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Gefahr von schweren Depressionen und Angstzustände bei Kindern

Jugendklinik-Chefarzt warnt vor den Folgen längerer Schulschließungen

  • Der Chefarzt der Clemens-August-Jugendklinik in Neuenkirchen rechnet wegen Corona mit mehr jungen schwer erkrankten Patienten.
  • Ärmere Familien sieht er als besonders gefährdete Gruppe.
  • Sein Tipp zur Vorbeugung von Corona-Koller: So oft wie möglich Bewegung an der frischen Luft.
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Zu normalen Zeiten jubeln Schülerinnen und Schüler vielleicht, wenn es heißt: „Wegen eines Wasserschadens bleibt die Schule für ein oder zwei Tage geschlossen.“ Aber wie so vieles, so ist auch das in Zeiten von Corona anders: Da sehnen Kinder eher den Moment herbei, wenn sie wieder im Englisch-, Mathe- oder Chemieunterricht sitzen dürfen – endlich!

Diese Erfahrung haben auch Dr. Andreas Romberg und seine Kollegen in der Clemens-August-Jugendklinik im oldenburgischen Neuenkirchen (Kreis Vechta) gemacht, schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr. „Wir waren sehr erstaunt, dass sogar ältere Kinder, bei denen man das nicht unbedingt erwartet, froh waren, als sie wieder zur Schule durften. Vor allen Dingen, weil sie ihre Freunde wieder treffen konnten“, sagte der Chefarzt des Caritas-Fachkrankenhauses für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Interview mit „Kirche-und-Leben.de“.

Besorger Blick auf die kommenden Wochen

Dabei sei deutlich geworden: „Kinder erleben Schule als einen wichtigen sozialen Lern-, Kontakt-, Entwicklungs- und Begegnungsraum.“ Wie sehr der Kindern in Zeiten von Distanzlernen und Schulschließungen fehlt, macht er fest an verzweifelten Fragen: „Wenn sie sagen: Ich möchte meine Freunde wiedersehen. Aber ich weiß gar nicht: Wann ist das möglich? Wann macht die Schule wieder auf?‘“

Mit Sorge blickt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, psychotherapeutische Medizin und Naturheilverfahren deshalb auf die kommenden Wochen, in denen gemeinsamer Unterricht nur begrenzt möglich ist. Auch wegen des verlängerten Lockdowns rechnet er mit deutlich mehr psychisch erkrankten Kindern, Jugendlichen und auch Eltern. Weil das Zusammensein mit Freunden erwiesenermaßen als Schutzfaktor gegen psychische Erkrankungen wirken könne – und nun fehle.

Mehr Familien als sonst suchen Hilfe

Dr. Andreas Romberg
Dr. Andreas Romberg ist seit 20 Jahren Chefarzt in der Clemens-August-Jugendklinik im oldenburgischen Neuenkirchen. | Foto: Dietmar Kattinger (LCV)

„Wir spüren schon jetzt, dass die psychischen Belastungen der Kinder und Jugendlichen besonders hoch sind. Die Betroffenen leiden unter anderem an schweren Depressionen und Angstzuständen.“ Der Mediziner kann dies an den Zahlen seiner Klinik ablesen. Das Haus mit 67 stationären und 14 Plätzen für Tagespatienten verzeichne im Winter zwar auch in normalen Jahren mehr Anfragen als im Sommer. Doch jetzt komme die Corona-Epidemie noch obendrauf. „Die Zahl der Hilfe suchenden Familien ist noch einmal gestiegen.“

Bei den Anfragen gehe es nicht immer nur um Lockdown oder geschlossene Schulen. Betroffen seien zum Beispiel auch Kinder, die dazu neigen, in Angstspiralen zu geraten. Etwa wenn es um die Befürchtung geht, andere anzustecken, etwa die eigenen Großeltern. Andreas Romberg: „Wir versuchen dann, ihnen mit Informationen zu helfen. Aber die Grundsorge, dass Oma und Opa erkranken, bleibt und kommt für sie noch oben drauf.“

Besonders ärmere Familien sind gefährdet

Corona sei eine Belastungsprobe für Familien mit Kindern. Dazu zähle auch das Gefühl von Unsicherheit. Derzeit kann niemand verlässlich vorhersagen, wann sich die Lage normalisiert. Das erschwert nach Rombergs Ansicht die Situation. „Es kann sein, dass wir einen Marathon gehen müssen, vielleicht ja sogar über die nächsten Jahre.“ Das trifft nach Ansicht des Mediziners mit 20-jähriger Erfahrung als Chefarzt besonders ärmere Familien. „Die Kraft für einen solchen Marathon verlässt oft diejenigen, die eh schon kämpfen müssen, weil sie vielleicht in prekären Verhältnissen leben.“

Andreas Romberg: „Armut ist ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung.“ Nun komme hinzu: „Kinder, die in prekären Verhältnissen mit ihren Familien leben, werden in der Pandemie sehr schnell abgehängt, was ihre schulische Situation betrifft.“ Dabei geht es zum Beispiel darum, ob diese Kinder über Laptops oder Tablets verfügen. Wenn digitales Lernen schon schwierig sei für gut situierte Familien, so sei das für Kinder aus ärmeren Familien noch schwieriger.

Mehr übergewichtige Kinder befürchtet

Manchen Kindern fehlt zudem die Versorgung in den Schulkantinen. Andreas Romberg spricht sich deshalb dafür aus, dies durch direkte Geldzahlungen oder Essensgutscheine auszugleichen. Zudem müssten unterstützende Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe unbedingt offen gehalten werden.

Was dagegen unabhängig von der materiellen Situation jeden und jede betreffe, sei das weggefallene Vereins- und Sportangebot. Andreas Romberg warnt: „Damit steigt das Risiko für Übergewicht. Kinder nehmen zu, weil sie seit Monaten nicht mehr beim Fußball sein können.“

Der Chefarzt rät: So oft wie möglich nach draußen!

Der Chefarzt rät daher allen, Kindern wie Erwachsenen, so oft wie möglich nach draußen zu gehen. Das gelte für Eltern wie für Kinder. „Es tut gut, wenn sich Kinder auf Spielplätzen auspowern. Das ist ganz wichtig.“ Weil es körperlich fit halte, aber nicht nur darum. Bewegung und Licht seien erwiesenermaßen stabilisierende Faktoren für die psychische Gesundheit. Sein Tipp: Man solle sich nicht von bedecktem Himmel abhalten lassen. Denn auch dieses wenige Licht sei immer noch gesünder als das drinnen. „Das ist eine gute Möglichkeit, gesund zu bleiben. Das hilft auch, den Stress abzubauen.“

Die Clemens-August-Jugendklinik, Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie gehört zur kirchlichen Clemens-August-Stiftung mit Sitz in Neuenkirchen-Vörden (Landkreis Vechta). Die Klinik bietet Platz für 67 stationäre und 14 Patienten in der Tagesklinik. Sie fungiert als Rund-um-die-Uhr-Notfallversorger für die Landkreise Vechta und Cloppenburg und behandelt Patienten vom Kindergartenalter bis zum Jugendlichen.

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