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Wie eine Förderschul-Klasse in Dinklage auf ihren Patron Kardinal von Galen schaut

„Die meisten von uns wären damals getötet worden“

  • In Dinklage trägt eine Förderschule den Namen des seligen Kardinals von Galen.
  • Dort lernen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen.
  • Sie erzählen, was sie über Galen wissen, wie er ihr Schulleben und ihr Handeln prägt.
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„Er ist vom Typ her ein Vorbild.“ Johannes (16) erklärt: „Eben mit dem, was er in seiner Zeit erreicht hat und gemacht hat. Zum Beispiel, dass er sich getraut hat, Sachen zu sagen, die andere sich nicht getraut haben.“

Sein Mitschüler Ramon nickt und ergänzt: „Er war auch deshalb ein Vorbild, weil er den Leuten gesagt hat, was da wirklich abging mit den ganzen Massenmorden. Die haben das ja davor nicht so richtig realisiert. Und er hat das öffentlich gemacht.“

„Vom Typ her“, „was da abging“, „nicht so realisiert“ – sie sprechen die Sprache ihrer Generation, und sie kennen sich aus im Leben des Namensgebers ihrer Schule. „Kardinal-von-Galen-Haus“ steht auf dem Hinweisschild vor dem Komplex der Förderschule für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen im oldenburgischen Dinklage (Kreis Vechta). Und Johannes und die anderen in der 9. Hauptschulklasse zeigen im Video-Pressegespräch mit „Kirche+Leben“ deutlich, dass das nicht nur ein Schild ist.

„Die meisten von uns wären wohl damals getötet worden“

Ramon zum Beispiel: „Für mich ist Kardinal von Galen besonders deshalb ein Vorbild, weil er sich für Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen eingesetzt hat. Menschen, die die Nationalsozialisten umbringen lassen wollten, weil sie gesagt haben, sie hätten kein Recht auf Leben.“

Der 17-Jährige findet das gut und richtig so: „Weil jeder Mensch ein Recht hat zu leben. Und nur weil manche eine Beeinträchtigung haben, hat niemand das Recht, zu entscheiden, dass sie sterben.“

Kann das ein Vorbild für Menschen heute sein, vielleicht sogar für die Schüler selbst? „Ja, definitiv“, sagt Joshua. „Vielleicht sogar mehr als damals. Viele an unserer Schule haben ja eine Beeinträchtigung oder Behinderung. Die meisten wären wohl damals getötet worden. Was wäre denn, wenn das heute noch so wäre? Wer weiß, ob da jemand wäre, der sich für uns einsetzt? Darum ist er ein sehr gutes Vorbild. Weil er ohne zu Zögern den Mund aufgemacht hat.“

Der Kardinals-Geburtstag wird stets groß gefeiert

Schulleiter Guido Venth. | Foto: Michel Rottmann
Schulleiter Guido Venth. | Foto: Michel Rottmann

Ein Anruf genügte, die Klasse war sofort bereit, „Kirche+Leben“ Auskunft über ihr Wissen und ihre Meinung zu ihrem Schulpatron zu geben. Gerne wollten sie dem Reporter erzählen, was ihnen der Namensgeber ihrer Schule bedeutet und was sie alles über ihn wissen. Und das ist gar nicht so wenig.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Schule das Gedenken an den Kardinal in das Schulleben übernommen hat. Der Geburtstag des Kardinals am 16. März ist jedes Jahr ein besonderer Tag. „Das läuft nicht an uns vorbei. Wir feiern immer einen Gottesdienst, und anschließend ist ein großes Buffet aufgebaut“, beschreibt Anna-Lena (17) das Fest.

Kilian (16) hat weitere Einzelheiten aus dem Leben des Kardinals parat. Wie viele Geschwister er hatte und dass er in Vechta zur Schule gegangen ist. Und auch, dass er gemeinsam mit seinem Bruder aus Anlass seiner Kommunionfeier zwei Lindenbäume vor der Burg gepflanzt haben soll. Die Burg zähle zu den Orten in Dinklage, die an von Galen erinnern, sagt Bastian (16).

