Gast-Kommentar von Anke Lucht über Corona und Debattenkultur

Wenn es jeder besser weiß

Die Corona-Krise hat auf allen Ebenen engagierte Diskussionen ausgelöst: vom Sitzungssaal bis zum Stammtisch. Nie hat es so viele selbsternannte Virologen gegeben, die genau wissen, wie die Pandemie in den Griff zu bekommen ist. Anke Lucht, stellvertretende Leiterin der Abteilung Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Bischöflichen Generalvikariat Münster, macht deutlich, wie sich eine solche Haltung auf die Debattenkultur in Politik und Gesellschaft auswirken kann.

Anke Lucht ist stellvertretende Pressesprecherin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Münster. Sie stammt aus Holdorf, ist verheiratet und hat zwei Stiefkinder. Nach dem Studium absolvierte sie ein Volontariat bei der Oldenburgischen Volkszeitung in Vechta. Ab 2001 war sie Pressesprecherin der Gemeinde Wallenhorst. 2013 wechselte sie zum Bistum Münster.

Dass wir Deutsche ein Volk von Fußballtrainern sind, ist bekannt – jeder noch so bewegungslegasthenische Couchpotato weiß besser, welcher Spieler auf welcher Position zu platzieren ist als der Bundes-Jogi. Dass wir ein Volk von Polit-Profis sind, überrascht auch wenig – jeder Stammtisch vermöchte Kommune und Land besser zu regieren als diejenigen, die es demokratisch legitimiert tun.

Die deutschen Kernkompetenzen Fußball und Politik sind also hinlänglich bekannt. Vergleichsweise neu ist hingegen die in der Corona-Krise geborene Erkenntnis, dass wir auch ein Volk von Virologen sind.

Wortgewaltiger Meinungschor

Anfänglich herrschte in der ersten Schockstarre weitgehend Einigkeit: Die Positionen von Fachleuten, die sich seit Jahrzehnten mit Viren, Pandemien und Co. beschäftigen, können nicht der schlechteste Anhaltspunkt für gesamtgesellschaftliches und persönliches Handeln sein.

Mit Dauer der Pandemie aber schwoll der Meinungs-Chor der überwiegend selbst ernannten Fachleute an. Ob im Verdacht der Volksverhetzung stehende Vegan-Köche, wortgewaltig schwurbelnde Pop-Sänger oder der Stammtischbruder von nebenan: Jeder meint zu wissen, wie es geht, vor allem, dass es anders besser geht, als die Verantwortlichen es – natürlich mit niederträchtigsten Motiven – entscheiden und handhaben.

Lautstarke Rundumschläge

Jetzt ist ja Kritik an Entscheidern im heutigen Deutschland erfreulicherweise keine Majestätsbeleidigung. Sie ist nicht nur zulässig, sondern demokratisch nötig. Wenn sie – wie es sich dieser Tage kaum vermeiden lässt – in der Öffentlichkeit stehen, müssen sich auch Fachleute aus Wissenschaft und Medizin solcher Kritik stellen.

Ebenso aber müssen sich alle Erwachsenen der Verantwortung stellen, Kritik oder Sorgen angemessen vorzutragen. Wer lautstark Rundumschläge verteilt, hinter jeder Entscheidung bösen Willen und verschwörerische Absichten vermutet, trägt nichts zur kurzfristigen Problemlösung bei. Und langfristig verhindert ein solches Aus-Prinzip-Dagegen-Sein jede zielführende Debattenkultur in Politik und Gesellschaft.

Vertrauen in den Nächsten

Wenn man Entscheider pauschal verwerflicher Absichten verdächtigt oder sie als grob inkompetent abkanzelt, verlockt das nicht gerade zur Übernahme von Verantwortung. Auf der Couch ist es im Zweifel bequemer – das gilt für die Regierungsposition ebenso wie für den Vorsitz im Taubenzuchtverein.

Insofern müssen wir bei allen berechtigten Kritikpunkten und Anfragen darauf achten, wie wir mit Menschen nicht nur, aber eben auch in verantwortungsvollen Positionen umgehen. Gottvertrauen hat noch nie geschadet – ein bisschen gesundes Vertrauen in den Nächsten ebenso wenig.

Hinweis
Die Positionen der Gast-Kommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.