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Sogar mehr als nach Finanz- und Missbrauchsskandal

Deutschlandweit so viele Kirchenaustritte wie noch nie

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche in Deutschland ist 2019 sprunghaft angestiegen. Damit verließen mehr Menschen die Kirche als nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals und nach dem Limburger Finanzskandal.

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche in Deutschland ist zum zweiten Mal in Folge sprunghaft gestiegen. 272.771 Katholiken, so viele wie nie zuvor, haben 2019 ihre Kirche verlassen. Dies teilte die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag in Bonn mit. 2018 waren 216.078 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Das war damals eine Steigerung um 29 Prozent, diesmal lag die Steigerung bei gut 26 Prozent.

Insgesamt gehörten 2019 noch 22,6 Millionen Menschen der katholischen Kirche in Deutschland an. Damit machen Katholiken 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. 2018 waren es noch 23 Millionen oder 27,7 Prozent. Der Rückgang hat auch demografische Gründe: Die Zahl der kirchlichen Bestattungen lag mit 233.937 deutlich über der Zahl der Taufen mit 159.043. Auch ging die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen zurück: So lag die Zahl der Eintritte bei 2.330 (2018: 2.442), die Zahl der Wiederaufnahmen bei 5.339 (2018: 6.303).

Bistum Münster hat mit die niedrigste Ausstiegsquote

Spitzenreiter bei den prozentualen Austrittszahlen war das Erzbistum Berlin, wo 2,5 Prozent der Katholiken ihre Kirche verließen. Die prozentual geringste Zahl an Austritten verzeichnete das kleine Ost-Bistum Görlitz (minus 0,8 Prozent). Im Westen meldeten Paderborn und Münster, in Bayern Regensburg und Passau mit jeweils 0,9 Prozent die niedrigsten Austrittsquoten

Ob der Missbrauchsskandal eine zentrale Ursache der neuen Austrittswelle ist, bleibt ungewiss. Die Austrittszahlen in der evangelischen Kirche, die in der Öffentlichkeit weniger mit Missbrauch in Verbindung gebracht wird, bewegen sich auf gleich hohem Niveau und liegen bei rund 270.000.

Bätzing besorgt: Es gibt nichts schönzureden

Im September 2018 hatten die katholischen Bischöfe eine Studie veröffentlicht, die das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland in den Akten der Jahre 1946 bis 2014 untersuchte. Darin fanden sich Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe durch Priester, Diakone und Ordensleute.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zeigte sich besorgt über die Entwicklung: „An den heute vorgelegten statistischen Zahlen 2019 gibt es nichts schönzureden“, erklärte er: „Die Kirchenaustrittszahl zeigt, dass die Entfremdung zwischen Kirchenmitgliedern und einem Glaubensleben in der kirchlichen Gemeinschaft noch stärker geworden ist.“

DBK-Vorsitzender: Spricht Kirche noch die richtige Sprache?

Auch die rückläufigen Werte beim Empfang der Sakramente zeigten eine „Erosion persönlicher Kirchenbindung“. Offenbar lasse sich eine Vielzahl von Menschen nicht mehr für das kirchliche Leben motivieren. Die Kirche müsse sich fragen, ob sie noch die richtige Sprache spreche, um heutige Menschen zu erreichen. Auch müsse sie nach einem erheblichen Verlust von Glaubwürdigkeit durch Transparenz und Ehrlichkeit Vertrauen zurückgewinnen.

„Es geht hier nicht darum, einem Zeitgeist hinterherzulaufen, sondern um die ehrliche Frage, ob wir die 'Zeichen der Zeit', wie es das Zweite Vatikanische Konzil sagt, erkennen und im Licht des Evangeliums deuten“, sagte der Limburger Bischof. Er unterstrich, dass die aktuellen Zahlen in die Diskussionen des Reformprozesses des Synodalen Wegs eingebracht würden.

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