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Als die Ordensfrau in Münster von den Plänen der Nazis erfuhrt, handelte sie sofort

Die geheime Informantin Galens: Schwester Laudeberta

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Kennen Sie Schwester Laudeberta van Hal? Sie hätte es verdient. Denn der Mut und die Entschlossenheit der 1971 in Münster verstorbenen Clemensschwester war herausragend. Möglicherweise hat sie damit vielen Menschen das Leben gerettet. Und mit großer Wahrscheinlichkeit verhalf sie durch ihr energisches Handeln auch Kardinal Graf von Galen ein wenig zu seiner Berühmtheit als „Löwen von Münster“.

Als die Nationalsozialisten Anfang 1941 ihre Euthanasie-Aktion zum Mord an tausenden Menschen mit geistigen und psychischen Erkrankungen intensivierten, traf das auch die Heil- und Pflege-Einrichtungen in Westfalen. Die Kranken wurden in staatliche Anstalten verlegt, wo sie vergiftet oder vergast wurden. „Unproduktiv“ und „minderwertig“ galten sie in der Rassen-Ideologie des Regimes. Es wollte sich der „lebensunwerten Ballastexistenzen“ entledigen, wie die Nazis das formulierten.

Wer waren die Mutigen?

Berühmt geworden ist in dieser Zeit der selige Kardinal Graf von Galen, damals Bischof von Münster. In seinen Predigten im Sommer 1943 klagte er die Euthanasie als Mord an und bremste damit die generalstabsmäßig geplante Vernichtung der Erkrankten. Wie aber kam er an die wichtigen Informationen dieses so genannten Projekts „T4“, das unter höchster Gemeinhaltungsstufe mit den Leitern der Einrichtungen organisiert wurde? Denn von Galen bezieht sich in seinen Worten immer wieder auf konkrete Zahlen und Informationen aus den Anstalten. „Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, …, zwangsweise abgeführt werden“, predigte er zum Beispiel am 3. August 1941 in der St.-Lamberti-Kirche in Münster.

Wer sich widersetzte oder gar öffentlich protestierte, riskierte in jenen Zeiten sein Leben. Und so ist es nicht verwunderlich, dass über die Informanten von Galens nicht viel bekannt ist. Wer waren also die Menschen, die den Mut aufbrachten, den Bischof von Münster über das Geschehen hinter den Anstaltsmauern zu berichten? An dieser Stelle tritt Schwester Laudeberta in Erscheinung, die damals Stationsleiterin in der Provinzheilanstalt Marienthal bei Münster war.

Eine „ungeheuerliche Entdeckung“

Schwester Laudaberta van Hal galt als couragiert und respektiert. | Archiv der Clemensschwestern Münster
Schwester Laudeberta van Hal galt als couragiert und respektiert. | Foto: Archiv der Clemensschwestern Münster

„Sie galt als couragiert und respektiert“, sagt Markus Köster vom Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, der an einer Veröffentlichung zu Schwester Laudeberta arbeitet. Er hat recherchiert, dass im Juli 1941 eine weltliche Krankenschwester ihr von einer „ungeheuerlichen Entdeckung“ berichtete. Beim Putzen im Büro des leitenden Arztes hatte sie eine Liste mit Namen von Patienten gefunden, die in den kommenden Wochen deportiert werden sollten. Sie schrieb das Dokument ab und gab es der Ordensschwester.

„Diese reagierte sofort“, sagt Köster. „Sie sprach Angehörige von Patienten an und veranlasste sie, diese mit nach Hause zu nehmen, um sie vor dem Abtransport zu retten.“ Das allein war schon mutig. Schwester Laudeberta aber ging noch weiter. Sie schlich sich nachts aus der Anstalt, um den tagsüber aufmerksamen Blicken der regimetreuen Angestellten zu entgehen . Durch den Garten des Bischofshauses gelangte sie zu von Galen, um ihm über die Liste zu berichten.

Sie hat Menschenleben gerettet

Dieses Gespräch hatte eindeutig Auswirkungen, sagt Köster. „Von Galen war zuvor schon beunruhigt gewesen, diese neuen Informationen aber gaben ihm Anlass zu handeln.“ Wenige später formulierte er ein Protestschreiben an den Landeshauptmann und erstattete Anzeige beim Polizeipräsidenten von Münster. „Die hatten es in sich.“ Der Historiker belegt das mit einem Zitat. Der Bischof schrieb von einem „Verbrechen, das zum Himmel schreit.“

Schwester Laudeberta soll auch in der Zeit darauf Kontakt zu von Galen gehalten haben. „Es waren ihre konkreten Informationen, die ihn veranlassten, mit seinem Protest öffentlich zu werden“, sagt Köster. „Insofern rettete nicht zuletzt ihr Einsatz tausenden Patienten das Leben.“ Wenige Wochen später wurde die Euthanasie-Aktion formal gestoppt. Ein dauerhaftes Ende bedeutete das aber nicht, weil die Morde an den Patienten danach auf anderen Wegen organisiert wurden.

Warum geriet sie in Vergessenheit?

Buchtipp:
Endlich hat einer den Mut zu sprechen
Clemens August von Galen und die Predigten vom Sommer 1941 – kommentiert und illustriert
9,80 € | 152 Seiten | dialogverlag 2013
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„Es gab sicher viele weitere Menschen in den Heil- und Pflegeeinrichtungen, die versucht haben, von Galen mit Informationen zu versorgen“, sagt Köster. „Er galt schnell als wichtige Instanz für den Einsatz gegen die Euthanasie.“ Besonders in den katholischen Einrichtungen setzten sich viele Ordensleute und Pflegende dafür ein, dass ihre Patienten der Deportation entgingen, indem die Angehörigen Hinweise bekamen.“ In Münster trat dabei auch Theo Lackmann in Erscheinung, der Anstaltspfarrer im Haus Marienthal war.

Das Handeln von Schwester Laudeberta ist aber so konkret belegt wie kaum andere. Auch weil es in den 1970er Jahren noch Interviews mit Zeitzeugen gab. „Es ist daher erstaunlich, wie wenig bekannt sie ist“, sagt Köster. „Während von Galen und seine Predigten völlig zurecht bis heute große Bekanntheit haben, ist der Name Schwester Laudeberta völlig vergessen.“ Vielleicht liegt es daran, dass die aus den Niederlanden stammende Ordensfrau nach dem Krieg nie wieder öffentlich auftrat oder selbst von ihren Taten berichtete. Nach einiger Zeit als Oberin der Clemensschwestern in Haus Marienthal leitete sie noch viele Jahre die Wäscherei der Anstalt, bis sie 1971 in Münster starb.

Kleines Grab neben berühmter Mitschwester

Ihren kleinen Grabstein auf dem Zentralfriedhof in Münster teilt sie sich mit einer anderen Ordensfrau – im Schatten einer berühmten Mitschwester: Der seligen Schwester Euthymia. Deren große Gedenkstätte steht direkt daneben. Köster hat sich zum Ziel gesetzt, an der Vergessenheit von Schwester Laudeberta etwas zu ändern. „Vielleicht wird nach ihr zumindest noch eine Straße benannt.“

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