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Peter Kossen zur Zukunft der Kirche

Diese Kirche ist nicht reformierbar - eine neue muss "er-scheitert" werden

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Reförmchen statt großer Wurf, homophob und frauenfeindlich, verfestigte Anachronismen: So wird die Kirche vor die Wand fahren, sagt Peter Kossen. Und genau das ist notwendig, meint der bekannte Sozialpfarrer in seinem Gast-Kommentar. Immerhin da sei Rom kein Bremser.

Kirche ist notwendig. Kirche begründet ihre Existenz und Relevanz jedoch nicht aus sich selbst heraus. Mit Hilfe der Kirche wendet Gott Menschen das Heil zu – positiv, nicht exklusiv. Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie ist für Gläubige ein legitimer und in gewisser Weise notwendiger Ausdruck eines „Lebens für“: für Gott, für das Reich Gottes, für die Menschen. „Jesus lebt! Sein Geist treibt uns an!“ - Diese Erfahrung konstituiert Kirche. Sie wird in der Liturgie gefeiert, in der Katechese bezeugt und im politisch-caritativen Handeln gelebt.

Krieg in der Ukraine, in Syrien, im Südsudan und anderswo, 890 Millionen Hungernde in aller Welt, die Klimakrise, 100 Millionen Menschen auf der Flucht, Rassismus… - vielfache Not und Gefährdung in der Welt schreien nach Parteinahme, solidarischem Engagement, prophetisch-alternativem Handeln und Denken. Hier liegt die Kernkompetenz von Christinnen und Christen. Die Not der Welt könnte kaum größer sein. Und doch erschöpft unsere Kirche große Kräfte in quälender und unfruchtbarer Selbstbezogenheit. Damit bleibt sie dauerhaft in Äußerlichkeiten stecken, hängt fest in vorletzten Dingen, wird nicht wesentlich.

Der Zeitgeist in den eigenen Reihen

Der Autor
Peter Kossen ist Pfarrer in Lengerich (Kreis Steinfurt), Mitglied des Priesterrat des Bistums Münster und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Bekannt wurde er durch seinen Einsatz für Arbeitsmigranten und gegen deren Ausbeutung etwa in der Fleischindustrie. Dafür wurde ihm 2020 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. | mn

Um dem Zeitgeist der selbstverliebten Autokratie, Homophobie und Frauenfeindlichkeit in den eigenen Reihen wirkungsvoll zu begegnen, braucht die Kirche den befreienden Aufbruch und den Sturm des Heiligen Geistes, der sie ins dritte Jahrtausend drängt. Wer jedoch die vatikanischen Anwürfe auf den Synodalen Weg in Deutschland vor und nach der Vollversammlung im September sieht - so den unsäglichen Nazi-Vergleich eines Kardinal Koch und dessen erbärmliches Verhalten in der Konfrontation - dem wird klar: Diese Kirche ist nicht reformierbar!

Bei einem Priesterkonveniat wurde kürzlich (ernsthaft) darüber diskutiert, ob bei einer Prozession, an der ein Kardinal teilnimmt, das vorweggetragene Kreuz mit dem Korpus nach vorne oder zum Kardinal gedreht wird. Dafür gibt es wohl Regeln in der katholischen Kirche. Das illustriert einen Teil unserer Probleme und die Unmöglichkeit einer echten Reform „im laufenden Betrieb“.

Auflösung und Krise, Katastrophe und Apokalypse

Es wird keine lineare Weiterentwicklung in eine reformierte katholische Kirche geben. „Apokalypse“ ist vielmehr das biblische Bild für den Prozess, in dem die Kirche sich entwickelt. Nur durch Auflösung und Krise kann diese Entwicklung geschehen. In der Katastrophe der Apokalypse liegt ein Moment des Scheiterns von Plänen und Handlungsansätzen, die in sich gut und notwendig sind, deren Realisierung jedoch verhindert wird. Das Neue (und Bessere) kann im Sinne der Apokalypse nur „er-scheitert“ werden. Jesus war Apokalyptiker. In seiner Nachfolge gewinnen Menschen Mut, mit aller Kraft in der und an der Welt zu arbeiten, weil sie eine neue Welt (und Kirche) heraufziehen sehen, die allerdings nur durch die katastrophale Auflösung dieser Welt (und Kirche) gewonnen werden können.

Christliche Existenz ist Leben und Arbeiten „als ob“. Christ*innen leben so, als ob das Reich Gottes bereits Wirklichkeit wäre und begründen es damit in dieser Welt. Das wird der Weg der Kirche in ihrer Erneuerung und echten Reform sein: Leben in der neuen Wirklichkeit bei gleichzeitigem Fortbestand (und Verfall) alter Strukturen und Handlungsmuster.

