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Ziel in Wilhelmshaven: Kein Kind soll aus finanziellen Gründen auf Ferienfreizeit verzichten

Ferienlager für alle! Initiative zahlt Beiträge für bedürftige Familien

  • Die katholische St.-Willehad-Pfarrei hat den Anstoß zu einer ökumenischen Initiative für finanziell von der Corona-Krise getroffene Familien in Wilhelmshaven gegeben.
  • Unter dem Motto „Ferienerlebnisse ermöglichen“ sammelt sie Geld für Familien, die wegen der Pandemie den vollen Beitrag für eine Ferienfreizeit nicht aufbringen können.
  • Weitere Partner, darunter evangelische Gemeinden, die Caritas und die Stadt Wilhelmshaven haben sich dafür zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.
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Manche Kinder würden in diesem Jahr wohl zu Hause bleiben - weil es der Familie zu viel Geld ist. Bernhard Busemann hat ein Geschwisterpaar vor Augen. Die Eltern haben einen gastronomischen Betrieb in Wilhelmshaven, normalerweise ein gut laufendes Unternehmen - bis Corona kam. Deshalb waren sie mit Blick auf die Ferienfreizeit für ihre Kinder skeptisch: Ob wir uns das in diesem Jahr leisten können?

Der Pastor der evangelischen Christus- und Garnisonskirche in der Jadestadt hat ihre Argumente noch im Ohr: „Sie meinten: ,In diesem Sommer ist alles so schlecht kalkulierbar. Unsere Reserven sind verbraucht. Wir müssen jetzt erst mal sehen, dass wir klarkommen.‘“ Da seien eben auch ein paar hundert Euro für zwei Kinder in einer Gemeinde-Ferien-Freizeit viel Geld. Für manche zu viel.

Corona soll keinen Strich durchs Ferienlager machen

Die Anmeldeverfahren für einige Freizeiten laufen derzeit noch. In Niedersachsen beginnen die Sommerferien erst am 22. Juli. Pastor Busemann kennt mehrere Familien, die sich wegen der Freizeit für ihre Kinder nicht sicher sind, nicht nur aus der Gastronomie. „Sie sind nicht unbedingt angewiesen auf Hartz IV. Aber sie bleiben wegen der Unkalkulierbarkeit dieses Sommers vorsichtig.“ Und zögern noch mit der Anmeldung.

Dass sie das nicht länger müssen, dafür will ein Projekt sorgen, das die katholische St.-Willehad-Pfarrei in Wilhelmshaven jetzt angestoßen hat. Der Name lautet: „Ferienerlebnisse ermöglichen“. Und genau darum geht es: dass finanzielle Engpässe durch die Corona-Pandemie keinen Strich durchs Ferienlager in den Sommerferien machen - und möglichst alle Kinder mitfahren können.

Schul-Sozialarbeiter der Franziskus-Oberschule hatte die Idee

Die erste Idee dazu hatte Thomas Kurth. Als Schul-Sozialarbeiter an der bischöflichen Franziskus-Oberschule in der Jadestadt ist er nah dran an vielen Familien und kennt sich auch mit deren Problemen aus. Davon gibt es in der Hafenstadt mehr als anderswo. Ein Indiz: der Anteil überschuldeter Bewohner. Wilhelmshaven gehört deutschlandweit zu den zehn Städten mit der höchsten Überschuldungsquote. Jeder Sechste hier ist davon betroffen.

Thomas Kurth leitet auch eine der drei Gemeinde-Freizeiten der St.-Willehad-Pfarrei. Und er suchte nach einer Hilfsmöglichkeit, insbesondere für finanzielle Pandemie-Opfer für die der Elternbeitrag für ein Ferienlager in diesem Jahr aber eine Herausforderung darstellt. Etwa, weil ihre Minijobs als Kellnerin oder Putzhilfe im Lockdown wegfielen.

Ein Netzwerk mit vielen Partnern aus der Stadt

Gemeinsam mit Andreas Bolten, dem Pfarrer der St.-Willehad-Pfarrei, und Caritasverbands-Geschäftsführer Alexander Witton entwickelte Kurth deshalb das Konzept eines Spendenfonds. Der soll in diesem Jahr für die Beiträge einspringen, die einige Familien nicht zahlen können. Und zwar nicht nur für die drei Freizeiten der St.-Willehad-Pfarrei, sondern auch für weitere in der Stadt.

Die Pfarrei hat sich deshalb mit weiteren Projektpartnern zusammengeschlossen, und immer noch kommen weitere hinzu. Neben der katholischen Pfarrei und weiteren evangelischen Kirchengemeinden gehören dazu zum Beispiel auch der Caritasverband für das Dekanat Wilhelmshaven und die Stadt Wilhelmshaven.

