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Besuch bei Maria Anna Leenen, die mit Ziegen, Hund und Katzen in einer Kate im Wald lebt

Mit viel Abstand: Was eine Eremitin in der Kirchenkrise rät

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Vielleicht ist das ein besonders guter Standort für einen Blick auf die Lage der Kirche: eine Einsiedelei mit einer Ziegenherde irgendwo auf dem Land. Ganz weit draußen, und dennoch nicht im Abseits. Die Osnabrücker Bistumseremitin Maria Anna Leenen lebt seit mehr als 25 Jahren in einer ehemaligen Bauernkate in einem Wäldchen zwischen Ankum und Fürstenau. „Kirche-und-Leben.de“ hat sie besucht und gefragt, wie sie die Krise einschätzt.

Ihr Rat an Priester und Bischöfe: „Zieht Euch mal vier bis acht Wochen völlig zurück. Irgendwohin, wo nichts ist.“ Also mal keine Exerzitien mit klugen Vorträgen, leckerem Mittagsmenü, Spaziergängen und abends ein paar Bier mit den anderen. Sondern: „Nur mit Bibel und notwendiger Verpflegung. Und setzt Euch ganz allein der Gegenwart Gottes total aus.“

Maria Anna Leenen ist sich sicher: „Das wird ihr Denken und Handeln neu prägen.“ Sie selbst erlebe das oft genug. Und ist überzeugt: Rückzug und Stille sind auch für Verantwortliche in der Kirche das beste Umfeld dafür, die Gegenwart Gottes zu erfahren, ganz ohne Ablenkungen.

Seit 1994 in einer Einsiedelei

So etwas gehört für sie als Eremitin fest dazu: „Gott zu bitten: Bitte finde mich! Zeige mir, wo ich mich ändern muss.“ Sie lächelt: „Das tut der dann auch.“ Und das könne auch bei Verantwortlichen der Kirche dazu führen, dass sie ihr Amt und ihre Aufgaben aus einem neuen Blickwinkel sehen und angehen.

Dass Veränderungen in der gegenwärtigen Situation der Kirche wichtig und notwendig sind, davon ist die 65-Jährige überzeugt, die seit 1994 als Diözesaneremitin des Bistums Osnabrück in einer ehemaligen Bauernkate in einem Wäldchen zwischen Ankum und Fürstenau lebt. Mit Katzen, ihrem Hund Curacon und der kleinen Ziegenherde, die ihr Freude, aber auch Arbeit macht. Gerade hat der Februarsturm das Stalldach beschädigt. Mal sehen, wie sie das repariert bekommt.

Als Eremitin besonderer Blick auf die Kirche

Als Einsiedlerin lebt sie weitab vom Trubel der Welt und doch nicht völlig außerhalb, vielleicht sogar in einer besonders guten Position. Die Eremitin erklärt: „Dadurch, dass man nicht in all diesen wirbeligen Diskussionen um die Kirche drinsteckt, hat man einen anderen Blick. Diskussionen, in denen es oft sehr emotional werden kann und wo oft Dinge hochkommen, die mit dem Glauben nichts zu tun haben. Es ist wie bei einem Fußballspiel, bei dem man als Zuschauer Lücken und Chancen besser sieht als ein Spieler auf dem Spielfeld.“ Und auch die Schwächen.

„Ich glaube, unsere Kirche ist in vielen Dingen zu festgefahren“, spricht Maria Anna Leenen einen der Schwachpunkte an. „Ich meine die Einstellung: ,Wenn wir diese oder jene Position halten, dann läuft das. Dann ist Kirche noch auf dem richtigen Weg.‘ Bei einem derart verengten Blick können wir nicht mehr wahrnehmen, was wirklich wichtig ist.“ Und was nach ihrer Erfahrung - wie in anderen Lebensbereichen auch - nötig sei: sich in einer Krise neu zu orientieren.

Erschüttert vom Ausmaß des Missbrauchs

Obwohl sie keinen Fernseher besitzt und Bücher, Telefon und eine langsame Internet-Verbindung derzeit ihre einzige Verbindung nach „draußen“ sind – auch in ihrer Klause im Wald bekommt sie genug von dem Beben mit, das die Kirche erfasst hat. Manchmal mehr als ihr lieb ist.

