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Kommentar von Chefredakteur Markus Nolte zum Kölner Gutachten und dem Nein aus Rom

Nicht meine Kirche: Zahlen statt Verantwortung, Regeln statt Liebe

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Was ist mit dieser Kirche los? Am Montag nennt der Vatikan homoxuell liebende Paare Sünder und verweigert ihnen den Segen. Am Donnerstag zählen in Köln aufgelistete Pflichtverletzungen mehr als die Frage nach moralischer Verantwortung. Viele erkennen ihre Kirche nicht wieder. Chefredakteur Markus Nolte ist einer von ihnen.

„Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, bis zu siebenmal?“, fragt Petrus naiv Jesus im Evangelium. Jesus entlarvt die banale Zahlenjonglage, indem er den künftigen ersten Papst süffisant kontert: „Nicht siebenmal, sondern bis zu siebzig mal siebenmal.“

Anders gesagt: Zahlen sind keine Dimension des Evangeliums. Solche Rechenschiebereien aus Angst und Enge widersprechen der Weite, die Gott zumutet und zutraut: Es gibt keine Voraussetzung für Liebe. Aber Liebe ist alles. 

 

Regeln regeln Segen?

 

Rom präsentiert die Kirche indes so, als zählten Zahlen, Regeln und Paragrafen alles. Im mächtigen Vatikan weiß man mit Vollmacht, nicht die Vollmacht zu haben, an der Regel des Allmächtigen etwas zu ändern, wonach homosexuelle Paare trotz Liebe und Treue nicht nur in Sünde leben, sondern auch nicht Gottes Segens würdig seien. Regeln regeln Segen? Merkwürdige Theologie.

In Köln dann zählt ein Gutachten heute akribisch auf, dass Bischof X fünfmal, Generalvikar Y achtmal, Personalchef Z elfmal Pflichten verletzt hat. Je höher die Zahl, desto größer zu Recht die Notwendigkeit, den Pos­ten zu räumen. In der Logik heißt das dann aber auch: Je niedriger, des­to unschuldiger. Dreimalmal null ist null: In Köln eine tief verwurzelte Weisheit.

 

Das oberste Gesetz in der Kirche

 

Völlig richtig ist: Die Erkenntnisse dienen der Aufklärung. Merkwürdigerweise aber geht es hier nur um Zahlen. Sprich: Erst wer genug gezählte Missetaten auf dem Kerbholz hat, muss ums Amt fürchten. Die moralische Frage von Verantwortung wegen Wissens um Missbrauch und Vertuschung, definitiv eine sehr klare Dimension des Evangeliums, zählt nicht in dieser klassischen Juristen-Rechnung.

In beiden Beispielen präsentiert sich eine Kirchenleitung, der Zahlen und Regeln wichtiger scheinen als Verantwortung, und der Lehre und Prinzipien mehr zählen als Liebe. 
So bedeutsam rechtliche Grundlagen auch sind, Kanon 1752, der letzte des kirchlichen Kodex betont klar: Das obers­te Gesetz muss in der Kirche immer das Heil der Seelen sein. Davon ist allemal in diesen Tagen nichts zu spüren.

 

Nicht zu messender Schaden

 

Ein Teil des dadurch angerichteten Schadens lässt sich in explodierenden Austrittszahlen messen. Nicht messen lassen sich hingegen die tiefen Verletzungen bei Missbrauchs-Betroffenen; bei katholischen, homo- oder heterosexuellen Paaren. Und bei denen, die bleiben, obwohl sie kaum noch wissen, warum. Eine solche Kirche ist nicht meine Kirche. Aber genau darum bleibe ich.

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