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Stadtkomitee der Katholiken in Recklinghausen erinnert an Opfer der Nazi-Diktatur

Schule zur NS-Zeit: Wie eine Klasse für den jüdischen Mitschüler kämpfte

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Alljährlich lädt das Stadtkomitee der Katholiken in Recklinghausen rund um den zentralen Gedenktag an die Opfer der Nazi-Diktatur am 27. Januar zu einem Gedenkgottesdienst ein. Die Gottesdienste sind immer verbunden mit Erinnerungen an persönliche Schicksale in dem jeweiligen Stadtteil, wo das Gedenken begangen wird. Diesmal geht es um die Nachbarsjungen Hans Aris, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, und um Hans Werners, Sohn eines katholischen Schulrektors, im Stadtteil Suderwich.

„Wir begehen die Gottesdienste jedes Jahr in einem anderen Stadtteil von Recklinghausen. Wir verbinden diese mit Erinnerungen an persönliche Schicksale im jeweiligen Stadtteil“, sagt Georg Möllers vom Stadtkomitee der Katholiken.

Möllers ist ein Kenner der Stadtgeschichte und hat die Schicksale der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erforscht, die in der Zeit der Nazi-Diktatur verfolgt, deportiert, ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden. „Unser Gedenken soll keine abstrakte Aufarbeitung historischer Ereignisse sein. Wir stellen immer Lebenswege von Menschen vor, um die Zeit des Nationalsozialismus besser erfahrbar zu machen“, sagt Möllers.

Glückliche Kindheit in Suderwich

Georg Möller, Gustav Peters und Markus Flögel (von links) bereiten den Gedenkgottesdienst an die NS-Opfer vor und erinnern in diesem Jahr an die Lebenswege der Nachbarsjungen Hans Aris und Hans Werners. | Foto: Johannes Bernard
Georg Möllers, Gustav Peters und Markus Flögel (von links) bereiten den Gedenkgottesdienst an die NS-Opfer vor und erinnern in diesem Jahr an die Lebenswege der Nachbarsjungen Hans Aris und Hans Werners. | Foto: Johannes Bernard

Da in diesem Jahr der Gedenkgottesdienst am 30. Januar in der Kirche St. Johannes im Stadtteil Suderwich sein wird, werden die Lebenswege zweier Nachbarsjungen von der Kirchstraße, direkt an der Kirche St. Johannes gelegen, und ihrer Familien vorgestellt. Es handelt sich um Hans Aris (1916-1985), Sohn eines jüdischen Kaufmanns, und um Hans Werners (1914-1995), Sohn des katholischen Schulrektors.

Die beiden befreundeten Jungen erleben, wie Möllers herausgefunden hat, trotz der Krisenzeiten in der Zeit der Weimarer Republik eine glückliche Kindheit. Sie erfahren aber ab 1933 an ihrer Schule, dem traditionsreichen Gymnasium Petrinum, den Wandel, als die NS-Herrscher das Regiment übernehmen und den geschätzten Schuldirektor durch einen Parteigenossen ersetzen.

Klasse erklärt sich mit Hans Aris solidarisch

Hans Aris ist ein guter Schüler. Als einer der besten seines Jahrgangs macht er 1936 sein Abitur. Er möchte Pharmazie studieren. Doch eine Abi-Feier mit einem jüdischen Schüler darf es nicht geben, so die Anweisung des neuen Direktors. Das Abi-Zeugnis wird ihm deshalb per Post zugestellt.

Die ganze Klasse erklärt sich mit ihrem jüdischen Kon-Abiturienten solidarisch und möchte ihn bei der Feier auf jeden Fall dabeihaben. Die Schulleitung sagt daraufhin jegliche Schulfeier ab. Die Abiturzeugnisse werden vom Hausmeister ausgegeben, mit der Bemerkung, dass die Abiturientia weltanschaulich nicht auf dem Boden des Nationalsozialismus stünde. „Es war uns eine Genugtuung, unsere Selbstachtung bewahrt und Gesinnung und Tun in Einklang gebracht zu haben“, sagt später der Mitabiturient Aloys Köppen.

Keine Zulassung zum Studium

Hans Aris erhält zwar das Abi-Zeugnis, wegen seiner jüdischen Abstammung aber nicht die Hochschulreife und damit nicht die Zulassung für ein Studium. Die Zeiten verschlimmern sich: Seine Familie, die in Suderwich ein Textilkaufhaus betreibt, gerät immer mehr ins Abseits, erfährt Boykott und Demütigungen.

Mit Glück gelingt der Familie 1939 die Emigration nach Shanghai, einem der letzten Orte auf der Welt, wohin Juden aus Deutschland noch auswandern können. 1947 kann die Familie schließlich in die USA einreisen.

