45 Prozent mehr Austritte als im Jahr zuvor – Missbrauch wohl Hauptgrund

Kirchenaustritts-Rekord 2019 im Bistum Münster

Noch nie haben so viele Katholiken die Kirche im Bistum Münster verlassen wie 2019 – nämlich 16.654. Das sind 5.212 Menschen mehr als 2018, die Zahl stieg um mehr als 45 Prozent.

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Noch nie haben so viele Katholiken die Kirche im Bistum Münster verlassen wie 2019 – nämlich 16.654. Das sind 5.212 Menschen mehr als 2018, als 11.442 Kirchenaustritte verzeichnet wurden, teilte die Bischöfliche Pressestelle mit. Die Zahl stieg um mehr als 45 Prozent.

Schon 2018, als der bisherige Höchststand von 11.859 knapp unterschritten wurde, hatte die Zahl der Austritte um 30 Prozent im Vergleich zu 2017 zugelegt. Im zweiten Jahr in Folge hat sich die Austrittsbewegung erheblich beschleunigt.

 

Diskussionen über Missbrauch im Bistum

 

Bischof Felix Genn vermutet nach Angaben seiner Pressestelle den Umgang der Kirche mit Fällen von sexuellem Missbrauch als wesentlichen Austrittsgrund. Im September 2018 hatte die Deutsche Bischofskonferenz Ergebnisse einer bundesweiten Studie zu sexueller Gewalt durch Priester, Diakone und Ordensleute seit 1946 vorgelegt. Als Folge waren 2019 mehrere ältere Missbrauchsfälle im Bistum Münster bekannt geworden.

Bei öffentlichen Diskussionen zum Beispiel in Moers, Recklinghausen, Wadersloh und Westerkappeln, hatten Vertreter der heutigen Bistumsleitung ihren Amtsvorgängern Vertuschung und verantwortungsloses Handeln vorgeworfen. Genannt wurden etwa die verstorbenen Bischöfe Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann. Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen räumte im November 2019 im Interview mit „Kirche+Leben“ selbst schwere Fehler in seiner Zeit als Generalvikar und Personalverantwortlicher im Bistum Münster ein.

 

Bischof Genn: Kirche scheint nicht mehr relevant

 

Bischof Genn nennt als mögliche Austrittsgründe ausdrücklich den Umgang kirchlicher Verantwortungsträger mit dem Missbrauch und „mit den verletzten Personen“. Außerdem wirke die Kirche in Deutschland angesichts der Diskussionen um interne Reformen „sehr zerrissen“.

Zudem stellt der Bischof die Relevanzfrage. Für viele Menschen spielten die Gemeinschaft der Kirche und ihre Botschaft „einfach keine Rolle mehr“; für ein gelingendes Leben erscheine ihnen Kirche als „verzichtbar und nicht mehr relevant“.

Um den Trend der vergangenen Jahre aufzuhalten, möchte Genn „mutig und entschlossen“ alles angehen und „ändern, was wir ändern können“. Es gehe darum, „die Botschaft klarer hervortreten zu lassen“. Der Bischof umschreibt diese so, dass die Katholiken „mitten in dieser Welt“ stehen und gern für die Menschen da seien, gerade für jene, die „die es in unserer Gesellschaft schwer haben“.

Kirchenaustritte 2019 nach Regionen
Kreisdekanat Borken: 2.071 (0,84 % der Katholiken)
Kreisdekanat Coesfeld: 1.568 (0,90 %)
Kreisdekanat Kleve: 1.348 (0,72 %)
Stadtdekanat Münster: 2.035 (1,42 %)
Offizialatsbezirk Oldenburg: 2.089 (0,80 %)
Kreisdekanat Recklinghausen: 1.748 (0,87 %)
Kreisdekanat Steinfurt: 2.257 (0,95 %)
Kreisdekanat Warendorf: 1.638 (0,86 %)
Kreisdekanat Wesel: 1.864 (0,90 %) | Berechnungen: ms

 

Zahl der Messbesucher kaum verändert

 

Rückgänge gab es 2019 auch bei den Taufen im Bistum (14.060, minus 505), den Erstkommunionen (14.094, minus 619), den Firmungen (11.748, minus 441), den Trauungen (3.280, minus 402) und den kirchlichen Bestattungen (19.354, minus 1.163).

Konstant bei 8,1 Prozent blieb 2019 die Zahl der Gottesdienstbesucher. 147.268 Katholiken besuchten Sonntagsmessen im Bistum Münster, 2.463 weniger als 2018. Messbesucher werden an zwei Wochenenden gezählt, die Stichprobe ist umstritten, gleichwohl sinkt die Zahl seit Jahren. Allerdings fiel der Rückgang in absoluten Zahlen weniger stark aus als im Vorjahr: 2018 hatte es 17.161 Messbesucher weniger gegeben als noch 2017.

Ende 2019 lebten 1,824 Millionen Katholiken im Bistum Münster, rund 28.700 weniger als ein Jahr zuvor. Münster bleibt hinter Köln das zweitgrößte deutsche Bistum.

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