Den Kinder zur Seite stehen

Alexander Witton erklärt dazu im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“: „Wir sind kein geschlossener Kreis. Wenn sich andere gemeinnützige Veranstalter, zum Beispiel Jugendfeuerwehren, der Initiative anschließen wollen, sind wir offen dafür.“

„Es ist wichtig, dass wir Menschen zur Seite stehen, besonders den Kindern“, sagt der Caritas-Geschäftsführer. Er selbst sei sofort Feuer und Flamme für das Projekt gewesen, „weil es dadurch möglich sei, vorhandene und gute Angebote in der Stadt zu unterstützen“.

Die Hemmschwelle soll möglichst niedrig sein

Dem Sozialpädagogen Thomas Kurth kam es dabei von Beginn an darauf an, die Hemmschwelle für die betroffenen Familien niedrig zu halten. Deshalb setzt das Antragsverfahren auf Vertrauen. Familien, die sich selbst als finanzielle Opfer der Corona-Pandemie einschätzen, können das einfach bei der Online-Anmeldung für die Ferienlager der St.-Willehad-Gemeinde anklicken, kurz ihre Problemlage erklären und  – ebenfalls per Klick - den Eigenanteil wählen, den sie selbst leisten können. Bei den Freizeiten der St.-Willehad-Pfarrei sind das entweder 50, 100, 150 oder 200 Euro. Die regulären Preise für die Fahrten dort liegen zwischen 215 und 280 Euro.

Niemand muss Formulare ausfüllen, Belege vorlegen oder persönlich beim Pfarrer anrufen und um Hilfe bitten. „Das wäre für mich nicht niedrigschwellig“, sagt Thomas Kurth. Das Vertrauen in die Selbsteinschätzung wird nach seinem Eindruck auch nicht ausgenutzt. „Ich bekomme dadurch nicht etwa dauernd Anmeldungen mit Zuschussanträgen auf den Tisch“, sagt er.

Schon immer hat die Pfarrei Familien unterstützt

Neu ist die Unterstützung bedürftiger Familien bei den Ferienlagerkosten übrigens nicht. Auch früher schon hat die St.-Willehad-Pfarrei ausgeholfen, wenn es irgendwo finanziell eng wurde. Pfarrer Bolten betont: „Unsere Grundbotschaft war immer: Jeder kann mitfahren! Geldprobleme lösen wir als Gemeinde.“

Was bei der Initiative in diesem Jahr anders sei: Die Folgen der Corona-Krise haben deutlich mehr Familien getroffen, auch solche, die zu normalen Zeiten keine Hilfe in Anspruch nehmen müssen. „Deshalb haben wir das Ganze größer angelegt und den Kontakt zu weiteren Partnern gesucht, etwa zur Stadt und zu den evangelischen Gemeinden.“ Der Pfarrer sieht die ökumenische Aktion auch als Zeichen für das Selbstverständnis der Christen in Wilhelmshaven. Mit der Botschaft: „Wir sind für die ganze Stadt da!“

Es ist ein Projekt der ganzen Stadt geworden

Rund 6800 Euro verzeichnete Alexander Witton allein bis zum 1. Juli auf dem Spendenkonto der Initiative. Am Ende des Sommers wird alles, was bis dahin zusammenkommt, möglichst gerecht auf die beteiligten Veranstalter der Ferienfreizeiten verteilt, um damit deren Einbußen durch die ermäßigten Teilnehmerbeiträge auszugleichen.

Und wer spendet? Zum Beispiel Unternehmen, die damit ihre Solidarität zeigen wollen. Eine große Mineralölfirma hat gerade 1000 Euro in den Topf gegeben. Zu den Gebern zählen aber auch Menschen wie das Paar, von dem Bernhard Busemann berichtet. „Sie haben mir gesagt: Wir sind so gut durch die Pandemie gekommen Wir wollen einfach teilen. Wir merken, dass viele Menschen viel schwerer gelitten haben und wollen etwas geben.“

Die Initiative „Ferienerlebnisse ermöglichen“
Die ökumenische Wilhelmshavener Initiative „Ferienerlebnisse ermöglichen“ sammelt in einem Spendenfonds Geld, damit Kinder aus finanziell von Corona betroffenen Familien der Stadt in diesem Sommer nicht auf die Teilnahme an Ferien-Freizeiten gemeinnütziger Träger der Stadt Wilhelmshaven verzichten müssen. Mehrere Träger aus der Stadt haben sich dazu zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Die Idee stammt aus der Jugendarbeit der katholischen St.-Willehad-Pfarrei. Mittlerweile gehören auch evangelische Kirchengemeinden, die Stadt Wilhelmshaven und der Dekanats-Caritasverband zu dem Netzwerk, das die Initiative trägt. Der Caritasverband Wilhelmshaven-Friesland verwaltet das Spendenkonto bei der Darlehnskasse Münster: IBAN DE06  400 602 650 004 099 303, Überweisungszweck: "Ferienerlebnisse ermöglichen".
Weitere Infos gibt es unter www.willehad.de

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