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Themenwoche „Profanierung“, Teil 2: Was wirklich wichtig ist

Profanierung erklärt - Rau: „Christen brauchen keinen heiligen Ort“

Profanierung erklärt - mit Pfarrer Rau, Vorsitzender Liturgiekommission Bistum Münster. | Video: Marie-Theres Himstedt
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Pfarrer Stefan Rau, Vorsitzender der Liturgiekommission im Bistum Münster, erklärt, warum eine Kirche nicht heilig ist und warum eine Profanierung nüchtern und hochemotional zugleich sein kann.

Herr Pfarrer Rau, Profanierung ist ein schwieriges Wort, was bedeutet es eigentlich?

Wenn man über Profanierung spricht, muss man auch über das „Gegenwort“ sprechen: „Profan“ gehört mit „sakral“ zusammen. Profanierung bedeutet „vor dem Heiligtum“, es unterscheidet zwischen der normalen Welt und dem, was im Heiligtum stattfindet. Wir kennen dazu Bibeltexte, die diese Unterscheidung verdeutlichen: In der Begegnung mit Gott im brennenden Dornenbusch (Ex 3, 1-6) soll Mose seine Schuhe ausziehen, weil der Boden heilig ist. Nach seinem Traum von der Jakobsleiter (Gen 28,10–22), errichtet Jakob ein Steinmal und salbt es mit Öl, denn dieser Ort „ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels“. Im Neuen Testament reinigt Jesus energisch den Tempel und sagt: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden, Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“ (Mt 21, 12-17)

Aber die Bibel kennt auch die andere, prophetische, religionskritische Seite. So spricht Gott bei Jesaja: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?“ (Jes 66, 1) Und im Neuen Testament wird immer wieder ein Gedanke stark gemacht: Die Kirche Jesu Christi ist ein geistiges Haus, erbaut aus lebendigen Steinen, den Glaubenden. (1 Petr 2,5) Gott wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind. (Apg 17, 24). Seine Gemeinde ist „Tempel des Heiligen Geistes“. (1 Kor 3, 16), ist selbst der heilige Bau, ihr Schlussstein ist Christus. (Eph 2, 11-22).

Das sind wichtige Aussage für uns Christen: Theologisch brauchen wir zum Gebet und Gottesdienst kein Kirchengebäude – man kann natürlich überall beten, und der Papst kann in jedem Fußballstadion Eucharistie feiern. Daraus ergibt sich aber die Frage: Was ist für uns Christen ein heiliger, „sakraler“ Ort, und was bedeutet für uns dann „Profanierung“?

Was muss passieren, damit eine Kirche profaniert wird?

Profanierung im kirchlichen Sinne meint, dass ein Kirchengebäude offiziell oder faktisch aus der exklusiven Nutzung genommen wird. Dafür gibt es zahlreiche historische Beispiele, etwa als nach 1803 Kirchen und Klöster enteignet, verkauft und zu Pferdeställen, Gefängnissen oder Steinbrüchen wurden. Ein extremer Fall war sicherlich die „Schändung“ durch ein Kapitalverbrechen, etwa einen Mord in einer Kirche, dann musste diese neu geweiht werden. Unser heutiges Thema ist dagegen eher, dass Kirchen von der Kirche selbst bewusst aus der Nutzung genommen, „profaniert“ werden, weil sie nicht mehr unterhalten werden können, für die Gemeinde zu groß sind, umgenutzt oder verkauft werden sollen.

Es gibt nach dem Kirchenrecht verschiedene Möglichkeiten von Profanierung, das Ziel ist aber immer: Dieser Raum steht ab jetzt nicht mehr exklusiv für Gottesdienste, für das Gebet, für geistliches Tun zur Verfügung. Das schlichte Verfahren besteht in der Regel im Verlesen eines Dekretes des Bischofs.

Das hört sich jetzt nüchtern an, aber so ein „Aus-der-Nutzung-Nehmen“ einer Kirche ist ja für die Gemeinden ein sehr emotionales Ereignis.

Theologisch brauchen wir, wie gesagt, keine Kirchen, aber anthropologisch sind sie für viele Menschen von höchster Bedeutung: Wenn zum Beispiel in St. Peter mein Kind getauft worden ist, wenn ich dort geheiratet habe, wenn ich da täglich in der Mittagspause Stille gesucht und gebetet habe, wenn dort die Messe für meine verstorbene Mutter gefeiert wurde, dann ist mir der Raum und seine Zukunft nicht egal. Insofern ist es ein extrem emotionales Thema, wenn wir Kirchen schließen, profanieren, umnutzen oder gar abreißen. Das tut Gemeindemitgliedern und auch anderen Menschen oft weh, daher sollte man sehr gut überlegen und empathisch damit umgehen.

Wie kann sich eine Gemeinde von ihrer Kirche verabschieden?

Es gibt keine verbindlichen liturgischen Vorschriften für eine Profanierung, es gibt aber Vorschläge für Texte und Zeichenhandlungen. Es gibt zum Beispiel ein Papier der Deutschen Bischofskonferenz, in dem das Übertragen der Eucharistie aus dem Tabernakel eine große Rolle spielt. Wir haben von der Liturgiekommission im Bistum Münster einen Vorschlag erarbeitet, wo das gerade nicht vorkommt. Wir schlagen eine eher schlichte Vesper vor, damit man die emotionale Situation der Gemeinde nicht noch verstärkt, sie nicht noch trauriger macht. Wir möchten bei einer Profanierung auch nicht noch das Missverständnis liturgisch inszenieren: „Diese Kirche war ein heiliger Ort, weil dort Jesus im Tabernakel wohnte – und jetzt zieht Jesus aus und verlässt uns.“

Dabei ist es selbstverständlich, dass mit der Eucharistie, aber auch mit Reliquien, wertvollen Bildern oder zum Beispiel einer Marienstatue, vor der viele Menschen gebetet und Kerzen angezündet haben, bei einer Profanierung würdig und achtsam umzugehen ist. Hier ist wohl das Wichtigste, die Gemeinde mit ihren Erinnerungen und Gefühlen in einem Abschiedsprozess ernst- und mitzunehmen.

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