Keine faulen Kompromisse!

In den Fragen: Neubewertung von Homosexualität, Zulassung von Frauen zu allen Ämtern, Synodalität, Toleranz „anderer“ Lebensformen, Machtbegrenzung und Machtkontrolle auf allen Ebenen, Entklerikalisierung … kann und darf es keine faulen Kompromisse geben.

Ich beobachte: Mehr als ein Drittel aller Priester und Bischöfe sind schwul. Das muss nicht bewertet und eigentlich auch nicht explizit erwähnt werden. Die sexuelle Identität wird aber zur Tragödie, wo bei anderen stigmatisiert wird, was man bei sich selbst nicht zulassen darf. „Reförmchen“ und halbherzige Zugeständnisse betonen lediglich die Absurdität bestehender Regelungen. Der Ausschluss der Frauen aus Weiheämtern ist zu begründen, nicht die Zulassung. Die Evidenz und Plausibilität dieser schlichten Erkenntnis beschreibt den Anachronismus einer entgegengesetzten kirchlichen Praxis.

Wenn die Kirche vor die Wand gefahren ist

Mit diesem ideologisch (nicht theologisch!) fundierten und disziplinarisch verfestigten Anachronismus fährt die Kirche vor die Wand. Sie verwechselt Realitätsverweigerung mit Standhaftigkeit, Rechthaberei mit Treue, Verschlagenheit mit Macht. Männerdominierte Autokratien (gibt es die eigentlich auch weiblich dominiert und wenn nein, warum nicht?) investieren zwar weltweit gerade sehr viel darin, ihre vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren, ahnen jedoch offensichtlich, auf wie verlorenem Posten sie stehen und können darauf nur noch repressiv und ausgrenzend reagieren.

Wenn die Kirche vor die Wand gefahren ist (und da ist Rom mal nicht der Bremser), dann werden die dafür Verantwortlichen sich in ihre klerikalen Sonderwelten zurückziehen und den Laien den Trümmerhaufen überlassen. Schon jetzt und erst recht nach dem großen Knall werden Menschen gebraucht, die Kirche aus den Trümmern neu aufbauen: Eine Kirche, die integriert und nicht ausgrenzt, die für die Würde des Menschen und die Bewahrung der Schöpfung kämpft, die achtsam lebt und die Teilhabe aller an den Gütern dieser Erde einfordert, die Macht nur auf Zeit vergibt und die Art der Machtausübung ständig kontrolliert, die aufhört, Frauen aufgrund ihres Geschlechts auszuschließen von kirchlichen Ämtern.

Eine Päpstin aus Afrika!

Unmöglich? – Im 19. Jahrhundert hat die katholische Kirche mit der Autorität des päpstlichen Lehramtes noch Demokratie, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Pressefreiheit geradezu verteufelt. Heute tritt sie als Verteidigerin der Menschenrechte auf. Auch in der Kirche gilt: „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist!“ Machtvolle Ideen gegen Denkfaulheit und Enge. Ich bin überzeugt: Es ist hohe Zeit für eine Päpstin aus Afrika!

Kirche lebt aus der Erfahrung der Begegnung mit ihrem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Angetrieben wird sie von seiner Geistesgabe. Christ*innen stehen ein für eine Kirche, die sich die Hände schmutzig macht für eine bessere Welt. Prophetisch steht diese Kirche kompromisslos auf der Seite der Menschen ohne Lobby. Sie lässt sich nicht stillstellen durch Kirchensteuern, prostituiert sich nicht für gesellschaftliche Privilegien. – So jedenfalls ist der Anspruch, so ist das Ideal. In der Wirklichkeit erlebe ich seit Jahren, wie in meiner südoldenburgischen Heimat die Patrone der Fleischindustrie mit ihren Kirchensteuern und Spenden die katholische Kirche fest im Griff haben. Das ist umso verwerflicher, als gerade diese Fleischindustrie für moderne Sklaverei und die Ausbeutung von Menschen, Tieren und Natur verantwortlich ist. Eine Kirche, die dazu schweigt, verkauft ihr Einspruchsrecht, mithin ihre Seele.

Ich kann mir gerade kein Szenario vorstellen, auf dessen Hintergrund ich die Kirche verlassen würde. Kirche in Auflösung, Kirche in Trümmern wird in mir und in vielen anderen lebendige Steine finden für den Wiederaufbau.

Dieser Beitrag von Peter Kossen wurde zuerst auf www.futur2.org, der "Online-Zeitschrift für Strategie & Entwicklung in Gesellschaft und Kirche", veröffentlicht.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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