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Eva Maria Welskop-Deffaa über die Entlastungspläne der Bundesregierung

Caritas-Chefin: Gaspreisdeckel hilft, existenzielle Armut abzuwenden

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Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbands, hat in der Expertenkommission der Bundesregierung zur Gas- und Energiekrise mitgearbeitet. Im Interview bewertet sie die Vorschläge als Beitrag, um einen Anstieg von Armut sowie soziale Verwerfungen zu verhindern.

Frau Welskop-Deffaa, wie sehr verstärkt die aktuelle Teuerung in fast allen Bereichen die soziale Not? Und wie reagiert die Caritas?

Wir müssen aktuell Antworten auf viele sich gegenseitig verstärkende Krisen finden. Eine Situation, wie sie die meisten von uns noch nie erlebt haben. Zu Corona und Klimakrise treten der Krieg in der Ukraine und die dramatischen Preisanstiege bei Energie und Lebenshaltungskosten. Eine Gefahr wird dabei für mich immer deutlicher: Es drohen enorme soziale Verwerfungen, weil nicht alle gleichermaßen von den Preissteigerungen und damit verbundenen Existenznöten betroffen sind. Das war in der Corona-Krise noch anders. Alle waren gleich betroffen, alle hatten Angst vor dem unbekannten Virus. Alle verpflichteten sich gemeinsam auf Schutzkonzepte und übten gemeinsam ein, wie Infektionsschutz gelingt. Dieses gesamtgesellschaftliche Zusammenstehen sehe ich aktuell leider nicht.

Welche Konflikte könnten daraus entstehen?

Wer ein hohes Vermögen und Einkommen hat, kann gelassen auf Energiekrise und Inflation blicken. Auch profitieren manche - vorerst - von laufenden, günstigen Energieverträgen. Aber vor allem im Osten sind sehr viele von horrenden Preissteigerungen bei neuen Gasverträgen betroffen. Diese Menschen dürfen wir nicht allein lassen.

Sie haben in der Expertenkommission "Gas und Wärme" mitgearbeitet. Sind deren Vorschläge ein Beitrag zum sozialen Frieden und gegen einen Anstieg von Armut?


Eva Maria Welskop-Deffaa. | Foto: pd.

Davon bin ich überzeugt. Die Vorschläge zielen erstens darauf ab, existenzielle Einkommensarmut abzuwenden und zweitens zum Energiesparen zu ermutigen. Ich bin positiv überrascht, dass in der Kommission alle gemeinsam für sozial-gerechte Lösungen eingetreten sind. Aber es ist natürlich noch nicht erprobt, welche konkreten Hilfen am besten wirken und sozial am gerechtesten sind. Wenn wir beispielsweise in eine Gasmangellage kämen, wäre der gesamte Wirtschaftsstandort gefährdet, mit unabsehbaren sozialen Folgen und drohenden Arbeitsplatzverlusten. Deshalb bedeutet sozial in diesem Fall auch, die Interessen der Wirtschaft mit im Blick zu behalten.

Die Vorschläge, wonach der Staat im Dezember die Gasrechnung übernimmt, sowie die ab März geplante Preisbegrenzung von 80 Prozent des individuellen Verbrauchs werden viel diskutiert. Die Kommission hat die Bundesregierung aber auch aufgefordert, Tempo bei der Reform der Wohngeldzuschüsse zu machen. Warum?

Weil davon viele Menschen mit geringen Einkommen profitieren. Ab Januar sollen mindestens zwei Millionen Bürgerinnen und Bürger neu diese Unterstützung erhalten. Das wird möglich, weil erstmals seit Jahren die Energiekosten bei der Berechnung berücksichtigt werden. Wenn es gelingt, diese Reform unbürokratisch und schnell umzusetzen, könnte das viel verändern und Härten abfedern. Weiterhin haben wir als Caritas angeregt, unseren "Stromspar-Check", den wir seit mehr als 15 Jahren für Geringverdiener anbieten, ab 2023 deutlich auszuweiten. Durch unsere Beratung können Haushalte von Menschen in prekären Einkommenssituationen bis zu 20 Prozent ihrer Energiekosten einsparen.

Auch die Inflation bei Lebensmitteln oder Kleidung bringt viele Familien an Grenzen. Wie bewerten Sie hier das politische Gegensteuern?

Die Politik muss Mechanismen finden, die die Inflation nicht noch mehr anfeuern. Deshalb dürfen wir nicht zu viel Geld mit der Gießkanne ausschütten. Die nun debattierten Vorschläge halte ich für zielgerichtet und richtig. Bei aller Kritik sollte uns klar sein: Im Blick auf diese nie da gewesene Krisensituation kann niemand einfache und schnelle Lösungen aus dem Hut zaubern. Ich wünsche mir, dass wir aufhören, uns immer zu schnell gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Auch die Caritas ist von der Energiekrise betroffen. Pflegeheime warnen, steigende Kosten nicht mehr tragen zu können. Was schlagen Sie hier vor?

Der Bericht der Kommission sieht einen eigenen Hilfsfonds für Sozialdienstleister vor. Der soll die Belastungen abfedern helfen. Ein Altenheim kann nicht aus Energiespargründen nachts die Flurbeleuchtung ausschalten oder nur bis 16 Grad heizen. Der Fonds könnte verhindern, dass die Träger in Finanznöte kommen und im schlimmsten Fall Altenzentren oder Jugendhilfeeinrichtungen schließen müssten.

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