Informationsveranstaltung in Rhede: Bistum Münster nennt Fakten

Missbrauch: Versagen der Verantwortlichen im Fall Pottbäcker

Das Bistum Münster hat offengelegt, dass sowohl die kirchlichen Strukturen als auch Verantwortliche in der damaligen Bistumsleitung große Mitschuld am sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch den verstorbenen Priester Heinz Pottbäcker hatten. Auf einer Informationsveranstaltung in Rhede, wo die Untersuchungen durch ein Opfer aktuell angestoßen wurden, informierten Vertreter des Bistums die Pfarrmitglieder über die Fakten des Falls. Zugleich kündigten sie weitere Untersuchungen an, um das jahrzehntelange Vertuschen der Taten aufzuklären und Verantwortliche dafür benennen zu können.

Ein „widerwärtiges Verbrechen“, nannte Bischof Felix Genn die Taten Pottbäckers in einer Stellungnahme, die im voll besetzten Pfarrsaal Zur Heiligen Familie in Rhede verlesen wurde. „Der Missbrauch in dieser Form war nur möglich durch ein System der Vertuschung und des Nichthinsehens.“ Während der Priester tätig war, als auch bei der späteren Auseinandersetzungen mit seinen Vergehen sei zu sehr darauf geachtet worden, das Wohl der Institution Kirche nicht zu beschädigen. „Es wurde viel zu wenig auf das Leid der Opfer geschaut.“

Unbegreifliches Handeln

Der stellvertretende Generalvikar Jochen Reidegeld, der das Bistum in Rhede vertrat, legte dar, dass nur durch das Nichtstun der Verantwortlichen ein solches Ausmaß des Missbrauchs möglich gewesen sei. Darin liege ihre große Schuld: „Ein Gedanke ist nie aufgekommen: Heinz Pottbäcker zu suspendieren, zu laisieren und ihn ganz aus dem Dienst der Kirche zu nehmen.“ Es sei für ihn unbegreiflich, dass „Verantwortliche der Kirche im Bistum Münster auf so schwere und für die Betroffenen schlimme Weise versagt haben“.


Viele Gemeindemitglieder waren zur Informationsveranstaltung des Bistums in den Pfarrsaal Zur Heiligen Familie in Rede gekommen. | Foto: Michael Bönte

Pottbäcker war von 1971 bist 1973 Kaplan in der Pfarrgemeinde Zur Heiligen Familie in Rhede gewesen, obwohl er bereits 1968 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war. In der Kaplanszeit missbrauchte er weitere Jungen. Ein dortiges Opfer hatte sich erst kürzlich dazu durchgerungen, seinen Missbrauch öffentlich zu machen. Daraufhin war die Aufarbeitung seitens des Bistums angestoßen worden. Mittlerweile haben sich weitere Opfer gemeldet. Im Zuge der Recherche durch die Missbrauchskommission des Bistums wurde deutlich, dass Pottbäcker nach seiner plötzlichen Abberufung aus Rhede an weiteren Orten in der Seelsorge im Einsatz war, etwa als Religionslehrer an einer Berufsschule und als Pfarrer in Recklinghausen. Dort wurde er 1983 erneut wegen des sexuellen Missbrauchs von Jungen verurteilt.

Die Bistumsleitungen muss etwas gewusst haben

„Es gibt keine Zweifel, dass die Bistumsleitung in jenen Jahren von diesen Hintergründen wusste“, sagte Hermann Kahler, ehemaliges Mitglied der Missbrauchskommission im Bistum Münster, bei der Vorstellung der Faktenlage. Zwar sei die Personalakte äußerst lückenhaft, bei den Versetzungs-Entscheidungen hätten die Bischöfe und Generalvikare jener Jahre aber involviert sein müssen. Aber lediglich der Name des damaligen Generalvikars und späteren Bischofs von Münster Reinhard Lettmann sei im Zusammenhang der Versetzung Pottbäckers nach Rhede in einem Dokument zu finden gewesen. Die Straffälligkeit Pottbäckers habe ihm und allen anderen Beteiligten durch die Gerichtsurteile jedoch bekannt sein müssen.


Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar im Bistum Münster, stellte die Fakten des Missbrauch-Falls in Rhede vor. | Foto: Michael Bönte

Auch Reidegeld erklärte, dass die bislang durchsuchten Personalakten für die Aufarbeitung des Falls nicht ausreichend seien. „Es lässt sich daraus kein konkreter Rückschluss ziehen, wer von den damals Haupt-Verantwortlichen was genau wusste und wer was entschieden hat.“ Deshalb werde man jetzt die Untersuchungen ausweiten, etwa die Korrespondenz der Bistumsleitung und Protokolle von Personalkonferenzen durchleuchten. Das werde, wie auch bei den bisherigen Untersuchungen, durch unabhängige Dritte geschehen.

Weitere Fälle sollen ähnlich vorangetrieben werden

Die Vorgehensweise im Fall Pottbäcker wird Vorbild für vergleichbare Fälle sein, sagte Reidegeld. Die Offenlegung des Sachverhalts will die Bistumsleitung bei der Aufarbeitung anderer Taten künftig vergleichbar vorantreiben. Die Begleitung der betroffenen Pfarreien und vor allem Hilfen jeglicher Form für die Opfer werde das Bistum weiter intensivieren.

Zur zum Teil emotional geführten Diskussion der Veranstaltung in Rhede gehörten auch Informationen über Folgen des Missbrauchs für die Opfer, über Prävention und möglich Hilfs- und Beratungsangebote. Der Bischof versprach in der zum Abschluss verlesenen Stellungnahme, „alles zu tun, was mir möglich ist, um sexuellen Missbrauch in unserer Kirche heute und in Zukunft zu verhindern – daran will ich mich messen lassen“.