Kevelaerer Priester wohnt mit seinen Schwestern zusammen

Ferienlager-Urgestein Janssen (96): „Ich hab so Sehnsucht nach Ameland“

Anzeige

Ein Interview mit dem Kevelaerer Priester Hubert Janssen (96), Gründer des Kinderferienwerks Ameland, ist nicht denkbar ohne ein Interview mit seinen Schwestern Marianne und Liesel. „Wir“, sagen die drei meistens, wenn es um Erinnerungen geht. Und sie hoffen, dass demnächst noch eine Ameland-Fahrt möglich ist.

Ein Interview mit Hubert Janssen ist nicht denkbar, ohne ein Interview mit seinen Schwestern. Bekannt wie ein bunter Hund ist der inzwischen 96-jährige Priester vor allem für das Kinderferienwerk Ameland, dem er seit 1953 einen Großteil seiner Kraft und Fantasie gewidmet hat. Aber auch die Organisation der Ameland-Ferienlager hätte er ohne seine Schwestern wohl nur halb so gut hinbekommen. „Überall, wo du Kaplan warst, sind wir mit Kindergruppen nach Ameland gefahren“, sagt Marianne Janssen. „Und du warst Chefköchin“, sagt Hubert Janssen.

Hubert Janssen wohnt mit zwei Schwestern in Kevelaer, 1995 ist er als Emeritus in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Liesel (84), die Jüngste der insgesamt sechs Janssens, sitzt still dabei und sorgt für die Bewirtung. Marianne (95) ist seit 1956 die Haushälterin ihres älteren Bruders, die beiden sagen meistens „wir“, wenn es um Erinnerungen geht.

Gut katholische Familie – bis auf eine Hugenottin

Familienbande spielen bei den Janssens eine riesige Rolle. Das ganze Esszimmer ist voller Familienerinnerungen, zahllose Fotos klemmen an der Vitrine: von gemeinsamen Erlebnissen auf Ameland, der früh nach Kanada ausgewanderten Schwester und neunfachen Mutter Irmgard, dem Professoren-Bruder Friedrich (88), dem im Krieg gefallenen Bruder und Kunstschmied Josef, aber auch eins von Johannes Paul II. mit den Janssens.

„Die Verwandtschaft war gut besetzt mit Pastören“, sagt Hubert. „Aber es gab auch Ausreißer“, meint Marianne und nennt eine urgroßmütterliche französische Hugenottin und ein paar protestantische Angehörige aus dem Salzburger Land. Auch der 1837 in Goch geborene Priester Arnold Janssen, Gründer der Steyler Missionare, stamme aus einem angeheirateten Teil der Familie. „Den haben wir heiliggesprochen in Rom“, sagt Marianne. Mit dem früheren Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen habe man dagegen nichts zu tun.

Star der Familie: Onkel Edmund Janssen

Hubert, Liesel und Marianne Janssen, die für’s Foto eigens ihre Schiffsjacke trägt. Links hinten: Die Gedenkplatte für Onkel Edmund Janssen. | Foto: Cordula Spangenberg
Hubert, Liesel und Marianne Janssen, die fürs Foto eigens ihre Schiffsjacke trägt. Links hinten: Die Gedenkplatte für Onkel Edmund Janssen. | Foto: Cordula Spangenberg

Der Star der Verwandtschaft ist Mariannes Patenonkel Edmund Janssen: Jahrgang 1886, Priester, Studienrat, laut Gedenkplatte im Janssen‘schen Esszimmer „pastor et nauta – Hirte und Seefahrer“. Denn mit seinem Kapitänspatent schipperte er höchstpersönlich die ersten niederrheinischen Kinder von Kevelaer aus über den Rhein Richtung Ameland und rechnete ihnen mit seinem nautischen Spezialwissen die Badezeiten bei Flut aus.

Onkel Edmund war es also, der 1921 am Niederrhein die Ameland-Euphorie ins Rollen brachte. Hubert Janssen fuhr 1938 als Elfjähriger zum ersten Mal mit. Dann kam der Krieg und mit ihm eine Ameland-Pause. Aber kaum war Hubert Janssen 1952 zum Priester geweiht und Jugendkaplan in Duisburg-Homberg, nahm er die Sache selbst in die Hand, auch anschließend als Aushilfspriester in Rheinberg, 20 Jahre lang als Berufsschullehrer in Recklinghausen oder später als Subsidiar im Vest.