Besonders die Missbrauchsskandale der Kirche haben sie tief getroffen. „Dass solche Dinge überhaupt vorkommen, das hatte ich mir zwar vorstellen können“, sagt die Frau mit den grauen Haaren. „Aber in diesem Ausmaß? Nein.“

Ein paar Abende habe sie in der St.-Anna-Kapelle gesessen, die sie in einem ihrer Räume eingerichtet hat. „Ich habe geheult wie ein Schlosshund“, sagt sie. In ihrem Satz „Es geht um Kinder! Und dann sind die Täter auch noch Priester!“ schwingt ihre Empörung mit.

"Fehler im Denken und im System"

Auch deshalb hält sie Veränderungen in der Kirche für wichtig. Dass es zu all den Verbrechen überhaupt habe kommen können, und dass sie so lange unter der Decke gehalten werden konnten, das liegt nach Maria Anna Leenens Meinung an Fehlern im Denken und im System.

Sie nennt ein Beispiel: „Jemand, der die Priesterweihe empfangen hat, wird nicht mehr verstanden als ein intensiverer Diener, sondern als jemand, der höher steht, der mehr Macht hat als andere. Und das tut Menschen nicht gut. Ihnen selbst nicht und dem ganzen System.“

Der Frust der Frauen

Auch andere Symptome der Kirchenkrise lassen sie nicht unberührt: Der Frust von Frauen zum Beispiel, die sich in der Kirche benachteiligt und zurückgesetzt fühlen. Für den Frust hat sie Verständnis. Da sei viel falsch gelaufen, sagt sie.

Immer noch erlebe sie Männer, die auf Frauen in der Kirche hinabsähen. Dabei weiß sie aus den vorbereitenden Arbeiten für ihr nächstes Buchprojekt über Eremitinnen und Eremiten: „Es gab über die Jahrhunderte hinweg immer wieder ganz starke Frauen, die anerkannt waren und die Kirche geprägt haben.“

Vorpreschen in Deutschland hält sie für richtig

Sieht sie Chancen, dass sich zum Beispiel beim Thema Frauen in nächster Zeit etwas verändert? „In Deutschland vielleicht, in vielen anderen Ländern eher nicht.“ Dennoch sei das Thema wichtig. „Denn es geht darum, langfristig die Sicht zu ändern. Deshalb ist es richtig, bei uns in Deutschland vorzupreschen.“

Ähnlich wie beim Thema Homosexualität. „Dass eine Kirche Menschen vorschreibt, wie sie ihre Sexualität zu leben habe, und wenn ich sie nicht so lebe, werde ich ausgeschlossen, drangsaliert oder gebrandmarkt – ich glaube nicht, dass das dem Sinne Jesu entspricht. Denn sein Herz ist wesentlich größer als unseres.“

In ihrem Leben führte eine Krise zum Neubeginn

Auch die steigende Zahl von Kirchenaustritten lässt sie nicht kalt. Es rufen schon mal Bekannte bei ihr an: „Du, ich wollte Dir nur kurz Bescheid sagen: Ich bin jetzt raus.“ Besonders schade sei es um Menschen, die ernsthaft auf der Suche seien. „Dann freue ich mich, wenn wir wenigstens weiter im Gespräch bleiben, wenn das nicht abbricht. Ich bin ja nun mal gläubig, bin 1986 konvertiert und will in dieser Kirche bleiben.“

Bei all dem, so meint sie, könne in Krise eine Chance stecken. Ähnlich wie in ihrem eigenen Leben. Auch da sei eine Krise zum Auslöser für einen Neuanfang geworden. Als sie in Venezuela zufällig auf den Satz gestoßen war: „Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Die Eremitin schaut ernst: „Der hat mein Leben um 180 Grad gedreht“ – und sie letztlich in ein anderes, neues Leben geführt.

„Gott geht es in erster Linie um Menschen“

Die Krise also als Antrieb für die Suche nach neuen Wegen? Maria Anna Leenen nickt. „Wir haben in der Kirche eine ähnliche Situation wie in der Reformation.“ Es könne durchaus so kommen, dass die Bedeutung der Kirche in den kommenden Jahren abnimmt. „Das finde ich aber nicht schlimm. Denn es ist eine Möglichkeit für sie, sich neu zu orientieren.“ Auf das Wesentliche.

