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Ulla Herweg opfert Urlaub und hilft bei der Weinlese im Flutgebiet

Gemeinsam gegen die Not: Freiwillige aus Warendorf hilft im Ahrtal

  • Nach den Überschwemmungen im Ahrtal reist Ulla Herweg aus Warendorf bereits zum zweiten Mal als freiwillige Helferin nach Bad Neuenahr.
  • Bei den Aufräum- und Renovierungsarbeiten erlebte sie ein begeisterndes Gemeinschaftsgefühl.
  • Dieses Mal hilft sie den Winzern bei der Weinlese.
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Schon wieder sitzt sie auf gepackten Koffern. Schon wieder geht ihre Reise ins Ahrtal, wo sie sich nach der Flutkatastrophe Mitte Juli für die Menschen einsetzt, die immer noch vor den Scherbenhaufen ihrer Existenzen stehen. Schon wieder hat sie dafür Urlaub genommen, um ehrenamtlich aktiv zu werden.

Ulla Herweg war schon einmal dort. Zwei Wochen lang arbeitete sie im Keller und Erdgeschoss eines verwüsteten Hauses in Bad Neuenahr. Das war Mitte August, etwa vier Wochen, nachdem die Regenfluten die Orte entlang des Flusses Ahr heimgesucht hatten. Sie war gerade an der Ostsee, als sie von der Katastrophe hörte. „Ich hatte einen schönen Tag am Meer gehabt und traute meinen Augen nicht, als ich die Nachrichtensendungen sah.“

Warendorferin liebt das Ahrtal

Das Schicksal der Menschen kam ihr besonders nah, weil sie eine enge Beziehung zum Ahrtal hat. Seit 30 Jahren gehört es zu den liebsten Reisezielen der Warendorferin. Es war die Natur, die Menschen und „auch ein wenig der Wein“, der sie von Beginn an begeisterte. Besonders als Sportlerin lernte sie den Flusslauf und die Hügel darum schätzen. Die 60-Jährige war einmal Handball-Bundesligaspielerin und läuft heute noch Marathon. „An der Ahr entlang bis zum Rhein“ ist eine ihrer liebsten Trainingsstrecken.

Und dann wohnt dort auch das alte Ehepaar, bei dem sie schon so viele Jahre ihr Feriendomizil hat. Mit echtem Familienanschluss, sagt Herweg: „Ich schlafe im ehemaligen Kinderzimmer ihrer Tochter, verbringe viel Zeit mit meinen Gastgebern.“ Weit über 80 Jahre sind diese alt. „Meine Sorge um sie war riesig, als ich von den Zerstörungen in Bad Neuenahr erfuhr.“

Schockstarre bei ihren Freunden

Ihre Angst wurde zunächst nicht kleiner, weil sie lange Zeit keinen Kontakt zu ihnen knüpfen konnte. „Die Telefonverbindungen waren unterbrochen, die Infrastruktur zusammengebrochen.“ Erst viele Tage später erreichte sie ihre Herbergseltern. „Sie waren immer noch geschockt, kraft- und hoffnungslos.“ Die Gründe dafür waren so unmissverständlich wie traurig, als Herweg einige Zeit später zu ihnen reiste. „Keller und Erdgeschoss ihres Hauses hatten unter Wasser gestanden, das Inventar war unbrauchbar, die Grundmauern waren noch völlig durchnässt.“

Herweg erinnert sich an die große Resignation, die sie vorfand. „Ich sagte, dass es doch das Wichtigste sei, dass ihnen nichts passiert war.“ Doch die Antwort war ein mutloses Schulterzucken. „So als wollten sie mir sagen, dass sie ihre Situation eigentlich viel schlimmer fanden.“ Ein Trauma, dem sie in den folgenden Wochen immer wieder begegnen sollte. „Es gibt nicht wenige alte Menschen, die mir gesagt haben, dass die Erlebnisse der Flutkatastrophe schlimmer seien als jede Kriegserfahrung.“

Viel Arbeit für viele Hände

Harte Arbeit im Wohnhaus der Freunde: Mit Presslufthämmern und Spitzhacke mussten Estrich und Putz entfernt werden. | Foto: privat
Harte Arbeit im Wohnhaus der Freunde: Mit Presslufthämmern und Spitzhacke mussten Estrich und Putz entfernt werden. | Foto: privat

Umso größer war ihr Ansporn zu helfen. Gemeinsam mit Verwandten der Betroffenen machte sie sich an die Arbeit – sie entschlammten den Garten und das Haus, entsorgten Unrat und säuberten noch Brauchbares. Die richtig harte Arbeit sollte aber erst folgen: Alle Wände mussten vom Putz befreit, Fliesen und Estrich abgeschlagen werden. Nur so hat das Mauerwerk die Möglichkeit zu trocknen.

