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Themenwoche „Profanierung“, Teil 3: Dechant van Straelen berichtet

Bocholter Pfarrer: „Argumente für eine Kirchenschließung klar benennen“

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Zwei Kirchen hat die Pfarrei Liebfrauen in Bocholt in den vergangenen Jahren geschlossen. Eine Kita entstand in der früheren St.-Martin-Kirche, auf dem Gelände der früheren Herz-Jesu-Kirche wird in diesen Monaten ein neues stationäres Hospiz gebaut. Wie mit der Schließung der Kirchen verfahren wurde und warum eine Beteiligung der Gemeinde an der Zukunftsplanung so wichtig ist, erläutert im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ der Pfarrer von Liebfrauen, Dechant Rafael van Straelen.

Herr van Straelen, in Bocholt haben Sie zwei Profanierungen sprichwörtlich auf den Weg gebracht oder mit diesen zu tun gehabt. In der früheren Kirche St. Martin entstand 2010 eine Tageseinrichtung für Kinder, auf dem Gelände der früheren Kirche Herz Jesu wird aktuell ein Hospiz gebaut. Wie sind Sie mit den beiden Kirchenschließungen umgegangen?

Die Profanierung der Kirche St. Martin hat die Pfarrei Liebfrauen noch mit meinem Vorgänger, dem heutigen Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp, auf den Weg gebracht. Ich habe dann mit der Aufnahme meines Dienstes als Pfarrer von Liebfrauen Bocholt den Umbau des ehemaligen Kirchengebäudes als Erweiterung zur Kita St. Martin fortgeführt und beendet. Einiges vom Kircheninventar ist damals einer Gemeinde in Belarus (Weißrussland) für eine neu errichtete Kirche übergeben worden. Heute freuen sich Kinder, Erzieherinnen und Erzieher sowie Eltern über eine großzügige Mensa mit Küchenbereich und eine große Turnhalle in der Kita. Der Bau des Hospizes auf dem Gelände der ehemaligen Herz-Jesu-Kirche freut uns. Bei beiden Kirchenschließungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine sinnvolle Anschlussverwendung sehr wichtig ist. Bei der Aufgabe der Herz-Jesu-Kirche hat es die meisten Gemeindemitglieder tröstlich gestimmt, dass ein stationäres Hospiz errichtet wird. Dies ist eine Einrichtung ganz im Sinn der Botschaft Jesu Christi. Kirchen gibt es viele in Bocholt, aber ein Hospiz fehlte bisher.

Oft sind Kirchenschließungen mit Protesten verbunden. Wie sehr trifft Sie Kritik und Unmut von Gemeindemitgliedern?

Dechant Rafael van Straelen
Dechant Rafael van Straelen, Pfarrer in Liebfrauen Bocholt. | Foto: Johannes Bernard

Wir haben sowohl die Aufgabe der St.-Martin-Kirche als auch der Herz-Jesu-Kirche ohne großen Protest erlebt. Klar gibt es Menschen, die ihre Enttäuschung und Trauer äußern; gerade jene, die sich diesem Kirchengebäude sehr verbunden fühlen, weil sie dort wichtige Ereignisse ihres Lebens und Glaubens gefeiert haben. Dies dürfen sie auch mit Recht. Uns, den verantwortlichen Gremien Pfarreirat wie Kirchenvorstand und dem Pastoralteam, aber auch mir persönlich, ist es immer wichtig, zum einen die Notwendigkeit und die Argumente für die Kirchenschließung klar zu benennen, aber auch die Enttäuschung und Trauer auszudrücken und ihr Raum zu geben; da gilt es nichts zu beschönigen. Abschieds- und Trauerprozesse sind immer schmerzlich und brauchen ihre Zeit. Mir ist es wichtig, die Enttäuschung und Trauer wahrzunehmen und mit den Menschen zu teilen. Unmut oder negative Kritik trifft mich dann, wenn sie unberechtigt und respektlos ist oder die Wirklichkeit ausblendet beziehungsweise die Argumente, die zur Kirchenschließung führen, nicht zur Kenntnis genommen werden.

Welche Art des Verfahrens und der Moderation braucht es, um Gemeinden und Pfarreien die Entscheidung einer Kirchenschließung verständlich zu machen?

