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Einrichtungen und Gremien sollen offensiv auf Opfer und Zeugen zugehen

Missbrauch: Caritas im Bistum Münster bittet Betroffene um Meldung

  • Der Diözesan-Caritasverband Münster und der Landes-Caritasverband für Oldenburg wollen die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs intensivieren.
  • Sie würden offensiv auf mögliche Opfer und Zeugen zugehen und neue Möglichkeiten für Meldungen schaffen, hieß es.
  • Die Verbände räumen gegenüber „Kirche-und-Leben.de“ ein, bei Meldemöglichkeiten gebe es großen Nachholbedarf.
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Die Caritas im Bistum Münster wird die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in ihren Einrichtungen intensivieren. Die Vorstände des Diözesanverbands und des Landesverbands für Oldenburg haben die Leitungen ihrer Einrichtungen und ihre Gremien darauf hingewiesen, offensiv auf mögliche Opfer und Zeugen zuzugehen und sie zu ermutigen, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Neue Möglichkeiten auch für anonyme Meldungen sollen geschaffen werden.

„Wir wollen jetzt proaktiv auf Betroffene zugehen und ihnen Gehör verschaffen“, sagt Diözesan-Caritasdirektor Dominique Hopfenzitz im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. „Denn Aufarbeitung kann nur von ihren Meldungen angestoßen werden.“

"Es hat Missbrauch auch bei uns gegeben"

Das gelte für jede Form von Gewalt und Missbrauch. „Uns ist bewusst, dass es diese auch in unseren Einrichtungen gegeben hat und gibt – sie ist ohne die Informationen von Betroffenen und Zeugen aber weder quantifizier- noch qualifizierbar.“

Die Aktenlage gebe in der Regel kaum Aufschluss. Trotzdem habe man die Einrichtungen darauf hingewiesen, keine Personalpapiere aus den Archiven zu vernichten.

"Neue Sensibilisierung notwendig"

Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz sieht Nachholbedarf beim Meldewesen für Betroffene sexuellen Missbrauchs. | Foto: Michael Bönte
Diözesan-Caritasdirektor Dominique Hopfenzitz. | Foto: Michael Bönte

Die Verantwortlichen in allen Bereichen der Caritas sollen noch einmal für das Thema sensibilisiert werden. Es sollen Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme im Internet geschaffen werden.

Zudem wird beispielsweise ein Musterschreiben für ehemalige Mitarbeitende an alle Träger gehen, das über mögliche, auch anonyme Meldewege informiert. Die Präventionsfachkräfte, die es in jeder Einrichtung bereits gibt, könnten künftig auch als Lotsen dienen, über die Kontakt aufgenommen werden kann, um Fälle zu melden. Auch die Zusammenarbeit mit unabhängigen Stellen zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs soll dabei intensiviert werden.

„Wir sind Anwalt der Menschen in Not. Aus dieser DNA heraus wollen wir den Betroffenen Gehör verschaffen“, sagt Hopfenzitz. Er gehe davon aus, dass alle Einrichtungen diese Einschätzung teilen und die offensive Herangehensweise umsetzen. „Wenn nicht, werden wir intervenieren.“ Auf die Einrichtungen, die in der Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker im Bistum Münster namentlich genannt wurden, werde man bereits jetzt direkt zugehen.

Bisheriges Engagement "war nicht ausreichend"

Landes-Caritasdirektor Gerhard Tepe will die Kommunikation zu Betroffenen verstärken. | Foto: Michael Bönte
Landes-Caritasdirektor Gerhard Tepe. | Foto: Michael Bönte

Das bisherige Engagement der mehr als 400 Träger von Caritas-Einrichtungen im Bistum wie Altenpflegeheime, Jugendhilfe- oder Behinderteneinrichtungen, um Betroffenen und anderen Zeitzeugen die Meldung zu ermöglichen, sei bislang nicht ausreichend gewesen, räumt Hopfenzitz ein. „Viele haben wohl gemeint, dass sie durch ihren erheblichen Einsatz in der Präventionsarbeit und der Aufklärung bei Anfragen im Einzelfall angemessen handeln, und dabei wohl die breite Aufarbeitung aus dem Blick verloren.“ Nach der Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 „hätten wir gemeinsam mit den Einrichtungen viel mehr in diesem Bereich tun müssen“.

Umso wichtiger sei das Signal an alle, dass die caritativen Einrichtungen im Bistum Münster die Aufarbeitung jetzt neu gewichten. „Wir rollen etwas Ordentliches aus, dessen Umsetzung wir in den Einrichtungen regelmäßig überprüfen werden.“

Dem neuen Vorstand des Diözesan-Caritasverbands, seit Anfang August im Amt, sei das von Beginn an ein zentrales Anliegen gewesen, sagt Hopfenzitz. „Schon in der ersten Dienstwoche haben wir Kontakt mit dem Interventionsbeauftragten des Bistums, Peter Frings, aufgenommen und waren uns über das Vorgehen schnell einig.“ Ziel sei, die Anerkennung des Leids der Betroffenen, die Auseinandersetzung mit der Geschichte der caritativen Einrichtungen sowie die Ursachen von Gewalt zu erkennen, um sie künftig zu verhindern.

Not möglicher Opfer "war nicht präsent"

Auch der Direktor des Landes-Caritasverbands für Oldenburg, Gerhard Tepe, räumt im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ ein, seitens der Caritas sei trotz der intensiven präventiven Arbeit die Aufarbeitung vernachlässigt worden. „Dieses Thema, diese Not möglicher Opfer war uns als Caritas in Deutschland und damit auch im Oldenburger Land nicht so präsent, dass sie uns hätte handeln lassen.“ Das solle jetzt nachgeholt werden.

„Die Not, sollte es sie gegeben haben oder geben, soll gelindert werden, indem sie ans Tageslicht kommt“, sagt Tepe. Bislang habe er nur von wenigen Fällen erfahren. Die Einrichtungen seien ihnen sofort und in „aller möglichen Tiefe“ nachgegangen.

Die Maßnahmen zur direkten Ansprache von Betroffenen sind vergleichbar mit denen des Diözesanverbands: „Jeder Einrichtungsleiter, jede Einrichtungsleiterin wird mit der deutlichen Bitte angeschrieben, dieses Thema über alle möglichen Kanäle an Bewohner, Eltern oder Angehörige zu kommunizieren.“

Kontakt für Betroffene
Wer sexualisierte und andere Gewalt in Caritas-Einrichtungen erfahren hat, kann sich beim Diözesan-Caritasverband melden oder bei Stefan Kliesch vom Landes-Caritasverband für Oldenburg, Tel. 0152/27 96 72 03, E-Mail kliesch(at)lcv-oldenburg.de.

Darüber hinaus gibt es Ansprechpartner beim Bistum Münster:
Hildegard Frieling-Heipel, Tel. 0173/16 43 969
Margret Nemann, Tel. 0152/57 63 85 41
Bardo Schaffner, Tel. 0151/43 81 66 95
Interventionsbeauftragter Peter Frings, Tel. 0251/495-6031

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