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Gast-Kommentar von Pater Elmar Salmann zur Reaktion auf die Corona-Krise

Warum den Kirchen so wenig einfällt

Der Kirche laufen die Leute weg, dann kam auch noch Corona – und schließlich der Vorwurf, kirchlicherseits sei es ausgerechnet jetzt ziemlich still geworden. Pater Elmar Salmann, Mönch und profunder Beobachter, ahnt vorsichtig eine ganz eigene Chance.

Der Kirche laufen die Leute weg, dann kam auch noch Corona – und schließlich der Vorwurf, kirchlicherseits sei es ausgerechnet jetzt ziemlich still geworden. Pater Elmar Salmann, Mönch und profunder Beobachter, stimmt dem zwar zu, ahnt in seinem Gast-Kommentar aber vorsichtig eine ganz eigene Chance.

Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologie- und Philosophie-Professor in Rom und ein gefragter Autor und Gesprächspartner in Kirche und Gesellschaft Italiens. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve.

Es ist vielen aufgefallen, dass den Kirchen in der Corona-Krise wenig einfällt. Es ist, als hätte es ihnen die Sprache verschlagen. Das scheint beschämend, und es ist auch so. Dennoch mag da etwas anderes im  Spiel sein.

Je mehr den Menschen etwas auf den Leib rückt, je unfassbarer das Geschick, desto mehr stellt sich eine doppelte Reaktion ein: Es kommt zu einem Aufbäumen, einer Welle an Maßnahmen, Mutmaßungen und Meinungen – oder die Worte versiegen, versagen sich, Leid und Leben wollen schweigend ausgetragen sein. Es braucht wohl beides – und  kann gut oder verfehlt sein, Symptom einer geistlichen Krankheit und Zeugnis der Lebensweisheit.

Erregungspegel und geheime Verzweiflung

Mit der Pandemie verbreitet sich auch eine geistliche Krankheit, die den Mönchen seit 1700 Jahren bekannt ist, die „acedia“, eine zermürbende Mischung aus Langeweile, Öde, Überdruss und nervöser Unruhe, die es nirgends aushält. Nur wenige werden ihr in diesen Monaten ganz entkommen sein; sie bestimmt die Erregungs­pegel der Informationsfluten wie die geheime Verzweiflung vieler Menschen.
Daneben gibt es die gute Spannung zwischen den vielen Initiativen, Hilfeleistungen, der schöpferischen Fantasie und den ­Energien des  Einsatzes an vielen Fronten, medizinisch, sozial, politisch, kulturell, auch kirchlich-liturgisch – wie einem lebensgemäßen Verstummen, einer erlittenen und guten Stille.

Alte und kranke Menschen können oft nicht mehr beten, großes Leid wie Freude sind in Worte kaum zu fassen. In der Passionsgeschichte findet Jesus  nur wenige Worte; er ist anders gegenwärtig, souveräner und demütiger. Elementare Wandlungen in der Geschichte entziehen sich dem Verstehen, sind größer als menschliches Be- und Eingreifen. Das mag auch von der derzeitigen Doppelkrise gelten, der Pandemie wie der ungeheuren Mutation, die die Kirchen erleiden, ohne wissen zu können, wohin es geht.

Beredtes Schweigen

Vieles davon zeigte sich in der Trauerfeier für die Corona-Opfer in Madrid: Alle saßen im Kreis auf Plastikstühlen, das Pult beiseite gestellt; es sprachen der König, eine Krankenschwester und ein Angehöriger; man legte weiße Rosen auf den runden schwarzen Tisch in der Mitte, mit einer Flammenschale. Kein Priester, kein Gebet, nur die Melodie des „Geistlichen Liedes“ op.30 von Johannes Brahms,  ohne den stoisch-frommen Text von Paul Fleming. Am Ende das Gedicht „Schweigen“ von O. Paz, dann ging jeder seiner Wege.

Lebensnahe Worte der Beteilig­ten, beredtes Schweigen, das Anspielen eines Motivs, eine kleine Fassung des Unbegreiflichen – wenn wir es wenigstens dazu im heutigen Christentum brächten.

Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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