Tolle Ameland-Ferien im Strohlager – trotz Donnerbalken

Schöner als auf Ameland kann ein Sommer kaum sein. Hinten von links: Marianne, Hubert und Liesel Janssen. | Foto: privat
Schöner als auf Ameland kann ein Sommer kaum sein. Hinten von links: Marianne, Hubert und Liesel Janssen. | Foto: privat

Die Lager waren damals sehr einfach: Geschlafen wurde im Stroh des sommerlich verwaisten Kuhstalls, statt fester Toiletten gab es zunächst einen Donnerbalken, als Fortschritt galt schon ein Rondell mit Wasserhähnen für die Katzenwäsche. Pfarrer und Küchenteam wohnten allerdings beim Bauern im Haus.

Den Kindern gefiel es, alljährlich fuhren 60 bis 120 mit den Janssens. Und den Janssens gefiel der Sommer auf Ameland mit Feriengottesdiensten, Freizeitaktionen und Quetschkommoden-Abenden mindestens ebenso. „Wann haben wir eigentlich aufgehört?“, fragt Hubert. „Wir haben noch gar nicht aufgehört“, sagt Marianne – auch wenn die Corona-Pandemie allen Ameland-Fahrern und -Fahrerinnen zunächst einen Strich durch die Reisepläne gemacht hatte.

Als Kreuzfahrt-Seelsorger eine gute Zeit mit Alfred Hitchcock

Der reiselustige Hubert Janssen hatte aber noch eine zweite Leidenschaft: Als Bordpfarrer war er über 50 Jahre lang immer wieder auf Passagier- und Kreuzfahrtschiffen unterwegs, betreute Touristen und Auswandererfamilien, feierte Gottesdienste, glänzte mit Sternenkunde, führte Landausflüge und lernte auf dem Schiff auch Alfred Hitchcock persönlich kennen.

Eine Weltkarte im Flur des Hauses in Kevelaer ist gespickt mit weit über 100 Standort-Fähnchen auf allen Kontinenten. Auf diesen Reisen konnte Hubert auch die dritte Schwester Irmgard besuchen: mit dem Schiff von Bremerhaven nach Montreal, dann drei beschwerliche Tage und Nächte im Zug quer durch Kanada. „Ich war leider nicht mit“, bedauert Marianne.

„Nur wir drei“: Gottesdienst in der Hauskapelle

Als Kreuzfahrt- und Auswanderer-Seelsorger weit gereist, links im Bild die Schiffsglocke: Hubert Janssen. | Foto: Cordula Spangenberg
Als Kreuzfahrt- und Auswanderer-Seelsorger weit gereist, links im Bild die Schiffsglocke: Hubert Janssen. | Foto: Cordula Spangenberg

Inzwischen hat Hubert Janssen das öffentliche Zelebrieren von Gottesdiensten weitgehend aufgegeben. Haus-Messen feiert er aber noch regelmäßig daheim in der winzigen Kapelle in der ersten Etage. „Klein, aber schön“, sagt Hubert. „Nur wir drei“, sagt Marianne. Links und rechts vom Altar sitzen die Schwestern, in der Mitte zelebriert der Bruder.

Manchmal kommt auch Professorenbruder Friedrich zu Besuch, dann wird es eng in der Kapelle. Wenn die Brüder anschließend theologisch fachsimpeln, „dann schweigen wir“, sagt Marianne. Hubert dagegen findet: „Ich bin begleitet von zwei Damen, die aufpassen, ob ich alles richtig mache.“

Mit 96 auf dem Rad in Kevelaer unterwegs

Fit ist er aber immer noch, der hochbetagte Priester, und in Kevelaer viel mit dem Rad unterwegs. „In Holland bist du in 20 Minuten“, sagt er und erinnert sich direkt, „wie wir im Heiligen Jahr 1950 mit dem Rad von Worms nach Rom und zurückgefahren sind. Da kam ich so nach Hause“, sagt er und zeigt mit den Händen ein sehr schmales Gesicht.

Wenn er nach der Tour sein Rad wieder in der Garage unterstellt, fehlt dort seit einiger Zeit das eigene Auto. „Leider“, bedauert Marianne, „ich hab so Sehnsucht nach Ameland. Aber wie hinkommen ohne Auto?“ An Mitfahrangeboten fehlt es nicht, vielleicht klappt es ja im Sommer.