Ihre Erfahrung: „Gott ist nicht unbedingt interessiert an einer tollen, funktionierenden Kirche! Sondern: Er ist aus auf das Herz eines jeden Menschen. Das ist der Ort, wo er wohnen will.“ Darauf komme es ihm an.

„Gott ist die Suche wichtig“

„Wenn das Herz erreicht wird durch die Kirche – wundervoll! Aber ich glaube nicht, dass Gott bei jedem Menschen denkt: ,Hoffentlich ist der oder die auch katholisch!‘“ Ihm sei wichtiger, dass er auf der Suche bleibt. „Ich glaube, er freut sich über Menschen, die auf diesem Weg sind, selbst wenn sie nicht katholisch oder evangelisch sind.“

Aus Gesprächen und Begegnungen weiß sie aber auch: Solche Gedanken sind für viele schwierig. Menschen, denen immer gepredigt worden sei, dass es in erster Linie darauf ankomme, jede Woche zur Kirche zu gehen oder jeden Tag den Rosenkranz zu beten. Maria Anna Leenen: „Der Rosenkranz ist eine wundervolle Art der Meditation und ich bete ihn auch. Aber ich glaube, dass Gott andere Dinge viel wichtiger sind. Und Menschen, die Sehnsucht haben nach ihm.“

Krisen haben ihren Glauben nicht kleiner gemacht

Auf der Suche zu sein, sich Gott immer wieder auszusetzen – in ihrer Einsiedelei versucht Maria Anna Leenen dieses Prinzip so radikal wie möglich zu leben. Und jeden Tag zu lauschen: „Gott, was willst Du von mir?“ Schon morgens am Küchentisch mit Blick auf die Ziegen und in die Weite. Aber auch bei ihren Gebetszeiten in der Kapelle, die sie sich in ihrem Häuschen eingerichtet hat.

Bei all den Krisen - hat sie dennoch Hoffnung? Maria Anna Leenen lächelt. „Wenn ich die nicht hätte, würde ich hier nicht leben. Natürlich hat mich vieles erschüttert. Aber es hat meinen Glauben nicht kleiner gemacht.“

Schöpfung als Geschenk

Auch wenn der Kontrast bestehen bleibe: zum Beispiel zwischen von Menschen in der Kirche verursachtem Leid und dem Wunder der Schöpfung, „dem wahnsinnigen Geschenk, in dem wir leben“.

Zum Beispiel die Fülle der Natur. Über die hat sie gerade erst ein Buch geschrieben und ihre Gedanken dazu mit ihrem Glauben verknüpft, ihre Bewunderung, aber auch ihren Respekt. „Natur ist nicht nur niedlich“, sagt sie. Gespürt hat sie das zum Beispiel bei den Stürmen der letzten Tage, „bei denen ich nachts wachgelegen und gespürt habe, welch unglaubliche Gewalt darin steckt.“

Seit 1994 lebt Maria Anna Leenen als Einsiedlerin in einem Wäldchen nördlich von Osnabrück. Als so genannte Diözesaneremitin hat sie vor dem Bischof von Osnabrück ihre Gelübde abgelegt und sich zu Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam verpflichtet. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie als Autorin. Dazu kommt normalerweise das, was sie für Lesungen und Vorträge bekommt. Letzteres war aber seit Beginn der Pandemie nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich, was auch für sie massive Einkommensverluste bedeutete. Dafür hat sie in diesem Jahr bereits zwei Bücher veröffentlicht. Beide können Sie - durch Klick auf den Link - direkt bei unserem Partner Dialogversand bestellen:

- „Fülle. Die schöpferische Kraft der Natur. Weisheiten einer Eremitin“, 224 Seiten, 18 Euro, Bonifatius-Verlag, ISBN 978-3-89710-912-4;
sowie den Gedichtband
- „Momente aufblitzenden Lichts. Haiku“, 100 Seiten, 10 Euro, Geest-Verlag, ISBN 978-3-86685-886-2.

Ein drittes Buch zum Thema Einsamkeit soll im Lauf des Jahres folgen. In einem „Tagebuch der Einsamkeit“ schreibt die Eremitin darin darüber, wie man es schafft, allein und glücklich zu leben, ohne dabei zu vereinsamen.

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