Matthias Remenyi sieht Bischöfe in der Pflicht

Segensfeiern als Akt pastoralen Ungehorsams können Lehre verändern

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Segnungsfeiern für homosexuelle Paare sind laut Vatikan verboten. Dennoch billigen einige deutsche Bischöfe diese Praxis. Jetzt sollten sie einen Schritt weiter gehen, um für die lehramtliche Neubewertung von Homosexualität zu streiten, erklärt der Würzburger Professor Matthias Remenyi in seinem Gast-Kommentar.

Die Debatte um Segensfeiern für Paare, die sich lieben, kommt nicht zur Ruhe. In Köln maßregelt der Erzbischof nach einer solchen Segensfeier einen Priester und bricht damit auf Druck von Rom sein zuvor gegebenes Wort, derartige Handlungen nicht zu sanktionieren. In Berlin wendet sich der Erzbischof in einem Brief an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und betont demgegenüber ausdrücklich, keine disziplinarischen Maßnahmen zu ergreifen. Zugleich schreibt er aber, selbst nicht zu segnen und auch nichts umzusetzen, was gegen die „Absichten und Weisungen“ des Papstes verstoße.

Rechtlich scheint die Sachlage klar: Mit symbolträchtigem Datum, am 22. Februar 2021, dem Fest der Kathedra Petri, hat Rom Segnungsfeiern für homosexuelle Paare verboten. Doch kann man daraus folgern, dass eine solche Paarsegnung ein bloßes „Als-ob-Handeln“ ist, weil sie nur eine „persönliche Solidaritätsbekundung“ (Norbert Lüdecke) darstellt, die aber „nicht im Namen der Kirche geschieht“ (Bernhard Sven Anuth)? Wird hier kirchliches Handeln simuliert und werden die Gesegneten getäuscht?

Segen oftmals mit expliziter Billigung des Bischofs

Nein. Nicht nur, weil immer „Gott der Akteur“ und ein Segen deshalb „kein moralisches Instrument“ (Jochen Sautermeister) ist. Auch nicht nur, weil alle – Segnende wie den Segen Empfangende – die Lehre der Kirche kennen und trotzdem handeln, wie sie handeln. Nein, hier wird niemand getäuscht und hier wird nichts simuliert.

Entscheidend ist etwas anderes. Entscheidend ist, dass die Segnenden gerade nicht als Privatpersonen handeln, sondern im Vollzug ihres Amtes. Sie segnen als Amtsträger und berufen sich dabei – so zum Beispiel die Stellungnahme von Pfarrer Ullmann – nicht nur auf ihr Gewissen, sondern ausdrücklich auch auf ihren zweifachen Auftrag, den Menschen seelsorglich nah zu sein und Schaden von der Kirche abzuwenden. Sie segnen in offiziellen Kirchenräumen und in öffentlichen liturgischen Feiern. Und sie tun dies im Fall vieler Diözesen jenseits von Köln nicht nur mit stillschweigender Duldung, sondern mit expliziter Billigung ihres Bischofs. Das ist eine neue Qualität gegenüber heimlich vollzogenen Segnungsfeiern in privaten Wohnzimmern.

Akt pastoralen Ungehorsams setzt Zeichen

Der Autor
Matthias Remenyi ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg.

Die Gefahr des Pinkwashings ist damit noch nicht gebannt: Kein Segen der Welt kann die jahrtausendealte Schuldgeschichte der Kirche gegenüber Homosexuellen ungeschehen machen. Und so lange die Lehre ist, wie sie ist, ist noch nichts gewonnen. Aber die Seelsorgenden setzen damit einen Akt des pastoralen Ungehorsams gegen Rom und ein Zeichen für die Veränderung der Lehre. Denn Rom beruft sich bei besagtem Segnungsverbot ausdrücklich auf die bestehende Moraldoktrin, der zufolge diese Verbindungen „nicht auf den Plan des Schöpfers hingeordnet“ sind. Wer dennoch segnet, setzt sich dazu in Widerspruch. Das wissen im Übrigen auch die Bischöfe. Sie haben – was gerne übersehen wird – auf dem Synodalen Weg mit mehr als 2/3-Mehrheit nicht nur für die Einführung solcher Segensfeiern votiert, sondern ebenso für eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität.

Bei aller berechtigten Warnung vor einer unbotmäßigen Politisierung der Liturgie: Man sollte das widerständige Potential solcher Segensfeiern nicht dadurch vorschnell zu zähmen versuchen, dass man sie zu Privatveranstaltungen erklärt. Denn dadurch entlässt man die Bischöfe auch aus der Verantwortung, Wort zu halten und wirklich für Veränderung zu streiten.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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