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Regens Hartmut Niehues und Studienreferentin Ruth Kubina im Interview

Warum ist eine Frauen-WG im Priesterseminar in Münster wichtig?

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Wie kommt eine Frauen-WG ins Priesterseminar in Münster? Regens Hartmut Niehues und Studienreferentin Ruth Kubina erklären das Leitbild für die Ausbildung im Collegium Borromaeum und sagen, warum eine Vielfalt bei den Bewohnern und Bewohnerinnen wichtig ist.

Eine Frauen-WG im Priesterseminar – wie kommt so etwas zustande?

Kubina: Unser Leitbild für die Priesterausbildung ist „Gemeinsam Kirche sein“. Wenn Priester ausgebildet werden, dann kommen sie aus dem Volk Gottes und werden für einen Dienst im Volk Gottes ausgebildet. Und dann ist es naheliegend, dass auch die Ausbildung im Volk Gottes stattfindet. Deswegen schauen wir, dass dieses Volk hier im Haus auch präsent ist. Das wird nie ein Querschnitt der ganzen Kirche sein. Aber es ist doch großartig, zumindest mit anderen Christinnen und Christen im Studium zusammen leben zu können. Das Volk Gottes besteht nun einmal aus allen – aus Frauen, Männern und diversen Menschen.

Was unterscheidet die WGs im Seminar von WGs im Studentenwohnheim?

Niehues: Wir wollen jungen Menschen einen Raum geben, in dem sie sich miteinander im Alltag der Frage stellen können: Gott, was hast du mit mir vor? Und das kann sehr unterschiedlich aussehen. Da gibt es welche, die Jura, Lehramt, Biologie oder sonst etwas studieren. Und andere, die überlegen, ob sie Priester werden wollen. Die einen, die ihr Christ-Sein, ihre Taufberufung leben, indem sie ihrem Beruf nachgehen, vielleicht eine Familie gründen und sich auf ihre Weise für den Glauben engagieren. Und andere, die den Beruf des Priesters ergreifen wollen. Wir fördern im Borromaeum das Verständnis, dass wir gemeinsam Kirche sind. Das ist hier sozusagen ein „Seminar des Volkes Gottes“.  Eigentlich brauchen wir heute vielmehr solcher Orte, an denen junge Leute die Chance haben, alltäglich miteinander den Glauben zu leben. Dabei ist auch ganz klar, dass hier keiner als der perfekte Katholik oder die perfekte Katholikin unterwegs sein muss – ist ja auch die Frage, was das überhaupt ist – sondern, dass alle mit ihren Fragen und Zweifeln Platz haben.

Welche Einstellung muss eine Bewohnerin mitbringen?

Kubina: Wir sagen den Bewerberinnen im ersten Gespräch, dass sie mit der Bereitschaft kommen sollten, hier etwas für ihren Glauben und ihr Leben zu entdecken, Dinge infrage zu stellen und sich auch selber infrage stellen zu lassen. Manches wirkt im ersten Moment vielleicht fremd, etwa in den Gebetszeiten. Aber es lohnt, sich mal darauf einzulassen und dann vielleiht einen Zugang zu finden. Wir haben schließlich einen großartigen Schatz an Spiritualität, von dem viele nichts ahnen. Und es macht einen Unterschied, wenn ich das mit anderen jungen Leuten erlebe, mit denen ich auch sonst meinen Alltag gestalte. Aber auch im sozialen Engagement für Menschen auf der Straße, bei gemeinsamen Unternehmungen oder in kirchenpolitischen Diskussionen im Haus kann ich etwas über meinen Glauben und den anderer erfahren.

Gibt es Verpflichtungen?

Niehues: Ja klar! Alle sollen sich in die Hausgemeinschaft einbringen. Zum Beispiel mit einem Hausamt: im Team für unsere Gäste von der Straße, in der Bibliothek, für die Vorbereitung der Gottesdienste, als Sportwartin, für unsere Öffentlichkeitsarbeit, in der Kellerbar, im Team Nachhaltigkeit… Und uns ist wichtig, dass wir zusammen unseren Glauben feiern. Dass das nicht mit allen Gebetszeiten und Eucharistiefeiern klappen kann, ist völlig klar. Erwartet auch keiner. Aber zum Beispiel freitags die Kommunitätsmesse mitzufeiern, einmal im Monat beim Bibelteilen dabei zu sein und die größeren Ereignisse wie Patronatsfest oder Priesterweihe mitzumachen, da sollten sich alle bemühen. Wenn das organisatorisch mal nicht möglich ist, weil Oma Geburtstag hat, ist das auch in Ordnung.