Die Schüler schätzen besonders von Galens Mut

Mitschüler Christian (16) kommt dann wieder auf Kardinal von Galen im Kampf gegen die Nationalsozialisten zu sprechen. „Er hat sich gegen die Nazis gestellt, ihnen gesagt, dass das so nicht weitergehen kann mit den Morden an behinderten Menschen. Und dadurch, dass er eine große Menge von Menschen hinter sich hatte, konnten die Nationalsozialisten ihn damals nicht bestrafen. Weil das viel zu viel Kritik gegeben hätte.“

„Trotzdem hat viel Mut dazu gehört“, erklärt Christian. „Deshalb hatte er den Spitznamen: Löwe von Müns­ter.“ Er kennt auch den Wahlspruch von Galens: „Kein Lob, keine Furcht. Weil er keine Angst davor hatte, die Sachen, die gesagt werden mussten, zu sagen.“

Joshua ergänzt: „Das war mutig, weil er sich selbst in Lebensgefahr gebracht hat, um anderen Menschen zu helfen. Sich dagegen zu stellen, dass die getötet wurden. Er hat ja auch drei berühmte Predigten gehalten. Die Nationalsozialisten hatten ja schon ge­plant, ihn zu töten. Das trauten sie sich nicht, weil sie ja sonst viele katholische Bürger gegen sich gehabt hätten.“

100 der Schüler waren 2005 bei der Seligsprechung dabei

Bei der Seligsprechung 2005 war die Förderschule mit 100 Teilnehmern in Rom. | Foto: Kardinal-von-Galen-Haus
Bei der Seligsprechung 2005 war die Förderschule mit 100 Teilnehmern in Rom. | Foto: Kardinal-von-Galen-Haus

Die Antworten der Neuntklässler zeigen: Die Schule pflegt das Gedenken an den großen Kardinal. Mit rund 100 Schülern, dazu Eltern und Lehrern, war eine Abordnung 2005 auch bei der Seligsprechung des Kardinals in Rom dabei. „Das war ein Riesenerlebnis“, sagt Schulleiter Guido Venth.

Für die Arbeit und das Konzept der Förderschule sei der Kardinal immens wichtig. „Wir verbinden damit Ideale, wenn es darum geht, unseren Schülern etwas beizubringen: Mach den Mund auf, wenn dir etwas nicht gefällt! Wehr dich! Achte auf dich und setz dich für dich und deine Interessen ein. Aber – und das ist das Besondere – auch für die Interessen anderer Menschen, die Hilfe brauchen.“

Wie Galen das Handeln der Schüler prägt

Klassenlehrer Arne Kühner lächelt. Auch er freut sich über das, was die Schüler alles wissen. „Und noch mehr darüber, was sie vom Vorbild des Kardinals übernommen haben und für sich als selbstverständlich erachten.“

Der Kardinal hat sie mit seinem Beispiel geprägt, besonders, was Einsatz für andere angeht. Für Schulleiter Venth steht das fest. Er verweist dabei etwa auf die beiden aus der Klasse, die sich zu so genannten Streitschlichtern haben ausbilden lassen. Und er nennt Anna-Lena, die jahrelang Schülersprecherin war. Auch Johannes nickt: „Auf jeden Fall. Weil wir vor allen Dingen gelernt haben, dass Zusammenhalt wichtig ist, dass jeder gleich ist, egal was man hat oder nicht hat.“

Das Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage ist eine Ganztags-Förderschule mit insgesamt rund 250 Plätzen für junge Menschen mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen mit angegliedertem Internat. Seit 2008 gehören auch Wohnangebote für erwachsene Körperbehinderte zum Angebot. Die Kardinal-von-Galen-Haus gGmbH ist eine Tochtergesellschaft der Josefs-Gesellschaft gGmbH.

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