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Mirco Metjer findet vorübergehende Bleibe bei Cloppenburger Kirchengemeinde

Küster holt Obdachlosen aus der Kälte ins Pfarrheim

  • Schon seit Tagen übernachtete Mirco Metjer unter einem Vordach bei der Cloppenburger St.-Antonius-Kirche. Angebote, in ein Gebäude umzuziehen hatte er abgelehnt.
  • Als die Radios vor dem erneuten Wintereinbruch warnten und die ersten Flocken fielen, bot ihm Küster Jürgen Heckmann an, doch wenigstens in den Flur des Pfarrheims umzuziehen.
  • Seither übernachtet der Wohnungslose dort – und träumt von einem Wohnwagen.
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Als sich am Sonntagabend vor dem großen Wintereinbruch Schneestürme und Frost ankündigten, ist Jürgen Heckmann noch einmal zum Pfarrheim gefahren. „Ich wusste ja, dass Mirco dort ist“, sagt der Küster der Cloppenburger St.-Andreas-Pfarrei. Er wollte nach dem Obdachlosen schauen, der immer mal wieder bei der St.-Augustinus-Kirche Station macht und oft unter einem Vordach seine Nächte verbringt, bei Wind und Wetter.

Und richtig! Während das Radio stündlich vor dem heraufziehenden Unwetter warnte, lag Mirco Metjer wie üblich auf einer Isomatte in seinem Schlafsack, nur geschützt durch eine Bauplane. Die ersten Schneeflocken fielen da schon vom Himmel. Und Jürgen Heckmann war sofort klar, was zu tun ist.

Jetzt mit Heizkörper und Waschraum

Küster Jürgen Heckmann
Küster Jürgen Heckmann  hat Mirco Metjer davon überzeugt, in den Pfarrheimflur umzuziehen. | Foto: privat

Dabei wusste er, dass der Mann im Schlafsack Angebote dieser Art eigentlich strikt ablehnt: sich vor Regen oder Kälte in einem Gebäude in Sicherheit zu bringen. Schon öfter hatte  ihm der Küster der St.-Andreas-Pfarrei einen wärmeren Platz in einem Gebäude der Gemeinde angeboten, immer vergeblich. Diesmal jedoch gelang ihm, ihn umzustimmen.

Vielleicht trugen auch die Aussicht auf den warmen Heizköper im Flur des Pfarrheims samt Zugang zu den sanitären Anlagen das ihre dazu bei, dass Mirco Metjer seinen Facebook-Freunden kurz darauf schrieb: „Es braucht keiner Angst zu haben, dass ich erfriere. Ich bin im Vorflur der St.-Augustinus-Gemeinde. Der liebe Hausmeister hat mir die Tür aufgemacht.“

Seit 1997 lebt er auf der Straße

Mirco Metjer ist Wind und Wetter gewohnt. Seit 1997 ist der 46-Jährige auf der Straße unterwegs, vorwiegend in Nordwestdeutschland, mal in Richtung Hannover, mal in Richtung Emsland. Und immer wieder steuert der gebürtige Ostfriese mit Fahrrad und Anhänger auch die Stadt Cloppenburg an.

„An die Kälte gewöhnt sich der Körper“, sagt er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“, „und im Schlafsack ist es sowieso warm.“ Bis minus 25 Grad könne er es draußen aushalten. Dennoch spürt er mit den Jahren die Auswirkungen dieses Lebens auf seine Gesundheit. „Meine Knochen sind ziemlich kaputt“, sagt er „Und es kommt jedes Jahr etwas Anderes dazu.“ Seit dem vergangenen Jahr ist Metjer Diabetiker und muss Tabletten schlucken. „Morgens und abends eine Tausender Insulin“, verrät er.

Der Lockdown hat auch Konsequenzen für den Obdachlosen

Die Krankheit schränkt auch seine Ernährung ein. „Ich muss auf Kohlehydrate achten.“ Deshalb sind warme Mahlzeiten ein Problem. „Weil da zu  viel Zucker drin ist.“ Oft muss ein Butterbrot ausreichen. Die Nächte verbringt Mirco Metjer derzeit im St.-Augustinus-Pfarrheim. Tagsüber hält er sich entweder draußen auf oder sucht Schutz in den Supermärkten, die trotz Corona noch offen sind. Auch der Obdachlose bekommt die Folgen der Pandemie zu spüren.

Seinen Kaffee darf er nur noch draußen trinken. In die Fußgängerzone kann er sich mit seinem Sammelhut nicht mehr setzen. Das Geld vom Amt muss reichen. Etwas mehr als 14 Euro beträgt der Tagessatz. Wegen der Corona-Pandemie gibt es die nicht mehr wöchentlich sondern für 14 Tage auf einen Schlag. Mit einem Strichcode-Gutschein kann er die Summe bei bestimmten Supermärkten oder Drogerien gegen Bares einlösen. Zum Waschen und Duschen nutzt er im Moment zum Beispiel Raststationen für LKW-Fahrer.

Seit 21 Jahren kein Tropfen Alkohol

Mirco Metjer.
Mirco Metjer. | Foto: privat

Mirco hat sich an das Leben gewöhnt. Auch wenn er es manchmal bereut, als junger Mann auf der Straße gelandet zu sein. „Damals hatte ich eben falsche Freunde, habe gesoffen ohne Ende. So ist das dann gekommen“, sagt er. Das mit dem Trinken ist aber lange vorbei. Seit 21 Jahren hat er keinen Tropfen mehr angerührt.

Ein Ausstieg aus dem Leben auf der Straße ist trotzdem schwierig. Mircos großer Traum: irgendwann in einem Wohnwagen zu leben, irgendwo auf einem kleinen Grundstück endgültig festzumachen. Aber das sei nicht so einfach. „Letztes Jahr hätte ich einen Wohnwagen kriegen können. Aber solange man kein Privatgrundstück findet, wo man sich anmelden kann, klappt das nicht.“

Hilfe ist selbstverständlich und menschlich

Stattdessen hat er sich vor ein paar Wochen einen anderen Traum erfüllt: ein E-Bike aus dem Sonderangebot. Das habe er sich nach und nach zusammengespart. Aufladen kann er zurzeit im Pfarrheimflur. „Und sobald die Radwege wieder befahrbar sind, geht es weiter. Wahrscheinlich erst mal Richtung Emsland.“

Fürs Erste bleibt er aber noch in Cloppenburg. Küster Heckmann schaut jeden Abend vorbei. „Ich kenne ihn ja schon lange und weiß: Auf Mirco ist Verlass.“ Eine Zeit lang habe er sich zum Beispiel gewundert, wer wohl die Müll-Container regelmäßig an die Straße schiebt. „Bis ich herausfand: Das war Mirco!“ Die Sache mit dem Pfarrheimflur ist in Jürgen Heckmanns Augen kein großes Ding. „Das ist keine große Aktion der Kirche. Das ist keine Heldentat. Das ist einfach nur selbstverständlich und menschlich.“

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