Wie ist die Reaktion der Seminaristen und der Geistlichen hier im Haus?

Kubina: Die meisten, mit denen ich spreche, sagen: Ist das schön, das ist ja unglaublich bunt hier. Beim Patronatsfest, als viele Gäste und Ehemalige hier waren, habe ich diese Reaktion besonders wahrgenommen. Sie war durchweg positiv. Alle sagten, dass es eine Bereicherung ist. Gerade auch, weil die Frauen in der Hausgemeinschaft an vielen Punkten präsent sind. Nicht nur beim Essen, auch in den liturgischen Diensten als Kantorinnen oder Lektorinnen. Oder bei den Priesterweihen: Die Messdiener im Altarraum waren in den letzten Jahren immer Bewohnerinnen und Bewohner aus den Wohngemeinschaften des Seminars.

Gibt es die Sorge, dass Kandidaten durch die offene Form des Hauses von ihrem Entschluss, Priester zu werden, abrücken könnten?

Niehues: Die Frage kommt oft – gerade mit Blick auf den Zölibat. Aber: Die Vorbereitung auf den Dienst als Priester kann ja nicht die Lebenswirklichkeit ausblenden, die es auch später in der Gemeinde gibt. Wir brauchen Priester, die als Persönlichkeiten mit großer menschlicher Reife ihren Dienst tun. Das fördern wir durch die offene Atmosphäre. Und: Für den einzelnen Priesterkandidaten kann es ja durchaus sein, dass die „Versuchung“ weniger die Zimmernachbarin, sondern vielleicht der Zimmernachbar ist. Das ist die bunte Wirklichkeit, mit der wir umgehen.

Ist das eine Reaktion auf die aktuelle Diskussion der Kirche über Sexualität und Partnerschaft?

Kubina: Für uns ist es schon seit langer Zeit wichtig, dass es im Bereich von Sexualität eine offene Auseinandersetzung gibt. Eine zentrale Frage dabei ist: Will ich und kann ich zölibatär leben? Und da hilft es eben nicht zu sagen, wir schließen die Leute weg. Sondern es hilft doch umso mehr, in diese Begegnung hineinzugehen und zu schauen, was macht das denn mit mir und wie kann ich denn Beziehung leben, die dann eben auch zölibatär gestaltet werden kann.

Es wird auch Kritiker geben, die diese Form des Seminar-Lebens für eine Anbiederung an den Zeitgeist halten.

Niehues: Der Begriff „Volk Gottes“ ist nichts Neues: Siehe Zweites Vatikanisches Konzil! Es geht darum, sich gemeinsam mit allen Gläubigen auf den Weg zu machen. Das bedeutet auch, die Trennung von Geweihten und nicht Geweihten oder heute wohl eher von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen zu überwinden. Und das muss auch die Ausbildung in unserem Haus prägen. Junge Männer, die Priester werden wollen, sollten von vornherein mit diesem Bewusstsein unterwegs sein: Wir sind Teil des Volkes Gottes. Das gewinnt vor dem Hintergrund der aktuellen kirchlichen Ereignisse und Diskussionen noch einmal an Bedeutung, wenn da von Klerikalismus oder männerbündischen Strukturen die Rede ist, die Fehlentwicklungen begünstigen. Das beste Gegenmittel ist doch, von vornherein gemeinsam unterwegs zu sein. Und da gehören alle Getauften dazu, egal welchen Geschlechts oder welcher Orientierung. Und das erleben die Leute hier.

Besteht die Gefahr, die Berufung zum Priester damit abzuwerten?

Niehues: Nein, im Gegenteil. Der gemeinsame Weg stärkt ja die Einzelnen auch in ihrer Unterschiedlichkeit. Und wir brauchen Priester! Ich würde mir vom Synodalen Weg und von den Bischöfen ein klares Bekenntnis dazu wünschen! Die Herausforderung für junge Leute, Priester zu werden, ist in dieser Zeit enorm groß. Sie brauchen deshalb neben allen notwendigen kritischen Anfragen unseren Rückhalt: Es ist gut, dass du Priester werden willst! Prüfe dich und schau, ob das dein Weg ist! Dabei begleiten wir dich gerne, und wir freuen uns mit dir, wenn du deinen Weg mit Gott als Priester findest!

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