Pfarreien, Verbänden und so weiter zum Thema zu arbeiten. Dafür wollen wir uns fit machen.

Manche Menschen reagieren ziemlich sensibel, wenn ihnen gegenüber der Eindruck erweckt wird, weil sie queer sind, bräuchten sie seelsorgliche Unterstützung. Und dann ausgerechnet von der katholischen Kirche. Was sagen Sie ihnen?

Ich verstehe die Zurückhaltung. Jahrhundertelang hat die Kirche zum Beispiel Homosexuelle und Transmenschen als krank dargestellt. Dabei liegt das Problem nicht bei den Queeren, sondern in einem bestimmten Verständnis der kirchlichen Tradition. Queer-Pastoral richtet sich deshalb nicht nur an LGBTIQ+, sondern an Gläubige allgemein, die daran etwas ändern möchten. Neben jenen Queeren, die verständlicherweise von der Kirche nichts wissen wollen, gibt es andere, die bei uns ihren Glauben leben wollen. Sie sollen erfahren, dass sie willkommen sind.

Der Katechismus hält Homosexualität für eine „Neigung“, die „objektiv ungeordnet“ sei und für die meisten Betroffenen eine Prüfung darstelle. Zudem sollen sie keusch leben, weil ausgelebte Homosexualität eine schwere Sünde sei. Sind solche Aussagen sensibel?

Die meisten queeren Menschen fühlen sich von solchen kirchlichen Lehraussagen abgewertet, verletzt, pathologisiert und ausgegrenzt.

Der Chef der Glaubensbehörde, Kardinal Victor Fernandez, sagt, das neue Dokument „Fiducia supplicans“ verändere das Verständnis von Segen, also auch des Segens für Homosexuelle, aber nicht die Lehre. Wie kann queersensible Pastoral glaubwürdig sein, wenn die Lehre unverändert gilt?

Da hat die Kirche ein Glaubwürdigkeitsproblem. Kirche besteht freilich nicht nur aus der offiziellen Lehre. Meinem Eindruck nach teilt die deutliche Mehrheit der katholischen Seelsorgenden und Gläubigen in Deutschland die Aussagen des Katechismus zu Homosexualität nicht. Auch eine Mehrheit der Bischöfe nicht. Wir müssen zeigen, dass es in der Kirche möglich ist, eine andere Haltung zu leben. Die offizielle Erlaubnis einer Segnung kann da helfen. Wir müssen aber auch auf eine Diskussion und Weiterentwicklung der Lehre drängen.