Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (1): Ein Wort vor den Worten

Wegen der Corona-Krise sind öffentliche Gottesdienste untersagt. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. „Das Beten auf der Bettkante geht immer“, meint der Pfarrer, „es ist spirituell auch viel grundlegender als das Beten in der Kirchenbank. Denn wer das persönliche Gebet nicht mehr pflegt, für den wird Gott zu einem Niemand.“ Die Impulse bauen aufeinander auf. „Gottesdienste per Online-Streaming gibt es nun schon reichlich“, sagt Pfarrer Jürgens, „und das ist eine gute Sache. Doch das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen.“ Viele hätten jetzt Zeit dafür: ab sofort jeden Morgen ab 7.30 Uhr an dieser Stelle.

Diese „Kleine Gebetsschule“ ist durch die Anfragen vieler Menschen entstanden, die nicht oder nicht mehr beten konnten, mit denen ich nach Wegen zum Gebet suchen durfte. Und sie ist entstanden durch mein eigenes Suchen und Fragen. Denn mit dem Beten hatte ich immer schon große Schwierigkeiten. Ich wollte Christ sein mit Bewusstsein und Konsequenz, doch ich hatte mit zwei Problemen zu kämpfen: Ich konnte nicht reden und ich konnte nicht beten. Natürlich, ich habe es immer wieder versucht. Aber es wollte nicht gelingen. Auch dann nicht, als ich mir die Frage zu stellen begann, ob ich vielleicht Priester werden wollte. Reden und Beten wollten einfach nicht gelingen.

Als stiller, zurückhaltender Mensch habe ich mich mit dem Reden schwer getan. Ich bin erst damit angefangen, als ich als junger Diakon zu predigen hatte. Ich habe es geübt – und es ging! Als Kirchenmusiker war die Musik lange Zeit mein einziges Gebet, Singen und Spielen war leichter als Beten, ich war viel lieber „Spielmann Gottes“ als Vorbeter, liebte die relative Abgeschiedenheit der Orgelbank mehr als die Kirchenbank und den Gebetsschemel. Immer wieder habe ich deshalb Bücher über das Gebet gelesen, habe fertige Gebete ausprobiert und eigene geschrieben; ich habe versucht, mich an die „pflichtgemäßen“ Gebete zu klammern, um die man eben nicht herum kommt, wenn man einen geistlichen Beruf anstrebt. Glaubwürdige Christen waren meine Vorbilder und Vorbeter.

Dein Glaube braucht ein Dach überm Kopf

Stefan JürgensPfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Und doch – es wollte nicht gelingen! Bis ich irgendwann zu mir gesagt habe: Dein Glaube braucht ein Dach überm Kopf. Du darfst nicht so sehr auf Innerlichkeit setzen – bete von außen nach innen. Methoden reinigen das Herz – tu immer wieder dasselbe, halte durch, mach dein Gebet nicht von Lust und Laune, von Erfolg und Misserfolg abhängig, sondern stelle dich hinein in die Erfahrung vieler Beterinnen und Beter vor dir. Und siehe – es begann in mir zu beten.

Heute bin ich dankbar, mein Gebet nicht mehr zu überfordern, sondern mein ganzes Leben in Gottes Gegenwart bestehen zu versuchen. Meine eigene Gebetspraxis ist durch eine Schule gegangen. Es fällt mir immer noch schwer, aber das belastet mich nicht mehr.

Auf diesem Hintergrund habe ich eine kleine Gebetsschule entworfen; Gedankenanstöße zum stetigen und verlässlichen, persönlichen Beten „auf der Bettkante“. Die Gebetsschule beansprucht keine Vollständigkeit, sie ist keine systematische Abhandlung und kein Grundkurs. Dafür ist alles, was ich hier vorstellen darf, selbst erarbeitet und erbetet, in Seminaren durchdiskutiert, in Exerzitien zu bedenken gegeben und in der Praxis ausprobiert. Ich stelle ausschließlich Gebetsweisen vor, die ich selbst praktiziert habe, denn über das, was man nicht kennt, soll man besser schweigen.

Das wichtigste Thema des Glaubens

Etwas grundsätzlicher gehalten sind die beiden ersten Impulse: „Das göttliche Du – der persönliche Gott“ und „Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm – Christen beten anders“. Darin geht es zunächst um die Gottesfrage, das zurzeit wichtigste Thema des Glaubens, denn der Ungläubige oder Gleichgültige nimmt keine Gottesbeziehung auf (Gott bietet sie ja immer an), kann von daher nicht „Du“ sagen und betet folglich auch nicht. Dann geht es um die zweitwichtigste Frage des Christentums, die Rechtfertigung bzw. die Frage nach dem unterscheidend Christlichen, denn wer sich von Gott finden lässt (die Suche nach Ihm ist im Christentum ja nicht mehr nötig, wir sind Gefundene), glaubt, betet und handelt anders. Beide Kapitel habe ich sehr komprimiert, aber man merkt ihnen sicher an, dass hier viel Herzblut geflossen ist. Insbesondere die Unterscheidung zwischen Glaube und Religion ist für mich hilfreich, mir der Bedeutung Jesu Christi für mich ganz persönlich bewusst zu werden, wenn sie auch etwas überspitzt und pointiert geraten ist.

Die weiteren Impulse sind praktische Anregungen, eine eigene geistliche Ordnung zu entwickeln und verschiedene Gebetsweisen und Methoden kennen zu lernen, immer zu verstehen als geistliches Buffet, aus dem jede und jeder auswählen mag, was zu ihr und ihm passt.

Ich wünsche mir, dass diese Online-Gebetsschule in Corona-Zeiten im doppelten Sinn zum Lesen einlädt: Anregungen zum Lesen und zum Auflesen, zum Sich-Einsammeln vor Gott.

Bis morgen!
Stefan Jürgens