Bezüglich des Verfahrens ist unsere Erfahrung, dass es wichtig ist, die Gremien gleichberechtigt in die pastorale wie finanzielle Verantwortung einzubinden und die Gremienmitglieder vor der Veröffentlichung der Entscheidung auskunfts- und sprachfähig zu machen, damit sie sich gut vorbereitet fühlen, wenn sie im Gespräch und in der Diskussion mit Gemeindemitgliedern Rede und Antwort stehen sollen. Wichtig ist zudem, sich vorher das Kommunikationsverfahren gut zu überlegen und vorzubereiten. Neben dem persönlichen Gespräch sind immer auch die einem zur Verfügung stehenden Medien zu nutzen und dort entsprechende Informationen bereitzuhalten.

Wenn Sie die Kirchenentwicklung betrachten: Mit wie vielen Profanierungen werden Sie als Ortspfarrer und als Dechant noch zu tun haben?

Das kann ich zahlenmäßig nicht benennen. Sicher aber ist, dass es noch zur Aufgabe von weiteren Kirchen kommen wird. Meine Einschätzung ganz allgemein ist, dass mit Blick auf die Zukunft, auf die weniger werdende Zahl der Gemeindemitglieder und auch der Seelsorgerinnen und Seelsorger wir die Dichte von Kirchengebäuden in städtischen Bereichen nicht werden aufrechterhalten können. Die Aufgabe eines Kirchengebäudes als Gottesdienstort obliegt einer Kirchengemeinde. In der Hinsicht habe ich als Dechant direkt damit nichts zu tun. Als Pfarrer bin ich mit den Gremien der Pfarre Liebfrauen seit einigen Jahren im Prozess der Entwicklung eines Immobilienkonzeptes.

Wie könnten und sollten aufgegebene Kirchengebäude genutzt werden?

Aufgegebene Kirchengebäude können sehr unterschiedlich genutzt werden. In Bochum ist ein Kirchengebäude in ein Konzerthaus integriert worden. In Kempen am Niederrhein ist aus einer Kirche eine Bibliothek geworden. Andere Kirchengebäude wie in Marl oder Wesel sind zum Kolumbarium (Urnenbegräbnisstätte) umgewidmet worden. In Borken ist ein Jugendzentrum eingezogen. Der Umbau zu sozialen Wohnprojekten oder sozialen Einrichtungen ist ebenso sehr gut möglich, wenn das Gebäude es hergibt. Wichtig scheint mir, dass die anderweitige Nutzung dem Evangelium Jesu Christi und dem Wohl der Menschen entspricht.

Sie sind seit 26 Jahren Priester und leiten seit mehreren Jahren die große Pfarrei Liebfrauen in Bocholt, die aus Gemeindezusammenführungen entstanden ist. Nun stehen die neuen „Pastoralen Räume“ an, die den Blick über den Tellerrand noch einmal weiten. Wie kann „Kirche vor Ort“ noch gestaltet werden, gerade dann, wenn ein Gotteshaus nur noch in weiter Ferne zu sehen ist?

Was heißt „ein Gotteshaus in weiter Ferne“? Ich kann auf dem Land wohnen und habe seit je her mehrere Kilometer zurückzulegen, um meine Kirche im Ort (Dorf) aufzusuchen. Wenn ich in der Stadt wohne und bisher zur Kirche nur 300 Meter zurücklegen musste – nach deren Schließung jedoch einen guten Kilometer -, dann ist dies gewiss nicht „Kirche in weiter Ferne“. Den Prozess der „Pastoralen Räume“ sehe ich kritisch, da ihm eine wahre zugrundeliegende Vision fehlt. Ich nehme ihn eher wahr als ein Antwortversuch auf eine Mangelverwaltung. Ich sehe unsere Aufgabe als Seelsorgende darin, die Christinnen und Christen vor Ort in ihrem Christsein so zu stärken, dass sie entscheiden, wie sie gut vor Ort als Gleichgesinnte den christlichen Glauben und die Botschaft Jesu leben, verkünden, bezeugen und weitergeben können. Christsein leben im täglichen Leben und Handeln ist mehr als die Mitfeier der Sonntagsmesse.

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