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Themenwoche „Büchereien“ (1): Eine Bücherei auf dem Land

Lesen und klönen – die Pfarrbücherei als kultureller Mittelpunkt im Dorf

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Zwei Jahre Pandemie, zwei Jahre noch mehr Zeit zum Lesen. Doch irgendwann hat man das eigene Bücherregal „durch“. Nicht nur dann lohnt sich ein Weg in die nächste Katholische Öffentliche Bücherei. Gerade auf den Dörfern ist sie auch ein beliebter Treffpunkt. Zu Beginn unserer Bücherei-Themenwoche waren wir in Vorhelm zu Besuch.

Noch ist es ruhig an diesem Sonntagvormittag an der Enniger Straße 12. Doch sobald das Hochamt in der benachbarten St.-Pankratius-Kirche in Ahlen-Vorhelm zu Ende ist,  füllt sich die Katholische Öffentliche Bücherei im Pfarrheim. Immer wieder sonntags von 10.15 bis 11.30 Uhr stöbern junge und alte Vorhelmer in den auf 54 Quadratmeter untergebrachten 2.700 Medien vom Buch bis zur DVD.

Die Pfarrbücherei ist der kulturelle Mittelpunkt des Ortsteils von Ahlen. Sie gehört seit 1904 zu Vorhelm wie der bekannte Priesterdichter Augustin Wibbelt, dessen Werke und weitere plattdeutsche Literatur einen Ehrenplatz in dem Raum haben. „Boeker von uesen Augustin“: An Gedichten wie „Dat Pöggsken“ oder „De aolle Pastor“ führt kein Weg vorbei in der kleinen Bibliothek im Wibbeltdorf.

Schon der dritte Standort

Die Entstehung der katholischen Bibliotheken - in Vorhelm wie anderswo - geht auf den Borromäusverein zurück, den Dachverband der Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖB). Gegründet 1845 als „Verein vom Heiligen Karl Borromäus zur Förderung des katholischen Lebens und zur Begünstigung guter Schriften und Bücher”, zählen 15 deutsche Bistümer zu seinen Mitgliedern.

In Vorhelm hatte die Bücherei seinerzeit mit einfachen Mitteln, Kalendern, Zeitschriften und wenigen Büchern in einer kleinen Kammer der Alten Vikarie die Arbeit aufgenommen. Dreimal hat sie im Lauf der Jahrzehnte ihren Standort gewechselt.

Büchereileiter seit 1980 - im November übernimmt eine Nachfolgerin

Einer, der eng mit der Geschichte der Pfarrbücherei verbunden ist, ist Heinz Piecha (79). Seit 1957 engagiert er sich ehrenamtlich für die Einrichtung, die er schon seit 1980 leitet, unterstützt von einem Team bestehend aus sechs Erwachsenen und sechs Jugendlichen.

An diesem Sonntag schieben Hannah (11) und Fabian (15) Stratmann Dienst hinter dem Tresen, nehmen entliehene Bücher entgegen und tragen alles fein säuberlich in Karteikarten ein. Ihre Mutter, Irmgard Stratmann, ist die rechte Hand von Heinz Piecha. Er will am diesjährigen Buchsonntag, dem 8. November, die Leitung nach 42 Jahren an die kaufmännische Angestellte abgeben.

Viele Ausleihen in der Pandemie

Krisenzeiten sind gute Zeiten für Bücher. Das hat sich in der Corona-Pandemie gezeigt. Die Nachfrage nach guter Lektüre ist auch in der Vorhelmer Pfarrbücherei weiterhin hoch. Die Ausleihzahlen belaufen sich laut Heinz Piecha auf 2.200 für das vergangene Jahr. „Das ist zufriedenstellend“, sagt Irmgard Stratmann. Mit finanzieller Unterstützung der Diözese Münster und der Stadt Ahlen werden jährliche neue Medien angeschafft, auch auf Vorschlag von Leserinnen und Lesern.

Monika und Willi Beste decken sich an diesem Sonntag mit fünf neuen Büchern für die kommenden Wochen ein. Sie bevorzugen Sachbücher, Biografien und historische Abhandlungen. Diesmal leihen sie sich auch ein Buch von Meteorologe Sven Plöger zum Thema Klimawandel aus. Rita Cronage sucht unterdessen nach neuen Krimis von Nord- und Ostsee. „Ich komme fast jeden Sonntag“, sagt sie. „Ich habe viel Zeit zum Lesen, seitdem mein Mann vor drei Jahren gestorben ist.“

Anlaufpunkt für Gespräche

Angelika Diethe, Margarethe Recker und Marianne Hübner haben sich in eine Ecke des Raums zurückgezogen, um Neuigkeiten aus dem Dorf auszutauschen. „Die Bücherei ist während der Pandemie auch Anlaufpunkt für Gespräche geworden. Die Besucher haben sich immer viel zu erzählen“, weiß Irmgard Stratmann. „Hier geht es ländlich, sittlich und lebendig zu, wie sich das gehört“, ergänzt Heinz Piecha.

„Wenn wir lesen, tauchen wir ein in neue Welten. Bücher beflügeln unsere Fantasie und unterhalten uns.“ Lesen ist deshalb nicht nur für Angelika Diethe eine der schönsten Nebensachen der Welt. Sie und andere Leserinnen und Leser sind dankbar für die Pfarrbücherei und wollen in zwei Jahren ihr 120-jähriges Bestehen feiern – ganz im Sinn des römischen Philosophen Cicero: „Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele.“

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