Münsters Bischof wirbt für Vertrauen

Genn verteidigt indirekt Seenotrettung im Mittelmeer

Bischof Felix Genn hat indirekt die Seenotrettung im Mittelmeer verteidigt. In seiner Predigt bei der Großen Prozession in Münster sagte Genn: „Menschen, die Leben retten, können keine Verbrecher sein.“ Der Bischof fügte hinzu: „Gesetze, die dies bezeugen, sind falsch, ganz gleich, wie laut geschrien wird.“ Der Rechtsstaat sei nötig, damit Menschen vor Unrecht geschützt würden. „Aber der Rechtsstaat tritt für Menschlichkeit ein, nicht dagegen!“

Europa lebe vom Vertrauen in die Menschlichkeit, unterstrich der Bischof. „Wir müssen und wir können ein sicherer Hafen sein, der verfolgte Menschen bei uns anlegen lässt“, sagte Genn. Der Bischof  griff in seiner Predigt das Leitwort „Was für ein Vertrauen…“ auf, unter dem im Juni der Evangelische Kirchentag in Dortmund gestanden hatte.

„Wie viel Hass wird in sozialen Netzwerken gesät!“

„Unsere Welt ist gefährdet, ob national, übernational oder global“, sagte der Bischof. Daher sei es notwendig, an das Vertrauen als Grundhaltung des Lebens zu erinnern. Ein Staat lebe vom Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. „Wir spüren in der gegenwärtigen Stunde mit großer Bedrängnis und Heftigkeit, wie gefährdet dieses Vertrauen ist“, erklärte Genn.

Grosse Prozession 2019.
Die Große Prozession führte am Sonntag durch Münster. | Foto: Stephan Kronenburg (pbm)

„Wie viel Misstrauen, wie viel Hass wird in sozialen Netzwerken gesät!“ Ohne Vertrauen sei ein Miteinander nicht möglich. Auch Europa lebe vom Vertrauen in die Menschlichkeit.

 Genn: Zerstörtes Vertrauen hat Kirchenkrise ausgelöst

Die Krise in der katholischen Kirche sei „durch zerstörtes Vertrauen abgrundtief ausgelöst worden“, sagte Genn weiter. „Das Vertrauen in diejenigen, die sich um die Schafe der Herde Christi kümmern sollten, ist zerstört worden, weil einige von ihnen junge Menschen zutiefst verletzt und verwundet haben.“

Bischof Felix Genn.
Bischof Felix Genn. | Archivbild: Michael Bönte

Grundlage für den „synodalen Weg“ in der katholischen Kirche in Deutschland könne nur das Vertrauen sein, „wenn wir im Gespräch aufeinander hören und gemeinsam um Lösungen ringen.“ Als große Hilfe bezeichnete Genn das Schreiben von Papst Franziskus zum Synodalen weg, dass er allen Teilnehmern der Prozession zur Lektüre empfahl.

„Vertrauen kann man nicht befehlen“

Vertrauen sei jedoch nicht einfach machbar. „Vertrauen kann man nicht befehlen, man kann nicht einmal darum betteln, dass ein anderer mit oder uns sein Vertrauen schenkt.“ Gewonnen werde Vertrauen nur dadurch, „dass ich mich als glaubender Christ darauf einlasse, Jesus in mein Leben einzulassen“ und ihm einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Die Große Prozession geht auf das Jahr 1382 zurück, als in Münster mehr als 8000 Menschen an der Pest starben und ein Großbrand weite Stadtgebiete verwüstete. Seit dieser Zeit ziehen aufgrund eines damaligen Gelöbnisses jedes Jahr Gläubige zu einer Buß- und Bittprozession durch die Altstadt.