Früherer Präses Alfred Buß: „Auch Christen hielten sich zu lange zurück“

Juden und Christen gedenken in Münsters Synagoge der Pogromnacht

Vertreter der jüdischen Gemeinde, des Christentums und der Stadt haben in Münsters Synagoge gemeinsam der Reichspogromnacht am 9. Novembers 1938 gedacht. Eingeladen hatte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. In seiner Ansprache beschrieb Alfred Buß, ehemaliger Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die „Wurzeln der Entmenschlichung“.

Buß sprach von den dunklen Stunden des Nationalsozialismus. Die Gräueltaten der Nazis, die insbesondere den Juden angetan wurden, würden die Menschen auch heute noch entsetzen. „Man wollte die Juden damals ihrer Würde berauben, und die Bevölkerung nahm die Schandtaten hin und zeigte nur selten Solidarität“, berichtete Buß und beklagte auch die Haltung der Christen: „Ja, einzelne Stimmen gab es, wie die Dietrich Bonhoeffers, aber auch die Christen hielten sich zu lange zurück.“

„Schon Martin Luther hetzte gegen Juden“

Alfred Buß, eheamliger Präses der Evangelischen Kirche von WestfalenAlfred Buß, eheamliger Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, während seiner Ansprache in der Synagoge von Münster. | Foto: Melanie Ploch

So sei der Antisemitismus gesellschaftsfähig und sogar alltäglich geworden. Bereits die Haltung des Reformators Martin Luthers habe eine Hetze gegen Juden ausgelöst. Aus Enttäuschung über die fehlende Bekehrung der Juden habe er gegen sie gehetzt. Luther habe nie körperliche Gewalt gegen Juden gefordert und sei somit zwar ein Antijudaist, aber kein Antisemit gewesen. Allerdings hätten seine Ansichten durch verschiedene Interpretationen zum Antisemitismus geführt.

Gott selbst habe die Menschen jedoch vom ersten Moment an als Menschen geschaffen, zwischen denen keine Differenzierung möglich sei. Und trotzdem seien zwischen den Menschen Hierarchien und Ausgrenzungen entstanden. Hiervor solle man sich in Acht nehmen, „denn Gott schuf die Menschen nach seinem Ebenbild. Der Mensch braucht keine Eigenschaften, um als Mensch zu gelten“. Seine Würde könne man einem Menschen demnach niemals nehmen: „Gott gab den Menschen ein unantastbares Recht auf Mensch-Sein. Ob Arbeitsloser oder Obdachloser: Mit jedem Gesicht schaut Gott uns an“, so Buß.

Zahlreiche Gäste in der Synagoge

Neben Buß nahmen weitere Ehrengäste an der Gedenkstunde im voll besetzten Gebetssaal teil. So begrüßte der evangelische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Pfarrer Jürgen Hülsmann, unter anderem Regierungspräsidentin Dorothee Feller, Landtagsabgeordnete verschiedener Parteien und Oberbürgermeister Markus Lewe. Letzterer betonte, die vertriebenen oder getöteten Juden aus Münster seien allesamt Mitbürgerinnen und Mitbürger und in Deutschland fest verwurzelt gewesen. Insbesondere in der heutigen Zeit bliebe er selbst immer wieder an Stolpersteinen stehen. „Es gibt Orte, die erinnern. Es fehlen aber die Menschen. Sie hinterlassen eine unersetzliche Leere“, appellierte Lewe.

Sharon Fehr, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Münster, begrüßte alle mit einem „herzlichen Shalom“ und betonte, dass nie wieder jemand schweigen sollte, wenn Antisemitismus, Rassismus oder sonstige Ausgrenzung zutage kämen. Zum Gedenken wurden Kerzen angezündet, woraufhin Domkapitular Ferdinand Schumacher einen Psalm vorlas und der Kantor der Münsterschen Jüdischen Gemeinde, Yotam Zarafi, sang ein Gebet.