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Gemeinde in Ibbenbüren hatte zum offenen Austausch eingeladen

„Meine Kirche geht kaputt“ – Katholiken an der Basis machen sich Luft

  • „Meine Kirche geht kaputt“ – mit diesen Worten hatte das Predigerteam von St. Ludwig Ibbenbüren zum Austausch über die Lage der Kirche eingeladen.
  • Fast 100 Menschen waren gekommen.
  • Viele von ihnen machten aus ihrem Frust und ihrer Enttäuschung keinen Hehl.
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„Meine Kirche geht kaputt“ – mit diesen Worten hatte das Predigerteam von St. Ludwig Ibbenbüren zu einem offenen Austausch über die Situation der katholischen Kirche eingeladen. „Wir müssen miteinander reden“, forderte Mitinitiator Josef Bendfeld aus der Runde der Predigerinnen und Prediger. Und es gibt offenbar Redebedarf:  Fast 100 Menschen waren in die St.-Ludwig-Kirche gekommen.

Viele von ihnen machten aus ihrem Frust und ihrer Enttäuschung keinen Hehl. „Wie kann es sein, dass die Kirche ihre eigenen Werte selbst mit Füßen tritt?“, fragte eine Frau.

„Schwere Verfehlungen - aber trotzdem passiert nichts“

Ein nach eigenen Worten in der Kirche engagierter Mann beklagte die Ohnmacht, zusehen zu müssen, dass es schwere Verfehlungen gebe, „aber trotzdem nichts passiert“.  Und: „Jeder andere muss sich für solche Taten vor Gericht verantworten.“  Das Vertrauen in die katholische Kirche breche in der Gesellschaft zusammen. „Das scheint auch der Kirche selbst egal zu sein.“

Man dürfe sich deshalb auch nicht wundern, dass „keine Jugendlichen oder jüngere Menschen“ an dieser Veranstaltung teilnähmen, ergänzte eine andere Frau. „Die hat die Kirche schon längst verloren“.

Ausgrenzung durch die Kirche

Die Kirche grenze Menschen mit anderen Lebensentscheidungen aus, betonte ein Mann. Das an sich stehe schon im Widerspruch zum eigenen Anspruch, für alle Menschen Ansprechpartner zu sein.

Eine Betroffene sexualisierter Gewalt berichtete, Menschen wie sie würden das Erlebte ewig mit sich herumtragen.  Sie habe erst über ihre Erfahrungen reden können, als der Täter gestorben sei: „So etwas vergisst man nicht.“

Eine andere Teilnehmerin zeigte sich erleichtert, dass jetzt viele Dinge auf den Tisch kämen. Es habe eine Kultur des Wegsehens und Wegschiebens gegeben, auch außerhalb der Kirche. Gerade die Missbrauchsvorwürfe stünden seit langem im Raum, ohne dass sich etwa die Justiz vorrangig darum gekümmert habe.  Weitere Beispiele des Wegsehens gebe es etwa in der aktuellen Asylpolitik.

Nach Fusionen: „Mir fehlt ein Gesicht“

Eine Frau sagte, sie leide unter dem „seelischen Missbrauch“, den die Kirche betreibe.  Durch die vielen Gemeindefusionen gebe es vor Ort keinen Ansprechpartner mehr. „Mir fehlt ein Gesicht“. Eine weitere Folge sei, dass über die vielen „kleinen und großen Dinge vor Ort“ nicht mehr informiert werde. Die Kirche habe sich „früher“ auf die Fahnen geschrieben, Orientierung zu sein, wie man sein Leben gestalten könne. „Das ist aber lange vorbei“.

Ein weiterer Teilnehmer fragte, warum „auch die Basis“ die Füße solange still gehalten habe angesichts der Ereignisse. Offenbar habe man dort Veränderungen gescheut. Ein anderer entgegnete, es habe schon immer Gremien gegeben, die die Strukturen der Kirche mit ihren Entscheidungen in Frage gestellt hätten. „Die sind damals nicht ernstgenommen worden. Heute werden sie wieder hervorgeholt.“

„Die Kirche bebt, aber sie lebt“

Nach gut 75 Minuten zieht Josef Bendfeld eine Bilanz des Abends. Der Austausch sei offenbar eine willkommene Gelegenheit gewesen, Ärger und Verletzungen vorzutragen, mit denen viele gerade in Corona-Zeiten ansonsten alleine umgehen müssten. Jede und jeder habe aber die Möglichkeit, in der Kirche Verantwortung zu übernehmen. Die Gedanken und Hoffnungen können ein Beitrag dazu sein, „Ideen für die Zukunft der Kirche zu formulieren“.

Und noch etwas habe der Austausch gezeigt, findet Bendfeld: „Die Kirche bebt, aber sie lebt.“

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