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120 Christen diskutieren in Geldern

Weihbischof Rolf Lohmann – und viele kritische Fragen zur Kirche

Regionalbischof Rolf Lohmann nimmt kein Blatt vor den Mund - aber die Zuhörer in Geldern auch nicht. Rund 120 Christen wollen hören, wie sich der Weihbischof zu Missbrauchsskandal, Synodalem Weg und Zölibat positioniert.

Regionalbischof Rolf Lohmann nimmt kein Blatt vor den Mund - aber die Zuhörer im Pfarrsaal in Geldern am Niederrhein auch nicht. Rund 120 Christen von St. Maria Magdalena wollen hören, wie sich der Weihbischof zum Missbrauchsskandal, zum Synodalen Weg und zum  Zölibat positioniert. Mehr als zwei Stunden steht Lohmann Rede und Antwort. Der Missbrauchskandal in der Kirche habe seinen Amtsantritt als Weihbischof schnell überschattet. Und: Der Synodale Weg könne die Kirche in die Zukunft führen. Drittens: Über das Zölibat müsse man diskutieren und zu neuen Lösungen finden.

Drei Statements zu den Anliegen der Menschen im Pfarrheim. Intensiv diskutiert werden auch die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion, die Zulassung konfessionell verschiedener Eheleute zum Abendmahl und die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern.

Brief aus Geldern an Bischof Genn

Blick ins PublikumDrei Statements formulierten zu Beginn der Veranstaltung in Geldern mit Weihbischof Rolf Lohmann (3. von links) die Anliegen der Menschen im Pfarrheim: Missbrauchsskandal, Synodaler Weg, Zölibat. | Foto: Jürgen Kappel

2019 gab es in der Pfarrei eine lebhafte Auseinandersetzung zur kirchlichen Situation und zur  Glaubwürdigkeitskrise der Kirche aufgrund von Missbrauchs- und Finanzskandalen. Eine Predigt der Pastoralreferentin Monika Eyll-Naton löste die Diskussionsreihe aus. Viele Gemeindemitglieder artikulierten Sorgen, Vorstellungen und Ideen für die Zukunft der Kirche und der Gelderner Pfarrei. Ein Brief an die Bistumsleitung in Münster griff diese Sorgen auf und wurde im Herbst an Bischof Felix Genn geschickt. Die Bistumsleitung regierte und sandte den Weihbischof nach Geldern.

Lohmann musste sich kritische Äußerungen anhören: „Haben die Bischöfe die Ergebnisse der Studie zum Missbrauch nicht erwartet?“ „Der Wandel muss schnell kommen!“ „Keiner kann sagen, wir haben nichts gewusst!“ „Die Glaubwürdigkeitskrise geht weiter!“ Lohmanns Antwort zum Missbrauch: „Über dieses Ausmaß war ich wirklich erschrocken. Dass habe ich nicht für möglich gehalten.“ Die Akten gingen nun zur Staatsanwaltschaft, weil die Kirche Fehler bei der Aufarbeitung gemacht habe, sagt Lohmann. „Das ist der richtige Weg!“

Lohmann für Rücktritt nach Verfehlungen

Weitere Kritik aus dem Publikum: Die Kirche reagiere bisweilen kopflos und wenig konsequent, wenn es um die Bestrafung von Priestern gehe. Ja, man habe Fehler gemacht und Dekrete nicht eingehalten, räumt Lohmann ein und fordert mehr Klarheit und Transparenz. Die umfassende Aufarbeitung sei das Gebot der Stunde, sonst werde es der Kirche nichts nutzen. Auf Nachfrage räumte er ein, dass ein Bischof, dem Verfehlungen nachgewiesen würden, zurücktreten solle.

Lohmann nennt Zahlen, die den Glaubwürdigkeitsverlust verdeutlichen: „14 Prozent vertrauen heute noch der Kirche. Vor mehr als 20 Jahren waren es noch 90 Prozent. Ganz Jahrgänge, ganze Gruppe sind im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen.“ Es sei nicht allein der Missbrauch. Viele Punkte wie die Gleichberechtigung der Frauen seien gesellschaftlich schon gelöst. „Das ist kirchlich nicht immer möglich. Wir müssen tiefer in Diskussion einsteigen“, fordert der Weihbischof.

Frauen: Es macht uns wütend

Blick ins PublikumAufmerksames Publikum: 120 Frauen und Männer waren ins Pfarrheim von St. Maria Magdalena in Geldern gekommen. | Foto: Jürgen Kappel

Partizipation ist für ihn ein großes Feld, an dem „wir arbeiten müssen“, sagte er. „Wir brauchen Gremien, die an der Leitung der Gemeinde teilhaben.“ Kirche müsse sich Erkenntnisse der Wissenschaft aufgreifen. Viele Wissenschaftler würden die Kirche beraten, vor allem zum Umweltschutz, seinem neuen Arbeitsbereich innerhalb der Bischofskonferenz. Es gehe aber nicht an, dass die Bischöfe sich Rat holten, aber dann doch eigene Entscheidungen fällten. Er wolle mit der Trennung von Wissenschaft und Seelsorge Schluss machen. Es gehe nicht, dass Bischöfe meinten, Evangelisierung sei das wahre Thema - und die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft weniger bedeutend.

Die Frage, wann Frauen endlich zu Weiheämtern zugelassen und „Viri probati“ zu Priestern geweiht würden, beantwortet Lohmann zurückhaltend. Frauen aus der Runde halten ihm vor, viele Kräfte gingen der Kirche verloren, wenn sie die Hälfte der Menschheit ausschließen würde. „So geht es nicht weiter!“, ist zu hören, und: „Es macht uns wütend!“

Lohmann: Wir können nicht auf den Letzten warten

Intensiv habe er mit Frauen diskutiert, auch mit denen aus der der Bewegung „Maria2.0“, antwortet Lohmann. Er kenne die Situation der Frauen und ihre Gefühlslage. Aber an der kirchlichen Tradition komme niemand vorbei. „Die Diskussion ist da - nicht nur in Deutschland, auch in der ganzen Weltkirche“, sagt Lohmann. In vielen Ländern werde das Thema diskutiert. Papst Franziskus habe eine Kommission zur Beratung über das Diakonat der Frau berufen. Er wisse, dass sich schnellstens etwas tun müsse. Erste Schritte gebe es: Die Beauftragung einer Frau als Dechant in Begleitung eines Pfarrers im Dekanat Recklinghausen - und im Erzbistum München die Aufteilung des Amtes des Generalvikars auf zwei Personen, eine Frau und einen Priester.

Die Kirche sei weltweit orientiert und müsse Entscheidungen treffen, die auch in Afrika verstanden würden, zum Beispiel im Benin oder Niger, mahnt Lohmann. Dort würden diese Fragen nicht gestellt. „Die Forderungen bleiben und die Debatte wird weitergehen. Die Kirche kommt an der Wirklichkeit nicht vorbei. Wir leben an einer Zeitenwende und können nicht auf den Letzten warten“, betont der Weihbischof.

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