Die Arbeit mit den schweren Presslufthämmern aber war zu viel für die wenigen Hände, die zur Verfügung standen. Über das Internet suchten sie Verstärkung und fanden sie umgehend. Schon wenig später kamen jeden Tag etwa acht Frauen und Männer, die von einen Shuttle-Bus in die Nähe des Hauses gebracht wurden. An diesem Punkt beginnt das „unglaublich wertvolle Erlebnis für mich“, wie Herweg sagt.

Gemeinschaft und Freundschaft entsteht

„Es brauchte keine Befehle oder Hierarchie – jeder hat sich so gut eingebracht, wie er konnte.“ Aus allen Regionen Deutschlands kamen die Helfer, Junge und Alte aus den unterschiedlichen sozialen Schichten, berichtet die Warendorferin. „Manche pendelten jeden Abend nach Hause, andere schliefen in Zelten.“ Die Gemeinschaft, die so entstand, hatte schnell den Charakter von Freundschaft. Das zeigte sich nicht nur bei der Arbeit, bei der auch gesungen und gelacht wurde. Auch die gemeinsamen Mahlzeiten bei den Verpflegungsstationen im Ort waren intensiv.

Gemeinschaft – dieses Wort fällt sehr oft, wenn Herweg von den Erlebnissen im Ahrtal berichtet. Sie hat sich in diesen Wochen oft gefragt, was Menschen dazu bewegt, sich freiwillig und unentgeltlich so zu engagieren. In ihrer Antwort steckt viel von einem christlichen Menschenbild, sagt Herweg: „Es kommt in diesem Augenblick nicht auf mich und meinen Profit an, sondern nur auf die Hilfe für Menschen, die in Not sind.“ Sie hat diese Ausstrahlung schon einige Male erlebt. Immer dann, wenn sie als Freiwillige bei Großveranstaltungen im Einsatz war, etwa beim Katholikentag in Münster. „So intensiv wie in diesen Tagen im Ahrtal habe ich es aber noch nie gespürt.“

Ein Lächeln als Finderlohn

Die Verwüstungen im Kur-Ort Bad Neuenahr waren heftig. | Foto: privat
Die Verwüstungen im Kurort Bad Neuenahr waren heftig. | Foto: privat

Es gab einige Momente, in denen sie für ihren Einsatz entlohnt wurde. Nicht mit Geld oder anderen Vergünstigungen, sondern einfach nur durch das Erleben. In einem verschlammten Bachlauf etwa fand sie eine völlig verdreckte Handtasche. Sie säuberte sie, fand im Geldbeutel den Ausweis der Besitzerin und brachte ihr das Fundstück. „Das Lächeln der alten Dame waren für mich Finderlohn genug.“

Eine vergleichbare Entdeckung machte sie im Unrat an einer anderen Stelle: Ein hellblaues Kindertrikot der Spielgemeinschaft Bachem/Waldporzheim mit der Nummer 9. Sie nahm es mit nach Hause und wusch es gründlich. Wenn sie jetzt zu ihrer zweiten Hilfsmission nach Bad Neuenahr aufbricht, will sie den jungen Besitzer ausfindig machen. „Ich weiß mittlerweile, wieviel es den Menschen dort bedeutet, Dinge in den Händen zu halten, die der Flut nicht zum Opfer gefallen sind.“

Dieses Mal geht es zur Weinlese

Dass sie nur zwei Wochen nach ihrem ersten Einsatz schon wieder ins Ahrtal aufbricht, ist für sie unvermeidlich, sagt Herweg. „Es ist noch so viel, das getan werden muss.“ Eigener Erholungsurlaub hin oder her: „Die Menschen dort brauchen viel mehr Erholung als ich.“ Sie hat das nicht nur im Haus ihrer jahrelangen Gastgeber erlebt, sondern bei vielen weiteren Arbeiten an anderen Orten. Immer dann, wenn es die Aufgaben zuließen, machte sie sich auf den Weg und fragte, wo sie gebraucht wurde.

Dabei traf sie auch einen Winzer, der sich große Sorgen machte, wie die Weinlese im Ahrtal dieses Jahr gelingen könnte. Die zerstörte Infrastruktur, fehlende Fachkräfte und Helfer sowie finanzielle Rückschläge durch die Katastrophe setzen der Weingegend enorm zu. Herweg zögerte nicht und bot sich als Helferin an. Auch weil sie eine Fachkraft ist: Freunde haben einen Weinberg bei Bad Iburg – da hilft sie oft bei der Ernte der Trauben. „Die Steigung im Ahrtal ist zwar sicher um einiges steiler als im Teutoburger Wald“, sagt Herweg. „Mit meinen schweren Schuhen und Gummistiefeln bin ich aber gut vorbereitet auf die Arbeit in den Hängen.“

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