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Urlauberseelsorgerin über Kirche am Strand, Corona und die Flut

Interview: Tourismuspastoral ist zukunftsweisend für die Kirche

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Natalia Löster ist Urlauberseelsorgerin an der ostfriesischen Nordseeküste. Die Theologin betreut unter anderem die Ferienorte Norden und Norddeich sowie die Inseln Baltrum und Spiekeroog. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erzählt die Mitarbeiterin der "Seelsorge am Meer" des Bistums Osnabrück, was die Urlauber im zweiten Jahr der Corona-Pandemie besonders beschäftigt und warum die 32-Jährige die Tourismuspastoral als zukunftsweisend für die Kirche ansieht.

Frau Löster, wie ist die Stimmung an den Urlaubsorten an der nordfriesischen Nordseeküste?

Die Stimmung ist gut. Die Menschen sind sehr erleichtert darüber, rauskommen zu dürfen. Das gute Wetter tut noch Seines dazu. Die Freude, nach der Enge und Begrenztheit durch die Corona-Maßnahmen mal wieder durchatmen zu können, ist groß.

Was macht eigentlich eine Tourismusseelsorgerin?

In der Tourismuspastoral befassen wir uns mit dem großen Thema "Kirche und Gastfreundschaft". In Norden und Norddeich, wo ich vor Ort mitarbeite, machen wir viele ökumenische Angebote. Wir haben zum Beispiel einen Kirchenstrandkorb in Norddeich. Dort werden Strandgottesdienste gefeiert, es gibt Gesprächsangebote und meditative Strandgänge. Zusätzlich bin ich dafür zuständig, dass auch auf unseren schönen Inseln Baltrum und Spiekeroog die Kirchen bespielt werden können. Das geht zum größten Teil über Ehrenamtliche und Gastseelsorger*innen. Aktuell läuft auf Baltrum das Projekt "Inselzeit", bei dem Studierende der Religionspädagogik und Theologie Gottesdienste, Bastelkurse und andere Veranstaltungen anbieten.

Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Da ist von Jung bis Alt, vom Akademiker bis zur Schülerin alles dabei. Viele kommen zufällig und man kommt ins Gespräch. Die Inseln sind so klein, dass man gar nicht anders kann, als die Kirchen zu sehen und hineinzustolpern. Daneben haben wir Angebote, die sich an bestimmte Zielgruppen richten, zum Beispiel an Familien. Bei unseren Strandgottesdiensten in Norddeich ist das Publikum superbunt gemischt. Dort gibt es sowohl Menschen, die schon im Vorfeld ihres Urlaubs die Teilnahme planen, als auch solche, die spontan dazustoßen.

Was erwarten die Menschen von Ihnen, die bewusst vorbeikommen?

Viele sind in ihrer Heimat kirchlich verwurzelt und wollen in erster Linie einen Gottesdienst besuchen. Dann gibt es auch Kurgäste, die sich anders als Urlauber mehr mit ihrem Körper und ihrer Seele auseinandersetzen. Sie suchen gezielt Möglichkeiten, sich mit den eigenen Themen zu befassen.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Tourismuspastoral?

Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir wieder angezogen mit unserem Programm und sind mutiger geworden. Mit Situationen, in denen viele Menschen zusammenkommen, zum Beispiel am Strand, können wir inzwischen gut umgehen. Zum Glück finden viele unserer Angebote draußen statt. Im letzten Jahr, als viele Veranstaltungen ausgefallen sind, haben wir zum Beispiel das Angebot "eine Tüte Urlaub" entwickelt. Das sind Thementüten mit Bibelgeschichten, Bastelideen und Impulsen zum Mitnehmen für Kinder und Familien. Weil es eine große Nachfrage gab, haben wir das aufrecht erhalten. So haben wir durch Corona ein neues Feld erschlossen.

Spielt die Pandemie in den Gesprächen, die Sie führen, eine Rolle?

Natalia Löster von der Tourismusseelsorge
Natalia Löster sieht in der Tourismuspastoral großes Potenzial. | Foto: KNA

Ja. Viele Spannungsfelder sind mit sehr viel mehr Wirkkraft in das Leben der Menschen getreten: Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod, Freiheit und Sicherheit. Auch das Thema Weite und Enge, zum Beispiel im Homeoffice, beschäftigt die Menschen - besonders in Phasen, in denen sie zur Ruhe kommen.

Spüren Sie auch Sorgen angesichts der Flutkatastrophe?

Ja. Für viele Urlauber*innen ist es ein komisches Gefühl zu wissen, dass es gar nicht weit weg von hier einigen Menschen richtig schlecht geht. Vor allem der Gegensatz war krass: Auf der einen Seite die Flutkatastrophe und auf der anderen Seite feiern wir hier bei strahlendem Sonnenschein Gottesdienst am Wasser. Es gibt eine große Betroffenheit. Wir haben viele Tourist*innen aus den betroffenen Gegenden, mit denen wir ins Gespräch kommen. In unserem Strandgottesdienst in Norden haben wir in der Woche nach der Flut eine Kollekte für die Katastrophenhilfe gesammelt. Da war eine große Anteilnahme zu spüren.

Die Mitgliederzahlen der Kirchen sinken, klassische Gottesdienste in den Gemeinden werden immer weniger besucht. Merken Sie auch in der Tourismuspastoral nachlassendes Interesse?

Nein. Die Tourismuspastoral ist eine besondere Form von Kirche. Gemeinde ist dann eine begrenzte Gruppe, die sich für einen kurzen Zeitraum zusammenschließt und dann wieder auseinandergeht. Und aus diesem punktuellen Zeitraum schöpfen die Menschen ganz viel. Das mag auch daran liegen, dass sie fernab sind von Heimatgemeinden, wo sie die Strukturen und die Leute kennen und mit den Ärgernissen des Alltags zu tun haben. Gerade im Urlaub treffen wir auf viele Menschen, die superoffen sind und ein großes Interesse daran haben, Gottesdienste und andere Veranstaltungen zu besuchen oder über die Themen, die sie bewegen ins Gespräch zu kommen. Unsere Gottesdienste sind voll im Sommer. Das zeigt mir, dass eine Sehnsucht da ist, auch wenn im Alltag die Besucherzahlen zurückgehen.

Sollte die Kirche also noch stärker auf Tourismuspastoral setzen, wenn sie auch in Zukunft weiterhin relevant sein will?

Definitiv. Zum einen gibt es Menschen, die jedes Jahr zum Beispiel nach Baltrum kommen und sagen, ich bin Baltrum-Christ. Die sind vier Wochen im Jahr in der Kirche aktiv und sonst gar nicht. Diese Leute sind wichtig für die Kirche. Zum anderen lebt unsere Urlaubsgemeinde stark von der Beteiligung der Gäste. Wir strukturieren nicht alles von oben herab, sondern schauen, wer da ist und welche Charismen es gibt. Es ist faszinierend zu sehen, wie bunt und vielfältig das Gemeindeleben auf diese Weise wird. Eine solche Kirche der Beteiligung ist zukunftsweisend.

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