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St.-Hedwig-Kirche in Leeden weicht einem Altenheim

Letzte „Notkirche“ im nördlichen Münsterland soll abgerissen werden

Die Filialkirche St. Hedwig der Gemeinde Seliger Niels Stensen Lengerich soll abgerissen werden. Ein Investor hat das Grundstück angefragt, um ein Seniorenwohnheim darauf zu bauen. Die Reaktionen fallen geteilt aus.

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Die Filialkirche St. Hedwig der Gemeinde Seliger Niels Stensen Lengerich soll abgerissen werden. Ein Investor hat das Grundstück angefragt, um ein Seniorenwohnheim darauf zu bauen. Das teilte Pfarrer Peter Kossen gemeinsam mit Vertretern aus Kirchenvorstand und Pfarreirat der Gemeinde in Leeden, Tecklenburg, am Mittwochabend mit.

Trotz Tränen, Schmerz und auch Unverständnis über die Art und Weise der Kommunikation: Am Ende des Abends überwog die Zustimmung für das Projekt „Seniorenzentrum für Leeden“. 2021 soll die kleine Kirche noch ihr 60-jähriges Bestehen feiern, bevor sie dann profaniert wird und einem zweigeschössigen Neubau weicht. In Leeden gibt es bisher kein Seniorenzentrum. Betreiber ist die Sander Pflege GmbH aus Emsdetten, die bereits im Nachbarort Ledde eine Seniorenunterkunft errichtet hat und in Norddeutschland mit mehreren Einrichtungen vertreten ist. 

Investor: Ich kann nur mit Ihnen gemeinsam hier bauen

Bei der Gemeindeversammlung am Mittwochabend in St. Hedwig blieb es verhältnismäßig ruhig. Investor Gunnar Sander als Geschäftsführer der Sander Pflege GmbH, sowie der mit der Bauplanung beauftragte Architekt Ingo Meyer waren gekommen, um der Gemeinde ihr Anliegen näherzubringen. Zukünftige Gottesdienste könnten, soweit die Zusage des Investors, in einer kleinen Kapelle im Haus, mit eigenem Seiteneingang, gefeiert werden. Daran angeschlossen ist ein etwa 70 Quadratmeter großer Mehrzweckraum. „Ich kann nur mit Ihnen gemeinsam hier bauen“, betonte Sander, der selbst katholisch ist. Würde es Protestaktionen geben, würde er von seinem Vorhaben absehen.

Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. „Die Kirche hat keine Not zu verkaufen“, hatte Pfarrer Peter Kossen in Vorgesprächen betont. Am Montag und Dienstag war es dennoch beschlossene Sache in den Gremien in Lengerich. Dieser Kommunikationsweg wurde von einigen Gemeindemitgliedern kritisch gesehen: „Die Überrumpelung muss erstmal sacken“, hieß es. 

„Das tut weh“ – „Das war abzusehen“ – „Ich finde es gut“

Gemeindeversammlung
(von links) Gunnar Sander, Geschäftsführer der Sander Pflege GmbH, Ingo Meyer, Architekt, und der leitende Pfarrer Peter Kossen teilten bei einer Gemeindeversammlung die Pläne für ein zukünftiges Seniorenzentrum statt der Holzkirche mit. | Foto: mth

Gebaut wurde die Holzkirche in den 50ern als „Notkirche“ für die Vertriebenen und Geflüchteten aus Schlesien. Die Familien Finke und Reiffenschneider waren erheblich am Aufbau der Gemeinde beteiligt: „Ich finde es gut, was Sie hier anstoßen wollen“, sagte Michel Reiffenschneider, Enkel des Erbauers. „Ich werde für unsere Kirchengemeinde ein Augenmerk auf die Entwicklungen haben“, so der Gartenbauunternehmer, der für die CDU im Stadtrat Tecklenburg sitzt. 

„Vor zwölf Jahren hat es schon einmal seitens der Gemeindeleitung geheißen, ‚jetzt ist Schluss in Leeden!‘“ berichtet Gertrud Barlag, langjährige Sprecherin der kleinen Diasporagemeinde. Von 2.900 Einwohnern sind etwa 600 katholisch. „Viele finden es beruhigend, dass sie die Gemeinde in neuen Räumlichkeiten weiter gestalten können, und dass etwas Neues, Soziales, Gutes für unser Dorf entstehen kann“, sagte Getrud Barlag auf Anfrage von „Kirche-und-leben.de“. Die Kirche hatte besonders in den letzten drei Jahren bauliche Mängel am Dach aufgewiesen. Es gebe einige in der Gemeinde, die über den möglichen Abriss sagten „das tut weh“, aber auch andere, die sagten „das war abzusehen.“ 

Holzkirche mit „Wohnzimmercharakter“ besonders bei Familien beliebt

Einer, dem es weh tut, ist Björn Igelbrink. „Ich bin hier als Kind aufgewachsen, meine beiden Kinder sind hier getauft und in den letzten Jahren zur Erstkommunion gegangen“, berichtet der Lehrer. Was fehlen werde, sei eine katholische Öffentlichkeit im Dorf, ein Raum, der auch für seine Gastlichkeit bekannt ist: „Wir haben hier in den 90ern Karnevalsparties gefeiert.“ Mit Kulissenstellwänden aus der Grundschule sei der Altarraum verhängt worden und die Messdiener haben feiern können.

Die Kirche ist auch besonders bei jungen Familien beliebt, wegen des Teppichbodens, der der Holzkirche mit ihren etwa 200 Plätzen einen „Wohnzimmercharakter“ verleiht. Das betonte auch Daniel Narberhaus, Vorsitzender im Pfarreirat Seliger Niels Stensen: „Wenn wir diese Kirche abreißen, ist das ein Verlust. Auch ich werde dieser Kirche nachtrauern. Einfach, weil sie so gemütlich ist.“ 

Evangelische Pfarrerin: Wir breiten herzlich unsere Arme aus

Das jährliche Krippenspiel-Musical mit rund 40 Beteiligten war bisher ein fester Termin im Kalender vieler Leedener Familien. Die kleine Gemeinde hat vor allem das ökumenische Sternsingerprojekt mit jährlich 60 Kindern organisiert, und mit der Band „ConTakt“ einen musikalischen Schwerpunkt, sowie eine aktive KFD-Gruppe.

Eine gute Ökumene ist bereits zu verschiedenen Festakten im Dorf Usus. Pfarrerin Ulrike Wortmann-Rotthoff vom evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg sagte in einer emotionalen Ansprache: „Wir breiten herzlich unsere Arme aus und heißen euch geschwisterlich willkommen.“  Im Nachbarort Ledde teilt man sich bereits die evangelische Kirche.

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