Als „Popkaplan“ bekannt gewordener Pfarrer im Interview

Warum Christian Olding von der Jugendsynode nicht viel erwartet

Bei einer Synode zum Thema Kirche und Jugend tagen noch bis zum 28. Oktober im Vatikan 267 Bischöfe, 23 externe Fachleute und 49 Gasthörer - die meisten davon junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren. Der als „Popkaplan“ und Buchautor bekannt gewordene Pfarrer Christian Olding ist Priester und Lehrer in Geldern am Niederrhein. Seine Erwartungen an das Treffen sind sehr gering.

Pfarrer Olding, sind die meisten Jugendlichen wirklich so kirchenfern, wie häufig unterstellt wird?

Ja, auf alle Fälle. Da hat die Institution an Glaubwürdigkeit für viele Jugendliche wahnsinnig verloren.

Das gilt nicht erst seit der Debatte um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche?

Die Missbrauchsskandale sind ja nur ein weiterer Funke. Das beschleunigt vieles an Entwicklung, was schon vorher da gewesen ist. Ich glaube, dass die Lebenswelten von Kirche und Jugendlichen so weit auseinander liegen, dass der Brückenschlag immer schwieriger wird.

Welche Werte sind Jugendlichen wichtig?

Wir müssen ihnen das Christentum in seiner Plausibilität erst mal wieder nahebringen - warum es sich denn lohnt, überhaupt christlich zu leben, oder was der Mehrwert davon ist, mit dem Christentum seinen Alltag zu gestalten. Als katholische Werte gelten die Sakramente, der Gottesdienstbesuch und bestimmte Verhaltensweisen. Ich finde es aber viel wichtiger zu vermitteln, welchen Mehrwert es eigentlich hat, mit dem Christentum seinen Alltag zu gestalten.

Was würden Sie Jugendlichen denn sagen, was konkret diese Mehrwerte sind?

Ich plädiere für den Grundsatz „Learning by doing“. In unseren Gemeinden sollten sie erfahren können, wie Christen leben. An der Art und Weise, wie sie ihren Alltag anpacken, muss man merken, dass da etwas anders ist. Denn als Christ ist man ja mit ganz normalen Dingen konfrontiert, wie jeder andere auch: Ich habe vielleicht viel Stress, ich habe bescheuerte Nachbarn, ich habe Sorgen, ich habe Ängste, ich habe Nöte, ich habe Verluste. Aber mein Umgang damit - da muss doch etwas anders sein im Vergleich zu jemandem, der nicht glaubt.

Um das zu sehen, müssten die Jugendlichen aber erst mal in die Gemeinde kommen...

Ja, aber sie müssen das Besondere der Christen auch an deren Alltag ablesen. Das müsste sich am Arbeitsplatz bemerkbar machen - etwa bei Lehrern oder Bankern. Im Grunde müsste das Christentum an Menschen, denen Jugendliche im Alltag begegnen, sichtbar und deutlich werden. Dass die Christen in der Welt, aber nicht von der Welt sind.

Was bedeuten jungen Menschen christliche Ideale wie Ehe und Familie und welche Rolle könnte die Kirche dabei spielen?

Die Grundbedürfnisse des Menschen sind immer noch dieselben: Verbindlichkeit in Beziehungen. Ich möchte mich darauf verlassen können, dass Menschen für mich da sind. Wenn jemand sagt „Ich bin Dein Freund“ oder „Ich gehe mit Dir eine Partnerschaft ein“, möchte ich, dass dieses „Ja“ verlässlich ist. Das ist etwas, was wir Christen als Maßstab haben. Wie bei der Ehe. Wir haben ja diese wahnwitzige Idee, dass man auf zwei Buchstaben ein ganzes Leben gründen kann. Da glaube ich natürlich schon, dass das mit Gottes Hilfe gelingen kann.

Wie kann man da für Jugendliche besonders ansprechend sein?

Ich finde es immer eine vertane Chance, Jugendgottesdienste nur Jugendgottesdienst zu nennen. Denn das Mittelalter und die Senioren wollen sich auch nicht langweilen. Die schalten auch bei Florian Silbereisen das Sommerfest der Volksmusik ein und sehen da moderne Inszenierungen. Das war ursprünglich etwas, was Kirche super gekonnt hat. Aber irgendwie ist sie bei der Gestaltung von Gottesdiensten stehengeblieben.

Die Synode läuft bereits. Häufige Forderungen von Jugendlichen sind das Weiheamt für die Frau und eine Anerkennung homosexueller Partnerschaften. Könnte es bei diesen Themen Bewegung geben?

Ich kann ja zum Teil selbst nur den Kopf schütteln. Denn wenn sich - böse formuliert - Senioren Gedanken über die Lebenswelten von Jugendlichen machen und dann Entscheidungen fällen wollen, ist das für mich schon ein kleiner Widerspruch in sich. Und wenn Frauen noch nicht einmal stimmberechtigt sind, sondern nur „ihre Stimme kundtun“ dürfen, dann muss ich sagen: Okay, super, man hat da wieder ein Setting, das fernab der Jugend und jeder gesellschaftlichen Entwicklung steht. Da liegt der Fehler schon im System. Von daher bin ich sehr, sehr zurückhaltend mit meinen Erwartungen an die Jugendsynode. Und was ich bisher gehört habe, werden nur wieder die seit Jahrzehnten bekannten Klagelieder angestimmt. Wem jetzt erst auffällt, dass die Jugendlichen in Sachen Homosexualität und Partnerschaft nicht mit den katholischen Idealen übereinstimmen, dem kann ich nur sagen: „Hallo wach! Wo wart ihr die letzten Jahrzehnte?“

Ist die Bischofssynode überhaupt Thema in der Jugend?

Da muss man genau hingucken. Kirchlich engagierte Jugendliche kriegen das vermutlich mit. Aber in meinen Klassen haben viele gar nicht mitbekommen, dass da eine Jugendsynode stattfindet. Ihnen ist es auch vollkommen egal, was Herren im fortgeschrittenen Alter da von sich geben.

Was kann die Jugend realistisch von der Bischofssynode erwarten?

Mich würde es schon mal freuen, wenn die Kirche einen anderen Tonfall gewinnt. Wenn es wirklich mal darum gehen würden, den Jugendlichen Angebote zu machen, wofür die Kirche und die Frohe Botschaft steht. Und nicht immer nur dieses ständige Verurteilen, was man wieder nicht will, und dieses Debattieren um Homosexualität. Man ist es irgendwann auch langsam Leid. Die Lebenswirklichkeit sieht anders aus, der pragmatische Umgang vor Ort sieht anders aus. In vielen Pfarreien werden gleichgeschlechtliche Paare schon lange gesegnet. Da interessiert es herzlich wenig, was von Rom wieder verkündet wird.