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Frömmigkeit auf neuen Wegen (6) - Projekt „lebens.raum.liturgie“ im Gymnasium St. Mauritz bei Münster

Neuer Glaubens-Zugang für Schüler: Virtuelle Reise an den See Genezareth

Wie Schüler in Münster per VR-Brille den Glauben entdecken
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Die Kirche gehörte früher selbstverständlich dazu – von den Festen im Jahreslauf bis hin zu prägenden Ereignissen im individuellen Leben. Heute sind die kirchlichen Bezüge lockerer geworden – was jedoch nicht bedeuten muss, dass die Menschen weniger gläubig sind. Wie virtuelle Realität Jugendliche Zugang zum Glauben ermöglichen kann, zeigt ein Projekt im Gymnasium St. Mauritz in Münster.

Mal ehrlich: Der Raum sieht nicht gerade einladend aus. Die alte Turnhalle in einem Nebengebäude des Gymnasiums St. Mauritz bei Münster ist nur notdürftig nutzbar gemacht worden. Sperrholzboden, das Mauerwerk lugt an einigen Stellen durch den Putz. Werkstattatmosphäre – aber genau das passt zum Zweck: Die Schüler können hier kreativ werden, ihren eigenen Weg entwickeln. Das Ziel ist ein Zugang zum Glauben, den sie aus ihrem alltäglichen Leben heraus finden.

„lebens.raum.liturgie“ heißt das Projekt, das von der Schulseelsorge entwickelt wurde. Ein wenig aus der Not, denn die Schulkapelle wird derzeit renoviert. Geschaffen wurde dabei ein Ort, der ganz anders auf die Glaubensfragen der Jugendlichen eingehen will als der bisherige Raum. „Er schafft Anschlussmöglichkeiten auf unterschiedliche Art und Weise“, sagt Schulseelsorger Hendrik Drüing. „Hier kann mehr ausprobiert und erprobt werden – die Gestaltung religiöser Inhalte ist freier.“

Der Standpunkt der Schüler zählt

Und der Ort soll von den Jugendlichen mitgestaltet werden. „Sie suchen Mittel und Ausdrucksformen, die aus ihrem Alltag kommen“, sagt Drüing. Die ersten Ergebnisse hängen und stehen bereits an den Wänden: Kartons mit Bildern und Zettel mit Texten. Die Schüler haben darauf Antworten auf religiöse Fragen gestaltet.

Drüing hat die Erfahrung gemacht, dass viele von ihnen kaum noch einen Zugang zur Liturgie, zu katholischen Festen oder Bibeltexten haben. „Wir können nicht mehr voraussetzen, dass alle das verstehen, was im Schulgottesdienst passiert.“ Die Annäherung kann nicht mehr über bisherige Selbstverständlichkeiten geschehen, sondern muss vom Standpunkt der Jugendlichen aus starten.

Virtuell zu Glaubensfragen

Ein Angebot ist zentral: die Arbeit mit den VR-Brillen. Jene Geräte, über die die Schüler eine virtuelle Realität wahrnehmen können. Die Brillen können andere Kulissen zaubern, Begegnungen mit imaginären Personen ermöglichen und die Reise zu jedem Ort der Welt suggerieren. Über zusätzliche Handgeräte besteht dabei die Chance, selbst aktiv zu werden, Dinge anzustoßen oder Türen zu öffnen.

„Wir holen sie zum Beispiel an das Ufer des See Genezareths und sie hören die Seligpreisungen“, sagt Drüing. Allein das schafft schon eine ganz andere Wahrnehmung als eine Lesung im Gottesdienst. Für die Schüler wird es dann noch lebendiger, wenn sie ihre virtuelle Reise fortsetzen. „Danach gehen wir in eine Favela, ein Gefängnis oder in eine arme Region Afrikas – wenn dort die Worte der Seligpreisung wieder zu hören sind, bekommt die Botschaft des Evangeliums eine ganz neue Relevanz für sie.“

Kirche und Werkraum

„Das hier kann alles sein“, sagt Manuel Schmitz-Herscheid. Er hat mit einem Kurs der Oberstufe bereits Projekttage in dem neuen Raum gestaltet. „Wenn wir hier Gottesdienst feiern ist es wie in einer Kirche, wenn wir mit den VR-Brillen arbeiten ist es wie eine Erlebniswelt.“ Vielseitig und kreativ sei es, sagt Stella Honermann: „Hier kannst du Dinge ausprobieren, die sonst in der Schule nicht möglich sind.“

Das Projekt wurde durch ein Engagement unterschiedlicher Kräfte ermöglicht. Die Vorsehungsschwestern aus dem benachbarten Haus Emmaus stellen den Raum zur Verfügung, der seit einem Hochwasser im Jahr 2014 leer stand. Zusammen mit der Schulabteilung des Bistums Münster und mit Unterstützung aus der Pfarrgemeinde St. Petronilla in Münster-Handorf wurde die Idee im Advent 2020 konkret, als eine Krippen-Installation das Projekt eröffnete. Geld kam unter anderem aus dem Innovationsfond des Bistums und von der Porticus-Stiftung, die soziales Engagement unterstützt.

Ein Raum, der eigenständig gefüllt werden kann

Es bleibt ein dynamisches Angebot, sagt Drüing. „Bei dem wir die Schüler animieren wollen, den Raum eigenständig zu nutzen und zu gestalten.“ Der Seelsorger nennt die Idee „Maker-Space“: „Wir geben Kontrolle ab, schaffen Ressourcen und bieten Begleitung – damit können sie dann frei agieren.“ Eine Eigenständigkeit, die den Jugendlichen dazu bringen soll, noch einmal anders darüber nachzudenken, welchen Glaubens- und Sinnfragen sie in ihrem Alltag begegnen und beantworten wollen.

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