Angst vor Heimatbesuch

Wiedersehen nach langer Zeit: Die Schulfreunde Hans Werners (links) und Hans Aris bei einem Treffen 1981 in Recklinghausen-Suderwich. | Foto: privat
Wiedersehen nach langer Zeit: die Schulfreunde Hans Werners (links) und Hans Aris bei einem Treffen 1981 in Recklinghausen-Suderwich. | Foto: privat

Erst Anfang der 1980er Jahre, kurz vor seinem Tod 1985, traut sich Hans Aris nach vielen brieflichen Kontakten, Deutschland erstmals wieder zu besuchen. Bei seinem ersten Besuch fährt er zunächst mit dem Taxi durch Suderwich, weil er keinen Mut findet, durch die vertrauten Straßen zu gehen. Das ändert sich erst durch Treffen mit ehemaligen Freunden, wie mit Hans Werners.

Der katholische Nachbarsjunge von früher erlebt 1933 selbst den Gleichschaltungsdruck der NS-Herrscher. Auch Hans Werners ist ein guter Schüler. Er macht 1934 das zweitbeste Abitur seines Jahrgangs. Ein Stipendium scheint ihm sicher. Doch die Hochschulreife erhält er nicht, als er bei der Bewerbung angibt, er sei im katholischen Sportverband DJK aktiv und wolle Theologie studieren, um Priester zu werden.

Einzug ins Borromaeum

Das kümmert aber nicht Bischof Clemens August Graf von Galen, als er vom Abiturienten Hans Werners hört. Er nimmt ihn auch ohne die eigentlich verbindliche Hochschulreife in das Theologenkonvikt Borromaeum in Münster auf. Werners wird Priester, zieht als Sanitäter in den Krieg und gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Erst 1949 kommt Hans Werners zurück nach Deutschland. Er wird Studentenpfarrer im Bistum Münster, später Akademiker-Seelsorger und gründet in den späten 1960er Jahren die kirchliche Reformbewegung „Freckenhorster Kreis“. Er engagiert sich für Versöhnung, Menschenrechte und Gerechtigkeit. Als Mitglied der Würzburger Synode (1971-1975) wird er in Kirchenkreisen auch bundesweit bekannt.

Geschichte anhand von persönlichen Schicksalen

Nach Ansicht von Gustav Peters, der das Stadtkomitee der Katholiken in Recklinghausen leitet, kann anhand der biografischen Notizen die Geschichte des 20. Jahrhunderts gut nachgezeichnet werden. „Es sind die persönlichen Schicksale, die uns die Geschichte nahebringt.“

Dazu gehört auch diese Begebenheit: Als das Kaufhaus der Familie Aris während der Reichspogromnacht 1938 geplündert und zerstört wird, sind nicht nur auswärtige SA-Leute mit dabei, sondern auch Suderwicher. Dass die jüdische Familie im Ort beliebt ist und zu Kommunion- und Konfirmationsterminen regelmäßig Kleidung für minderbemittelte Familien stiftet, spielt keine Rolle, von Demütigungen abzulassen.

Gedenktafeln werden enthüllt

Wie Markus Flögel vom Verkehrsverein Suderwich-Essel mitteilt, werden nach dem Gottesdienst an der Kirchstraße zwei Gedenktafeln enthüllt. Daran beteiligen sich neben dem Stadtkomitee die Gemeinde und Kolpingsfamilie Suderwich, die Gasthaus-Stiftung, die Gesamtschule Suderwich, der Verkehrsverein Suderwich-Essel und der Verein für Orts- und Heimatkunde. Erscheinen wird zu diesem Tag eine von Georg Möllers herausgegebene 60-seitige Publikation unter dem Titel „Sie hießen Hans“.

Gedenkgottesdienst
Im Gedenkgottesdienst für die Opfer der Nazi-Diktatur am Sonntag, 30. Januar 2022, um 10.30 Uhr in der Kirche St. Johannes in Recklinghausen-Suderwich werden jeweils zwei Kerzen gesegnet, die als Symbole der Solidarität mit den Ermordeten nach Berlin und Riga gesandt werden. Zur Spiritualität der dortigen Klöster der Karmelitinnen gehört das Gebetsgedenken für die Opfer der NS-Herrschaft. Dabei geht es in Regina Maria Martyrum in Berlin nahe der Hinrichtungsstätte Plötzensee um die dort Getöteten und um den 1934 erschossenen Katholikenführer Erich Klausener, dessen Asche in der Kirche beigesetzt wurde.
In Iksile bei Riga gilt das Gedenken der ermordeten lettischen und deutschen Juden, darunter auch der Familien, die aus Recklinghausen am 24. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurden.

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